Donnerstag, 19. September 2019

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12.08.2019
Von: Cornelia Kolbeck
Artikel Nummer: 26606
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Für Geld publizieren sie jeden Mist

Hohe Profitmargen locken Abzocker-Verlage an


BERLIN – Unseriöse «Fach»-Journale sind ein Problem für die Wissenschaft, denn hier geht es allein ums Geld, nicht um den Inhalt. Allerdings deutet das Publizieren in einem sog. Raubverlag nicht zwangsläufig auf eine schlechte wissenschaftliche Qualität einer Studie hin.


Publikationen sind der sichtbarste Ausweis Ihres Forscherprofils. Sie präsentieren darin mit den Ergebnissen Ihrer Arbeit auch Ihre fachliche Kompetenz, und je öfter Sie mit Ihren Publikationen zitiert werden, umso besser.» Die Plattform www.academics.de bringt mit diesen Sätzen auf den Punkt, warum Wissenschaftler aus allen Bereichen bestrebt sind, ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Fleissig publizieren auch Mediziner ihre Erkenntnisse. 

Beabsichtigter Betrug oder getäuschte Wissenschaftler?

Nicht immer stimmt die Qualität und manchmal wird betrogen. Wie 1997. Damals standen Krebsforscher im Mittelpunkt des laut «Spiegel» «spektakulärsten Fälschungsskandals der deutschen Forschung». Wissenschaftlern, die über lange Strecken ihrer wissenschaftlichen Laufbahn an den Universitäten Mainz, Freiburg, am Max-Delbrück-Centrum Berlin sowie in Ulm zusammengearbeitet hatten, wurde wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen. Eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Dr. Mildred-Scheel-Stiftung – Deutsche Krebshilfe beauftragte Task Force fand in 94 von 347 Veröffentlichungen, bei denen Professor Dr. Friedhelm Herrmann Co-Autor war, Hinweise auf Datenmanipulationen. Bei einigen Habilitationsarbeiten zeigten sich Anzeichen auf Unregelmäßigkeiten.
Man dürfte annehmen, dass nach einem solchen Skandal ein Ruck durch die Wissenschaft geht, um die Qualitätskontrolle bei Veröffentlichungen zu sichern. Doch die Lage ist bis heute nicht optimal. Im vergangenen Jahr erteilte die DFG eine schriftliche Rüge wegen fälschungsbehafteter Publikation. Für eine direkte Manipulation gab es zwar keine Anhaltspunkte, aber die Wissenschaftlerin habe eine maximale Verantwortung für den Inhalt der Veröffentlichung und hätte die Manipulationen erkennen können.

Frisierte Forschungsergebnisse sind ein Problem. Ein anderes sind sog. Raubverlage, die seriöse Wissenschaft untergraben, weiss Kai Karin Geschuhn von der Max Planck Digital Library. Diese Unternehmen geben vor, vollwertige wissenschaftliche Fachzeitschriften herauszugeben und verlangen von den Autoren die im Open-Access-Segment üblichen Publikationsgebühren, ohne dafür die redaktionellen und publizistischen Dienstleistungen eines Fachverlags zu erbringen, z.B. ein ordentliches Peer-Review.

Wissenschaftseinrichtungen und -initiativen reagieren mit Stellungnahmen und Infokampagnen auf das dubiose Geschäftsmodell. «Die Problematik ist im Bewusstsein», meint Digitalbibliothekarin Geschuhn. Allerdings werde in der öffentlichen Darstellung oft nicht differenziert zwischen der gezielten Vortäuschung wissenschaftlicher Studien und getäuschten Wissenschaftlern, die ihre Arbeiten bei vermeintlich seriösen Verlagen einreichen und letztlich keine oder nur eine mangelhafte Begutachtung erfahren. «Unseriöse Studien und die Exis­tenz der Raubverlage stehen nicht unbedingt in einem kausalen Zusammenhang», sagt Geschuhn. Beides seien auch keine Massenphänomene, die auf einen Niedergang der wissenschaftlichen Redlichkeit hindeuteten.

Höhere Gewinne als die grossen digitalen Player

«Zu den Beweggründen dieser Verlage zählt natürlich in erster Linie ein kommerzielles Interesse», bemerkt Geschuhn. Denn dass man mit wissenschaftlichen Publikationen sehr viel Geld verdienen könne, hätten grosse prestigeträchtige Verlage bewiesen. Gewinnmargen von 30 % und mehr stünden seit Langem in der öffentlichen Kritik.

Die Betreiber der Raubverlage spekulieren auf Gebühren von einigen Hundert Euro pro Publikation. Die grossen Wissenschaftsverlage aus dem Bereich Science, Technology, Medicine (STM) erzielen dagegen jährlich global Umsätze in einer Grössenordnung von acht bis zehn Milliarden Euro durch den Verkauf von Zugangslizenzen an wissenschaftliche Bibliotheken (STM Report). «Nach einer Kalkulation der Max Planck Digital Library aus dem Jahr 2015 kostet uns im derzeitigen Publikationssystem jeder einzelne der etwa zwei Millionen jährlich erscheinenden Fachartikel mindestens 3800 Euro», berichtet Geschuhn.

Die Max Planck Digital Library drängt seit Jahren – wie viele Wissenschaftler weltweit – auf die Öffnung des Zugangs zu Forschungsergebnissen und auf eine Umstellung des Geschäftsmodells der wissenschaftlichen Verlage. Die jetzigen Ausgaben der Bibliotheken sollen in das Open-Access-Publizieren inves­tiert werden, um alle Publikationen frei zugänglich zu machen. So wurde z.B. im Rahmen des Allianz-Projekts DEAL mit dem Wissenschaftsverlag Wiley ein deutschlandweiter Vertrag auf Open-Access-Basis ausgehandelt.

