Samstag, 22. September 2018

Fokus Medizin

iStock/NataliaDeriabina

10.09.2018
Von: CB
Artikel Nummer: 26416
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Diabetes-Screening für jede Schwangere

Für das Management des Gestationsdiabetes besteht seit wenigen Jahren ein internationaler Konsens. In der Schweiz empfehlen deshalb auch die Fachgesellschaften SGGG* und SGED** für alle Schwangeren ein Screening, tiefere Grenzwerte für die Diagnose und postpartale Massnahmen.


Die aktuellen Richtlinien erläuterte der Internist und Endokrinologe/Diabetologe Dr. Lukas Villiger vom Ärztezentrum Täfernhof in Dättwil am Forum für medizinische Fortbildung.

Der Grenzwert für Gestationsdiabetes (GDM) wurde in den letzten Jahren gleich mehrmals gesenkt, von 6,5 mmol/l auf aktuell 5,1 mmol/l Nüchternblutzucker. Die Reduktion geht einher mit einem tieferen Risiko für maternale und fetale Komplikationen, insbesondere für Makrosomie. «Doch der tiefe Schwellenwert führt auch zu deutlich mehr Gestationsdiabetes-Diagnosen», betonte Dr. Villiger. Die meisten Schwangere hätten lediglich eine genetische Disposition für einen Diabetes und bräuchte keine Therapie mit Insulin.

Der internationale Konsens hat auch zu Neuerungen in der Schwangerschaftsbetreuung geführt: So empfehlen die Schweizer Fachgesellschaften jeder Schwangeren, einen oralen Glukosetoleranztest mit 75 g Glukose (OGT-75) zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche (SSW)durchzuführen. Bei Frauen mit Risikofaktoren (z. B. früherer GDM, BMI über 27 kg/m2, früheres Kind mit Geburtsgewicht über 4 kg, Typ-2-Diabetes in der Familie, nicht kaukasische Abstammung) sollte der OGT-75 bereits in der 12. SSW durchgeführt und bei einem negativen Resultat in der 24.–28. SSW wiederholt werden.

«Für die Diagnose GDM muss der Blutzucker – anders als bei Nichtschwangeren – nur einmal erhöht sein», betonte Dr. Villiger. Die Blutzuckermessung sollte zudem im venösen Plasma erfolgen. Wird Vollblut untersucht, dann müssen 11 % zum Ergebnis dazugezählt werden.

«Tatsächlich muss allerdings nicht immer ein OGT-75 durchgeführt werden, der für die meisten Schwangeren ja sehr unangenehm ist», so der Experte. Als Alternative empfiehlt sich in der Praxis ein Zwei-Stufen-Vorgehen. Dabei wird zunächst der Nüchternblutzuckerwert bestimmt. Liegt dieser unter 4,4 mmol/l, kann ein GDM ausgeschlossen werden. Liegt er über 5,1 mmol/l, ist die Diagnose GDM sicher. «Bei Werten zwischen 4,4 und 5,1 mmol liegt ein GDM vor, wenn mit dem OGT-75 nach Einnahme der Glukoselösung ein 1-Stunden-Wert über 10 mmol/l und ein 2-Stunden-Wert über 8,5 mmol/l gemessen wird», führte Dr. Villiger aus.

Die korrekte Durchführung des OGT-75 ist wichtig: «Die Schwangere muss mindestens seit acht Stunden nüchtern sein, vor dem Test nicht tagelang gelegen und auch nicht fünf Tage lang kohlenhydratarm gegessen haben», sagte der Experte. Überdies sollten die 75 g Glukose, z. B. in drei Deziliter Wasser oder Tee aufgelöst, nicht mit einem Sturztrunk aufgenommen werden, sondern langsam, in kleinen Schlucken, über 4–5 Minuten verteilt. Danach sollte die Patientin zwei Stunden lang ruhig sitzen. «Zwischen den beiden Blutabnahmen kurz einmal einkaufen gehen, kann bereits zu einem falschen Resultat führen», betonte Dr. Villiger. Denn allein mit etwas Gehen kann der Blutzucker rasch um 0,5 mmol/l absinken.

 

Orale Antidiabetika sind wenig effektiv

 

Die Basistherapie eines GDB umfasst Lebensstilveränderungen und in zweiter Linie Insulin. Orale Antidiabetika wie Metformin sind in der Schwangerschaft nur wenig effektiv. Behandlungsziel ist, die Nüchternglukose unter 5,3 mmol/l sowie den OGT-1-Stunden-Wert auf 8 mmol/l und den OGT-2-Stunden-Wert auf unter 7 mmol/l zu senken. Liegen die Blutzuckerwerte nach zwei Wochen mit modifiziertem Lebensstil in der Tagesprofilkontrolle 20–30 % über den oben genannten Zielwerten (nüchtern, bzw. eine oder zwei Stunden nach Beginn einer Hauptmahlzeit), ist Insulin indiziert, erklärte Dr. Villiger.

Ist die Schwangere gut eingestellt, sollte der Blutzucker alle vier Wochen anhand der 4- oder 7-Punkte-Tagesprofile kontrolliert werden. Nach der Geburt kann ein Insulinstopp versucht werden. Nach der Stillzeit sollte zudem der Blutzucker kontrolliert und danach jedes Jahr der HbA1C-Wert bestimmt werden. «Denn von den Patientinnen mit einem GDM haben 30–50 % zehn Jahre nach der Schwangerschaft einen Typ-2-Diabetes», so der Experte.

 

* Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

** Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie

 

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