Mittwoch, 18. Oktober 2017

Fokus Medizin

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04.04.2017
Von: Manuela Arand
Artikel Nummer: 26170
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Rauschdrogen statt Psychopharmaka

Nachdem die Pipelines der Psychopharmakologie ziemlich leer sind, werden Alternativen erprobt – vor allem bei Angst und Depression. Darunter sind auch Exoten wie die Pilzdroge Psilocybin oder die als «Liquid Ecstasy» gehandelte Gamma­hydroxy­buttersäure.


Psilocybin entfaltet seine Wirkung vor allem über agonistische Effekte am 5HT2A-Rezeptor. Als serotonerges Halluzinogen verändert es den Wachbewusstseinszustand hinsichtlich Wahrnehmung, Stimmung und Emotionsverarbeitung, erklärte Professor Dr. Franz Vollenweider von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Zürich.

Das Spektrum der Psycho-Effekte von Psilocybin unterscheidet sich deutlich von dem derzeit als Antidepressivum beforschten Ketamin: Psilocybin verändert massiv die visuelle Wahrnehmung und hebt die Stimmung Gesunder über mehrere Tage. Es erzeugt aber anders als Ketamin keine kognitiven Störungen. Das macht es zu einem Kandidaten für die Behandlung von affektiven Störungen und Angsterkrankungen. Bei diesen wurde es – wie ja auch LSD – bis Anfang der 1970er-Jahre erprobt, dann stufte man es wegen Rauschwirkung, Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial als Droge ein.

Eine aktuelle Studie der Johns Hopkins University prüfte die Wirkung des Halluzinogens auf Ängste und Depressionen bei Krebskranken. Die Teilnehmer erlebten nach nur einer Dosis Psilocybin eine über Monate anhaltende Reduktion der belastenden Symptome und eine Verbesserung von Lebensqualität und Krankheitsakzeptanz, berichtete Prof. Vollenweider.

Daneben wird Psilocybin bei Störungen der sozialen Kognition untersucht. Es scheint in der Lage zu sein, die Empathie deutlich zu verbessern und könnte daher bei narzisstischen und anderen auf Empathiedefiziten basierenden Störungen infrage kommen. Schliesslich liessen sich auch Effekte auf Neuroplastizität und Neurogenese zeigen.

 

Liquid Ecstasy bessert Schlaf, Stimmung und Essverhalten

 

Mit Gammahydroxybuttersäure (GHB) ist es ganz ähnlich gelaufen: In den 1960er-Jahren als Psychopharmakon erprobt und bis in die 1980er-Jahre als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, wurde sie 1990 von der FDA vom Markt verbannt, nachdem Fälle von GHB-Intoxikationen ruchbar geworden waren. Zurzeit ist GHB in den USA und Europa für die Nischenindika­tion Narkolepsie zugelassen, wird aber auch in der Drogenszene verwendet. Schlagzeilen macht GHB immer mal wieder, weil es in höherer Dosierung zu Bewusstlosigkeit führt («K.o.-Tropfen»).

GHB hat jedoch auch Wirkungen, die es für Psychiater und Neurologen interessant machen könnte, erläuterte Dr. Oliver Bosch, Psychia­trische Universitätsklinik Zürich. Es verbessert Schlafqualität und Schlaftiefe. Es reguliert das Essverhalten, sodass Übergewichtige abnehmen und Binge-Eater sich besser zügeln können. Und es beeinflusst das Sexualverhalten. «GHB ist quasi ein Modell für einen Liebestrank», so Dr. Bosch. Die sexuelle Erregung wird qualitativ gesteigert, die Partnerwahl beliebiger.

In Studien an Gesunden konnten die Zürcher schlaffördernde, prosoziale und prosexuelle Wirkungen zeigen. Dr. Bosch legte ausserdem eine kleine Fallserie von drei Patienten mit therapierefraktärer Depression vor. Deren Ergebnisse: gemischt. Zwar zeigten alle drei initial Verbesserungen von Schlaf und Stimmung, aber sie mussten die Behandlung abbrechen – einer wegen Stimmungsverschlechterung, einer wegen Sauerstoff-Entsättigung, einer wegen Übelkeit und Erbrechen. «Mit GHB stehen wir noch sehr am Anfang», sagte der Kollege.

Schon weiter gediehen ist die Erprobung von Ketamin, das in sub­anästhetischer Dosierung als Antidepressivum eingesetzt werden könnte. «Ketamin ist ein potenter Antagonist des glutamatergen NMDA-Rezeptors», erklärte Dr. Simone Grimm vom Centrum Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie der Berliner Charité. «Wir haben keine andere Therapie, die so schnell und anhaltend antidepressiv wirkt.»

Schon vor zehn Jahren zeigte eine erste placebokontrollierte Studie an 17 therapieresistenten Patienten, dass eine einmalige Ketamin-Infusion den HAM-D-Score bereits nach vier Stunden signifikant verbessert mit einer Responserate von 70 % (mindestens 50 % Symptomreduktion). Das Wirkmaximum wird nach einem Tag erreicht, die Wirkung überdauert rund eine Woche. Weitere Studien bestätigten, dass etwa zwei Drittel der Patienten auf Ketamin ansprechen. Knapp ein Drittel erreicht die Komplettremission.

 

«Schützen Sie Ihre Patienten vor Heilserwartungen!»

 

«Wir betrachten Ketamin zurzeit als einen Türöffner für Psycho- und antidepressive Therapie», so die Psychologin. Alles in Butter also? Dr. Grimm warnte vor Übereifer: «Warten Sie noch ein paar Studien ab, bevor Sie Patienten damit behandeln. Und bitte schützen Sie Ihre Patienten vor Heilserwartungen.» Das gilt natürlich nicht nur für Ketamin, sondern auch für die anderen Kandidaten.

 

 

Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psycho­somatik und Nervenheilkunde

 

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