Mittwoch, 18. Oktober 2017

Fokus Medizin

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10.07.2017
Von: mic
Artikel Nummer: 26235
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Jeder dreissigste Freizeitsportler schiesst übers Ziel hinaus

Verletzungen? Na und! Stress in der Familie? Macht nichts! Manche Sportler sind so versessen auf ihr Training, dass sie gesundheitliche und soziale Pro­bleme in Kauf nehmen. Wenn Ihr Patient gegen alle Vernunft nicht von seinem Hobby lassen will, sollten Sie an eine Sucht denken.


Der Gedanke, ein Training zu verpassen, löste bei Katherine Schreiber schon im Studium Angst aus. Kaum war eine Vorlesung zu Ende, war sie wieder auf dem Weg ins Fitnesscenter. Selbst Freundschaften oder Job­angebote habe sie geopfert, wenn sie in das tägliche Sportschema nicht passten. Zur Vernunft kam die damals 26-Jährige erst, als ihr angesichts von Bandscheibenvorfällen, Ermüdungsfraktur und chronischem Erschöpfungssyndrom keine andere Möglichkeit blieb. So weit muss es nicht kommen, berichtet die Amerikanerin nun zusammen mit Professor Dr. Heather A. Hausenblas von der Abteilung für Kinesiologie der Jacksonville University in Florida und einem Physiologen. Denn Sportsüchtige sind in der Regel auch in der ärztlichen Praxis gut zu erkennen.

 

Oft liegt ein geringes Selbstwertgefühl vor

 

Die Sucht sollte man den beiden Autoren zufolge in Betracht ziehen, wenn:

  • ein Patient trotz gegenteiliger Ratschläge vom Training nicht lassen kann,
  • soziale Beziehungen und Karriere darunter leiden,
  • Versuche, im Sport kürzer zu treten, alle scheitern.

Diese Form der Abhängigkeit ist keineswegs selten: Geschätzt jeder dreissigste Freizeitsportler ist von ihr betroffen, unter Läufern und Triathleten sogar jeder dritte bis vierte. Als Risikofaktor gilt das Vorhandensein anderer Verhaltenssüchte wie beispielsweise Einkauf- oder Internetsucht. Sportabhängige weisen zudem oft ein geringes Selbstwertgefühl auf und identifizieren sich ausgesprochen intensiv mit ihrem Sport. Frauen und Männer sind etwa gleich häufig betroffen. Bei Frauen geht die Krankheit allerdings öfter mit einer Essstörung einher.

Ein Anlass, genauer hinzugucken, sollten auch wiederholte Überlas­tungsverletzungen wie Stressfrakturen oder Tendinopathien sein. Vor allem dann, wenn sie den Patienten nicht davon abhalten, weiter intensiv Sport zu treiben. Trainingspausen führen bei den Betroffenen nicht selten zu Entzugssymptomen wie Gemütsschwankungen oder Schlafstörungen. Mehr diagnostische Sicherheit geben validierte Fragebogen wie der Exercise Addiction Inventory Test, die zumindest helfen, das Risiko eines Patienten abzuschätzen.

 

Es muss nicht gleich eine Verhaltenstherapie her

 

Als Behandlung kommen gemäss der Literaturstudie der Autoren die kognitive Verhaltenstherapie und ähnliche Verfahren in Betracht. Oft reichen aber schon einfachere Massnahmen: Gelingt es, den Patienten davon zu überzeugen, dass er seiner sportlichen Leistungsfähigkeit eher schadet als nutzt, kann das schon sehr hilfreich sein.

 

 

Hausenblas HA et al. BMJ 2017; online first.

 

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