Dienstag, 17. Juli 2018

Fokus Medizin

iStock/wabeno

26.03.2018
Von: RW
Artikel Nummer: 26362
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Schichtarbeit greift Körper und Geist an

Etwa jeder Fünfte in der Schweiz arbeitet im Schichtbetrieb, viele davon auch nachts. In einer 24-h-7-Tage-Gesellschaft lässt sich das nicht vermeiden, wobei Globalisierung und Digitalisierung eine Verschärfung der Situation bewirkt haben.


Am 1. SWICA-Symposium erläuterte Professor Dr. Mauro Manconi, Neurologe, Ente Ospedaliero Cantonale Lugano, die Zusammenhänge zwischen Chronobiologie, Schichtarbeit, Schlafstörungen und weiteren gesundheitlichen Problemen.

Einem Bericht des Schweizerischen Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) lässt sich entnehmen, dass bereits im ersten Jahr jeder Fünfte die Schichtarbeit aus persönlichen oder gesundheitlichen Gründen aufgibt. Etwa 70 % lernen mit der Zeit, sich darauf einzustellen und finden Wege, damit umzugehen. Immerhin 10 % sind der Auffassung, dass die Nachtarbeit für sie keine negativen Gesundheitsfolgen hat.

Eine ganze Reihe von physiologischen Prozessen und Funktionen unterliegen einem zirkadianen Rhythmus. Dazu zählen Körpertemperatur, Blutdruck, Atmung, Herzfrequenz oder auch die Verdauung. Photische Zeitgeber, allen voran das Tageslicht, und nichtphotische Zeitgeber wie Schlaf-wach-Rhythmus, körperliche Aktivität oder Mahlzeiten sind an der Synchronisation des zirkadianen Rhythmus beteiligt, erklärte Prof. Manconi.

In den zurückliegenden 25 Jahren haben komplexe wirtschaftliche, gesellschaftliche, technologische und politische Entwicklungen stattgefunden, die in eine 24-h-7-Tage-Gesellschaft mündeten. Man geht davon aus, dass 15–20 % der arbeitenden Bevölkerung involviert und 2–3 % permanent nachts arbeiten. In der Schweiz sind 700 000 Menschen als Nachtschichtarbeiter tätig und 50 000 als Nachtarbeiter. 36 % sind im Gesundheitswesen beschäftigt, 30 % in Hotels und Restaurants, die Verbleibenden verteilen sich hauptsächlich auf die Bereiche Industrie, Transport und Kommunikation, berichtete Prof. Manconi.

 

Gesundheitsstörungen als Folge der Schichtarbeit

 

In der International Classification of Sleep Disorders (ICSD-3) findet man unter den «Zirkadianen Störungen» auch die Kategorie Shiftworker Disorder (SWD). Von SWD spricht man, wenn eine Insomnie oder exzessive Schläfrigkeit als Folge der Schichtarbeit besteht, verbunden mit ungenügendem Schlaf, für den es keine anderen medizinischen, neurologischen, mentalen oder sonstigen Erklärungen gibt.

Doch es fehlt nicht nur der erholsame, gesunde Schlaf. Inzwischen liegen laut Prof. Manconi zahlreiche Untersuchungen vor, die bei Schicht- und Nachtarbeitern eine erhöhte Rate von gastrointestinalen und kardiovaskulären Störungen fanden. Ausserdem konnten reproduktionsmedizinische Komplikationen und psychiatrische Beeinträchtigungen wie Angststörungen, Depressionen sowie Stressbelastung bis zum Burn-out beobachtet werden. Und schliesslich besteht der Verdacht, dass Schichtarbeit mit einer erhöhten Brustkrebs- und Kolonkarzinom-Rate assoziiert ist.

Infolge der reduzierten Vigilanz, der verminderten Aufmerksamkeitsfähigkeit und der erhöhten Ablenkbarkeit muss mit einem beeinträchtigten Urteilsvermögen und Fehlentscheidungen gerechnet werden, gab Prof. Manconi zu bedenken. Das Arbeits- und Verkehrsunfallrisiko ist erhöht, und die Performance während der Arbeit lässt zu wünschen übrig.

Eine Untersuchung aus dem medizinischen Bereich, wo Schichtarbeit eine alltägliche Notwendigkeit darstellt, lieferte Zahlen zum Risiko im Klinikalltag. Medizinische Kunstfehler und Fehlentscheidungen, die zu Nebenwirkungen führten oder für Patienten tödlich endeten, nahmen bereits zu, wenn Mitarbeiter ein- bis viermal pro Monat für verlängerte Schichtzeiten von mehr als 24 Stunden eingeteilt waren. Bei mehr als vier Tagen pro Monat mit Langdienst kam es zu einem weiteren signifikanten Risikoanstieg.

Durch gezielte ergonomische und arbeitsmedizinische Interventionen lassen sich Verbesserungen erzielen. Dazu gehören neben der Prävention verschiedene nichtmedikamentöse und medikamentöse Massnahmen, die individuell empfohlen werden müssen.

 

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