Dienstag, 17. Oktober 2017

Fokus Medizin

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16.03.2017
Von: Dr. Dorothea Ranft
Artikel Nummer: 26157
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Neues Hüftgelenk im hohen Alter en vogue

Immer mehr hochbetagte Menschen lassen sich ein neues Hüftgelenk einbauen, um ihre Mobilität zu erhalten. Dieser Eingriff ist selbst bei über 80-Jährigen sicher – wenn man das individuelle Risikoprofil erfasst und bereits im Vorfeld Anzeichen einer möglichen Komplikation entgegensteuert.


Mit zunehmendem Alter steigt auch die Zahl der Begleiterkrankungen wie Diabetes, Herzinsuffizienz und Harnwegsinfekte, die das Risiko für periprothetische Infektionen erhöhen. Dabei sollte perioperativ vor allem auf einen gut eingestellten Blutzuckerspiegel geachtet werden, raten PD Dr. Tim Classen und Kollegen vom orthopädischen Universitätsklinikum Essen. Auch die asymptomatische Bakteriurie, an der vor allem ältere Frauen häufig leiden, kann Keime ans neue Gelenk locken und muss deshalb vor dem Eingriff saniert werden. Die einmalige präoperative Antibiotikagabe reicht dabei nicht aus.

Ein weiterer wichtiger Risikofaktor für Infekte ist die Mangelernährung, die zunehmend adipöse Patienten betrifft. Vor allem an Eisen, Vitamin B12, Kalzium und Vita­min D fehlt es ihnen oft, als wichtiger Fingerzeig gilt ein erniedrigtes Serumalbumin.

 

Hohe Proteinzufuhr beugt Stürzen vor

 

Die Ernährung spielt darüber hinaus eine entscheidende Rolle u. a. bei der Sturzprävention. Ältere Menschen mit hoher Proteinzufuhr zeigen im Vergleich zu denjenigen mit niedriger Eiweissaufnahme einen um 40 % geringeren Muskelabbau. Eine Rehabilitation mit speziellem Ernährungsprogramm zusätzlich zur Physiotherapie stärkt nachweislich Muskelmasse und Kraft. Im Vergleich zur «Standard-Reha» kommt es seltener zu Stürzen, die Lebensqualität steigt und die Mortalitätsrate sinkt.

Mit vermehrten Thromboembolien ist bei über 70-Jährigen generell zu rechnen, betroffen sind vor allem Frauen und Patienten mit einem BMI > 30 kg/m2. Die Niereninsuffizienz sorgt erstaunlicherweise erst im dialysepflichtigen Stadium für eine deutlich vermehrte Komplikationsrate.

 

Herzrisiko besteht noch acht Jahre nach dem Eingriff

 

Dringend achten sollte man bei der Auswahl und Vorbereitung der Operationskandidaten auf das Herz-Kreislauf-Risiko, so die Empfehlung der Autoren: In einer Studie mit mehr als 90 000 Patienten war die kardiovaskuläre Morbidität selbst mehr als acht Jahre nach der Implantation einer Totalendoprothese (TEP) des Hüftgelenks noch signifikant erhöht.

Für weitere Probleme kann der bei älteren Menschen oft erhöhte Bedarf an allogenen Bluttransfusionen sorgen. Knapp die Hälfte der Patienten im Rentenalter leidet an einer Anämie – wegen diverser Erkrankungen, aber auch wegen des verbreiteten Defizits an Eisen, Folsäure und Vitamin B12. Gleichzeitig ist die Kompensationsfähigkeit bei Sauerstoffmangel beeinträchtigt.

Selbst wenn die Prothesen nach Implantation regelrecht sitzt, besteht im Alter zunehmend die Gefahr, chronische Schmerzen zu entwickeln. Ausserdem fällt es gerade bei kognitiv eingeschränkten Patienten oft schwer, den Analgetikabedarf richtig einzuschätzen. Mit zunehmendem Alter steigt zudem das Risiko für ein postoperatives Delir, an dem bis zu 10 % der endoprothetisch versorgten Patienten erkranken. Vorsicht ist nach dem Eingriff mit Benzodiazepinen geboten, denn diese steigern dosisabhängig den Bedarf für Revisionsoperationen.

Ultraschnelle häusliche Entlassungen innerhalb einer Woche («fast track surgery») sind bei über 80-Jährigen mit elektivem Hüftersatz meist ebenso wenig möglich wie bei Senioren mit psychischen Erkrankungen. Das ändert aber nichts daran, dass auch die Älteren zeitnah mobilisiert werden sollten. Das gelingt am besten mit einem zementierten Implantat, denn rein knöchern verankerte Endoprothesen sind in den ersten sechs Wochen oft nur eingeschränkt belastbar. Als weiteres Argument für Knochenzement führen die Autoren die oft begleitende Osteoporose an. Betroffene erleiden mit zementfreier Versorgung häufiger intraoperative Frakturen.

 

Classen et al. Orthopäde 2017; 46: 25–33.

 

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