Samstag, 22. September 2018

Fokus Medizin

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11.04.2018
Von: Claudia Benetti
Artikel Nummer: 26372
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Für die Supplementation von Vitamin D besteht ein therapeutisches Fenster

In der Schweiz hat jedes zweite Kind und jeder zweite Erwachsene einen zu tiefen Vitamin-D-Spiegel. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt, einen Mangel täglich mit 600 IE und ab 60 Jahren mit 800 IE zu behandeln.


Eine Gruppe in Zürich untersuchte in einer Sturzstudie, ob eine höhere monatliche Dosierung effektiver ist. Die überraschenden Resultate präsentierte Professor Dr. Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der geriatrischen Klinik am UniversitätsSpital und Stadtspital Waid in Zürich, anlässlich eines Symposiums von Mylan am Forum für medizinische Fortbildung (FomF).

Die Sturzprophylaxe ist bei älteren Menschen ein wichtiger Pfeiler in der Prävention von Frakturen und setzt idealerweise am Knochen und an der Muskulatur an. «Eine einfache, effektive und kostengünstige Massnahme ist eine Vitamin-D-Supplementation, die wir zur Prävention von Stürzen und Frakturen immer nutzen sollten», betonte die Expertin. Bei einem Vitamin-D-Mangel führt die Supplementierung zu einer Zunahme von Anzahl und Durchmesser der Muskelfasern, insbesondere der Typ-2-Muskelfasern, die wichtig sind, um schnell reagieren und Stürze abfangen zu können.

 

Sehr hohe Spiegel provozieren Stürze

 

Metaanalysen hochqualitativer Studien bei Menschen im Alter von 65+ zeigen zudem, dass mit der oralen Einnahme von täglich 800–1000 IE Vitamin D jeder dritte Sturz und jede dritte Hüftfraktur verhindert werden. Diese Daten sind die Grundlage für die aktuellen Empfehlungen in der Schweiz, Vitamin D bei einem Mangel zu supplementieren.

In der Zürcher Sturzstudie untersuchte die Gruppe um Prof. Bischoff-Ferrari, ob eine höhere monatliche Bolus-Dosierung bei einem Vitamin-D-Mangel effektiver ist als die vom Bundesamt für Gesundheit für die Supplementation bei Senioren empfohlene von 800 IE täglich oder äquivalent 24 000 IE monatlich. Die Ergebnisse zeigten überraschend, dass eine Hochdosis-Vitamin-D-Gabe keine Vorteile gegenüber der Standarddosis von monatlich 24 000 IE bringt, sondern im Gegenteil das Sturz-Risiko erhöht. Die mittlere Anzahl Stürze war am kleinsten bei den Studienteilnehmern, bei denen der 25-OH-D-(25-Hydroxy-Vitamin-D-)Spiegel auf den unteren Normbereich zwischen 21 und 30 ng/ml angehoben wurde. Erhöht war das Sturzrisiko bei den Studienteilnehmern mit einem Blutspiegel von 45 ng/ml.

 

Kein Risiko für die Herz-Kreislauf-Gesundheit

 

«Mit monatlich 24 000 IE oder äquivalent täglich 800 IE können wir den 25-OH-D-Spiegel bei 97 % der älteren Menschen in den optimalen Bereich zwischen 21 ng/ml und 30 ng/ml anheben, der auch mit dem kleinsten Sturzrisiko einhergeht», lautete das Fazit der Referentin. Ein Vitamin-D-Mangel solle deshalb wie vom BAG empfohlen immer behandelt werden, dabei aber sollten sehr hohe Spiegel wegen des Sturzrisikos vermieden werden.

Wie Prof. Bischoff-Ferrari anhand von Daten aus grossen Kohortenstudien sowie klinischen Studien weiter darlegte, stellt eine Supplementierung von Vitamin D kein Risiko für die Herz-Kreislauf-Gesundheit dar. Im Gegenteil: Die im Lancet Endocrinology im Jahr 2014 publizierte sequenzielle Metaanalyse aller Interventionsstudien mit Vitamin D von Bolland wies unter einer Vitamin-D-Supplementation gar eine signifikante Reduktion des Mortalitätsrisikos um 4 % nach. 

Vitamin D sollte nach den Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit auch dann verabreicht werden, wenn Kalzium supplementiert werden muss. Denn die kombinierte Supplementierung mit Vitamin D ist bezogen auf die Fraktur-Effizienz, die Reduktion des Sturzrisikos sowie auch bezogen auf die kardiovaskuläre Sicherheit einer Monotherapie mit Kalzium überlegen.

Eine gegenteilige Aussage, nämlich dass die Kalzium-Supplementation das Risiko für das Auftreten eines Myokardinfarktes relativ um signifikante 31 % erhöhe, lieferte im Jahr 2010 eine Metaanalyse von Bolland et al.1 «Das Herzinfarktrisiko war jedoch hauptsächlich bei den Menschen erhöht, die bereits über die Ernährung gut mit Kalzium versorgt waren. Wir empfehlen deshalb, die Kalziumaufnahme mithilfe eines einfachen Fragebogens zu erfassen und Kalzium bedarfsgerecht zu supplementieren», erklärte Prof. Bischoff-Ferrari. Da in der Regel selbst hochbetagte Menschen täglich 500 mg Kalzium problemlos über die Ernährung einnehmen, genügten Kalzium-Supplement-Dosierungen zwischen 300 mg und 500 mg in Kombination mit Vitamin D, um die von der Schweizerischen Vereinigung gegen Osteoporose (SVGO) zur Osteoporose-Prophylaxe empfohlenen 1000 mg Kalzium täglich aufzunehmen.

 

Bei älteren Menschen reicht bereits ein Glas Milch täglich

 

Milchprodukte werden in der Altersmedizin als natürliche Kalziumquellen favorisiert. Sie sind reich an Kalzium und Phosphat und liefern ausserdem wertvolle Proteine, die für die Knochen- und Muskelgesundheit einen wichtigen Faktor darstellen.

«Wie unsere Zusammenfassung grosser Kohortenstudien zeigt, genügt bei älteren Menschen ein Glas Milch pro Tag, um das Hüftfrakturrisiko bei Frauen um 5 % und bei Männern um 9 % zu senken», erklärte Prof. Bischoff-Ferrari. Einen Hinweis, dass eine hohe Milchzufuhr das Herz-Kreislauf-Risiko negativ beeinflussen könnte, gebe es nicht.

 

1. Bolland MJ et al. BMJ. 2010 Jul 29; 341: c3691. doi: 10.1136/bmj.c3691.

 

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