Mittwoch, 15. August 2018

Fokus Medizin

iStock/bytepark

30.04.2018
Von: Michael Brendler
Artikel Nummer: 26380
  • Es können nur eingeloggte Benutzer Kommentare verfassen
  • Empfehlen Sie diesen Artikel per E-Mail weiter
  • Artikel drucken

Läuferdarm und Radlermagen

Herz, Muskulatur und Gelenke stehen in der Sportmedizin meist im Vordergrund. Dabei wird oft vergessen, dass sich die Anstrengung auch auf den Gastrointestinaltrakt auswirkt. Sodbrennen, Übelkeit und Bauchkrämpfe vermiesen Profi- und Hobbyathleten immer wieder ihre Erfolge.


Derek Clayton bezahlte 1967 seinen Rekordmarathon im Ziel mit blutigem Erbrechen und Teerstühlen. Und der Franzose Yohann Diniz, Favorit des 50-Kilometer-Gehens bei den olympischen Spielen in Rio 2016, landete aufgrund von Magenkrämpfen und blutigem Stuhl nur auf Platz 8. Ihre Leiden sind nicht ungewöhnlich. Bis zu 90 % der Elite-Ausdauersportler, schreiben Dr. Dominic Staudenmann­ aus der Gastroenterologie des Kantonsspitals in Luzern und Kollegen, leiden unter gastrointestinalen Beschwerden. Je länger die zurückgelegte Distanz, desto häufiger die Schwierigkeiten. Oft trifft es deshalb Läufer, Radfahrer und andere Ausdauersportler. Doch auch Teamsportler und Gewichtheber leiden potenziell unter den Beschwerden.

Die exakten Gründe für Reflux, Übelkeit und Diarrhö sind laut den Experten noch nicht geklärt. Aber man hat erkannt, dass Sport auch dem Magen-Darm-Trakt einiges abverlangt. Eventuell kommt es zu einem mechanischen Trauma durch repetitive Bewegungen. Radfahren ist zudem mit erhöhtem intraabdominellem Druck durch die Körperposition verbunden.

 

Der Darm wird nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt

 

Mit ihren Ernährungsgewohnheiten tun die Athleten ihrem Gastrointestinaltrakt ebenfalls nicht immer einen Gefallen. So lösen Ballaststoffe oder stark konzentrierte Kohlenhydrate aus Energieriegeln und -gels ein osmotisches Gefälle aus. Infolgedessen gelangt Wasser in den Darm – was zu Krämpfen und Durchfällen führen kann.

Der wahrscheinlich wichtigste pathogenetische Faktor, schrei­ben die Kollegen, sei jedoch die Veränderung des Blutflusses im Bauch während der Anstrengung, eine Folge des hohen Sympathikotonus. «Bereits bei Belastungsintensitäten von 70 % des maximalen Sauerstoffverbrauchs sinkt die Blutversorgung des Gastrointestinaltraktes um 60–70 %.» Dies führe zu einer Kaskade von Reaktionen: Zur Malabsorption durch die dysfunktionale Mukosa gesellen sich eine veränderte Permeabilität der Darmwand, wodurch Endotoxine ins Blut gelangen. Ausserdem kommt es unter der Belastung zu lokalen Ischämien der Schleimhaut, Nekrosen und schlussendlich zu epithelialen Erosionen und Blutungen, der sogenannten «Runner’s Colitis».

Zu deren klassischen Symptomen zählt z. B. die Übelkeit, mit der bis zu 26 % der Athleten zu kämpfen haben – oft auch noch nach dem Training. Gerade Läufer leiden zudem häufig unter «Runner’s Diarrhea» und damit Stuhldrang, Bauchkrämpfen und einer erhöhten Stuhlfrequenz. Oft mit Ausdauersport verbunden sind auch Refluxbeschwerden, je höher die Belastung und die Laufdistanz, des­to wahrscheinlicher die Symptome. Durch die arterielle Hypoperfusion kommt es wahrscheinlich zu einer Hypomotilität, die die Entleerung von Ösophagus und Magen behindert, erklären die Autoren.

Das gilt noch einmal verstärkt nach dem Konsum der üblichen Verdächtigen wie Zigaretten, Kaffee, Alkohol und fetthaltigen oder üppigen Mahlzeiten. «Daher sollte man zwei Stunden vor einer ausgeprägten körperlichen Aktivität nicht mehr viel essen», raten die Gastroenterologen. Reicht das nicht, gilt es, Essgewohnheiten, Lebensstil und Training anzupassen. Bleibt der Erfolg auch diesmal aus, bieten laut den Autoren 20–40 mg PPI für vier bis acht Wochen Abhilfe. Wenn das ebenfalls nicht hilft, kommt eine Gastro-Duodenoskopie infrage.

Auch bei Übelkeit oder Runner’s Diarrhea sollte der erste Schritt die Anpassung der Ernährung sein: Von reichlich Kalorien, Ballaststoffen, Fetten, Proteinen oder von konzentrierten kohlenhydratreichen Getränken vor und während des Sports sei hier stets abzuraten, so die Mediziner. Dasselbe gilt für nichtsteroidale Antirheumatika, die das Risiko für gastrointestinale Komplikationen noch einmal deutlich steigern.

 

Meistens besteht keine Gefahr für die Gesundheit

 

Bei einer Runner’s Diarrhea hilft es potenziell, nicht nur das Trainingsprogramm zu reduzieren, sondern auch vorübergehend auf eine andere Belastungsart auszuweichen. Nach Symptomfreiheit könne dann ein vorsichtiger Trainingsaufbau in der Hauptsportart erfolgen, so Dr. Staudenmann und Kollegen. Grundsätzlich gelte: «Die meisten Magen-Darm-Beschwerden während des Trainings stellen keine Gefahr für die Gesundheit dar.»

 

 

Staudenmann D et al. Swiss Med Forum 2018; 18: 201–205.

 

Mehr zum Thema

 

Stichworte