Mittwoch, 15. August 2018

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Mit Bluterguss und Spucke: Wie Blutegel viele Leiden lindern

Blutegel hemmen die Entzündung und unterstützen das Abschwellen.

02.06.2014
Von: Dr. Barbara Kreutzkamp, Foto: thinkstock
Artikel Nummer: 22409
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Mit Bluterguss und Spucke: Wie Blutegel Leiden lindern

In vielen traditionellen Medizinsystemen der Welt hat die Blutegeltherapie großen Stellenwert. Bei uns wird sie bei Arthrose und Schmerzen angewendet.


Die Blutegeltherapie wirkt multimodal. Durch den Biss des Blut­egels dringen mit dem Egelspeichel zahlreiche pharmakologisch aktive Substanzen in das Gewebe, unterstützt durch den „Spreading“-Faktor Hyaluronsäure, der die lokale Sub­stanzverteilung im umliegenden Gewebe fördert.

Hirudin ist Leitsubstanz

Leitsubstanz der Egelsaliva ist Hirudin, ein Blutgerinnungshemmer mit zusätzlichen entzündungshemmenden und antirheumatischen Eigenschaften. Daneben sind noch rund 30 weitere gerinnungshemmende und antientzündlich wirksame Stoffe bekannt.


Zusätzlich löst die bissinduzierte Irritation lokale und segmentale antinozizeptive Wirkungen aus, der Blutverlust von 20 bis maximal 50 ml pro Egel hat leicht hämodilatorische Effekte. Durch das exotische Setting kommen im Einzelfall noch unspezifische Placebowirkungen hinzu.


Die Gonarthrose ist durch insgesamt vier kontrollierte klinische Studien das am besten dokumentierte Einsatzgebiet. Alle Studien kommen zu positiven Ergebnissen mit einem deutlichen Rückgang der Beschwerden um bis zu 70 %. Die Wirkung hält über drei bis sechs Monate an, Wiederholungsbehandlungen sind möglich.

Indikationsgebiete: von Arthrose bis Zoster

Besonders Erfolg versprechend scheint die Behandlung bei Patienten, bei denen periartikulär Periost, Muskelansätze und Bindegewebszonen (Kibler-Falte) schmerzhaft sind. Eine gleichzeitig vorliegende Baker-Zyste kann sich deutlich verkleinern. Zu Rhizarthrose und chronischer Epikondylitis liegt jeweils ein positiver Wirksamkeitsnachweis vor.


Eine klinische Studie zum chronischen Rückenschmerz (vor allem LWS-, ISG-, HWS-Syndrome, Zervikobrachialgie) wird derzeit in der Abteilung für Naturheilkunde des Immanuel-Krankenhauses Berlin durchgeführt. In diesem Indikationsgebiet profitieren vor allem Patienten mit schmerzhaften paravertebral gelegenen Myogelosen und Bindegewebszonen, so Professor Dr. Andreas Michalsen von der Abteilung für Naturheilkunde im Immanuel-Krankenhaus Berlin in seinem Übersichtsartikel.

Nur geringe Nebenwirkungen

Daneben bieten sich als Einsatzmöglichkeiten eine Schulterarthrose bzw. das Schulterarmsyndrom, eine Hüft­arthrose (schlanke Patienten mit zusätzlichen schmerzhaften oberflächlichen muskulären und sehnigen Strukturen), Gicht-Arthritis (vor allem Podagra), rheumatoide Arthritis (chronische Affektionen größerer proximaler Gelenke mit Schwellungen) sowie Tendinosen an.


Bei der Fibromyalgie sollten dagegen lokale Therapien insgesamt zurückhaltend eingesetzt werden, um die Krankheitsbewältigung der Patienten nicht zu stark zu behindern.


Neben den Arthrosen bilden Erkrankungen des venösen Systems, wie Varikosis und venöse Ulzera, sowie Erkrankungen des Ohres (Tinnitus, Otitis media und externa), ausgeprägte, wochenlang nicht resorbierte Hämatome, Abszesse sowie Herpes zoster Einsatzgebiete der Blutegeltherapie.

Nicht überrascht sein: Hämatome gibt´s fast immer

Allerdings müssen die individuellen Gegebenheiten beim Patienten vor Indikationsstellung überprüft und Kontraindikationen beachtet werden (siehe Infokasten). Die Behandlung wird allgemein gut vertragen, die Schmerzen durch den Biss sind akzeptabel. Nach dem Abfallen oder Ablösen der Egel kann es bis zu 24 Stunden noch eine leichte Sickerblutung geben, die Blutverluste sind hierbei aber minimal.


Bei 20 bis 40 % der Patienten besteht über etwa zwei bis drei Tage ein tolerabler Juckreiz, Kratzen sollte vermieden werden. Außerdem bilden sich regelmäßig kleine Hämatome sowie größere akute Rötungen, die sich ebenfalls komplikationslos zurückbilden. Schwere sekundäre Wundinfektionen oder septische Verläufe sind sehr selten.


Für in der Blutegeltherapie Unerfahrene bzw. zur weiteren Vertiefung bietet sich der Besuch eines Kurses oder die Hospitation in spezialisierten Praxen oder Kliniken an.



Kontraindikationen 
für die Blutegeltherapie:

Absolute Kontraindikationen

Hämophilie, medikamentöse Antikoagulation, Anämie, erosive Gastritis, Hochrisiko für gastrointestinale Blutung, akute Infektionskrankheiten, schwerwiegende Organerkrankungen, Immunsuppression, ausgeprägte allergische Diathese, Schwangerschaft, Keloidneigung


Relative Kontraindikationen

Einnahme von Clopidogrel und neueren Thrombozytenaggregationshemmern (reduzierte Anzahl von Blutegeln einsetzen)


Quelle: Andreas Michalsen, zkm 2014; 6: 10-16

 

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