Dr. Markus Pössel, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im Max-Planck-Institut für Astronomie, hat sich intensiv mit Abzocker-Fachzeitschriften (predatory journals) beschäftigt. Nach seiner Erkenntnis geben diese zwar vor, «den üblichen Qualitätsstandards des ‹Peer-Review› zu folgen, aber in Wirklichkeit veröffentlichen sie gegen Gebühr jeden Mist». Als seinen Favoriten bezeichnet der Physiker einen Artikel, der allein die Wiederholung des Satzes «Get me off your fucking mailing list» zum Inhalt hatte. 150 Dollar kostete die Autoren die Veröffentlichung.

Eine der Ursachen: «Masse statt Klasse» zu fordern

Dr. Pössel ordnet unwissenschaftliche Publikationen in solchen Journalen dennoch als «Randphänomen im niedrigen einstelligen Prozentbereich» (1,5 %) ein. Er hat 17 500 Artikel aus den Jahren 2015 bis 2018 analysiert. Dabei fanden sich 443 mit deutscher Beteiligung. Spitzenreiter mit 122 Artikeln war der Bereich Medizin. Berücksichtige man die Gesamtzahl der medizinischen Fachartikel, so Dr. Pössel, dann liege die Medizin bei den Raubjournalen freilich allenfalls im Mittelfeld.

Dass ein Fachartikel bei einem Raubverlag eingereicht wurde, erlaube zudem keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Qualität: «Wer ein Experiment sorgfältig durchführt, wahrheitsgemäss aufschreibt und dann bei einem predatory journal einreicht, gehört in eine gänzlich andere Kategorie als jemand, der Forschungsdaten manipuliert.» Zudem zeige sich nicht bereits mit der Veröffentlichung, sondern erst über die Rezeptionsgeschichte, ob der Inhalt eines Artikels akzeptierter Teil der Wissenschaft wird.
Ausgangspunkt Dr. Pössels Analyse waren Berichterstattungen, nach denen in zehn Jahren mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler in Raubverlagen (Waset, Omics oder Sciencedomain) veröffent­licht haben sollen. Der Wissenschaftler fragte bei den Journalisten nach, ob dann auch «mehr als 5000» betrogen hätten. Die Antwort: Nein. Der prozentuale Anteil derer, die dort wissentlich oder unwissentlich veröffentlicht haben, sei nicht bekannt.

AWMF besorgt über Erosion wissenschaftlicher Ansprüche


Dr. Pössel hält trotzdem Aufklärungsarbeit für nötig. Informationen über wissenschaftliches Veröffentlichen und eben auch über predatory journals gehörten ebenso in die studentische Ausbildung wie die Regeln für angemessenes wissenschaftliches Verhalten. Auch denjenigen, die Publikationslisten von Bewerbern oder Antragstellern begutachteten, müsse das Problem bewusst sein.

«Unseriöse Informationen breiten sich ungehemmt aus – dadurch sehen wir Patienten in Gefahr», erklärte Professor Dr. Rolf Kreienberg, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zum Thema. Als Ursache nennt die AWMF falsche Belohnungssysteme, die auch durch die Erosion eigener Ansprüche der medizinischen Wissenschaft befeuert werden. Das betrifft u.a. Habilitations- und Berufungsverfahren. Dass hier «Masse anstatt Klasse» zählt, sieht Professor Dr. rer. nat. Gerd Antes, ehemaliger Direktor von Cochrane Deutschland, kritisch. Er schlägt vor, dass statt des Heranziehens des Journal Impact Factors (wie oft Artikel einer bestimmten Zeitschrift in anderen Publikationen zitiert werden) berücksichtigt werden sollte, was eine Publikation zur Verbesserung der Patientenversorgung beiträgt.

 

 

 

Schwarze Schafe finden
Laut Universitätsbibliothek der Technischen Universität München ist das Identifizieren unseriöser Verlage gar nicht so leicht. Schwarze Schafe unter den Anbietern täuschten z.B. ein Peer-Review-Verfahren vor oder führten namhafte Wissenschaftler als Mitglieder des Editorial Boards auf, obwohl diese davon nichts wüssten. Die Webseiten seien professionell gestaltet, Namen erinnerten an renommierte Verlage und Zeitschriftentitel. Einige unseriöse Zeitschriften und Verlage würden sich sogar per E-Mail direkt an (speziell junge) Wissenschaftler wenden und gezielt um Beiträge bitten.
Die Unibibliothek bietet deshalb unter www.ub.tum.de/predatory-journals eine Checkliste zum Download an. Lassen sich eine oder mehrere Fragen bejahen, sollte man misstrauisch sein und eventuell eine Veröffentlichung in einer anderen Zeitschrift in Betracht ziehen, so der Rat. Eine Open-Access-Zeitschrift sollte auch dahingehend überprüft werden, ob sie im Directory of Open Access Journals verzeichnet ist. Ebenso auf predatoryjournals.com werden zweifelhafte Zeitschriften aufgelistet. Hilfe bietet ferner die Liste zu Zeitschriften mit Peer-Review unter bit.ly/AWMF-Fachzeitschriften. Geführt wird diese von der Kommission «Leistungsevaluation in Forschung und Lehre» der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

 

 

 

 

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