Mittwoch, 13. Dezember 2017

Fokus Medizin

iStock/dragana991

28.09.2017
Von: JL
Artikel Nummer: 26261
  • Es können nur eingeloggte Benutzer Kommentare verfassen
  • Empfehlen Sie diesen Artikel per E-Mail weiter
  • Artikel drucken

Denkstörung vorprogrammiert

Smartphones beeinträchtigen die kognitive Leistungsfähigkeit. Und zwar nicht nur während ihrer Nutzung, sondern auch dann, wenn sie ausgeschaltet sind. US-Forscher haben diesem Phänomen jetzt einen Namen gegeben: «Brain Drain».


Keine andere technische Erfindung hat je so schnell und so umfassend die Gesellschaft erobert wie das Smartphone, schreibt Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III des Universitätsklinikums Ulm. Rund zehn Jahre nach ihrer Markteinführung sind die Multifunktionstalente weltweit für viele Milliarden Menschen zu einem unverzichtbaren Begleiter geworden. Doch die beschriebenen negativen Folgen reichen von Kurzsichtigkeit, Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit, Angst, Sucht und Übergewicht sogar bis hin zu Geschlechtskrankheiten und Demenz.

 

Die meisten sind sich der Ablenkung nicht bewusst

 

US-amerikanische Wissenschaftler haben nun eine weitere Nebenwirkung vorgestellt: Smartphones beeinträchtigen das Denkvermögen ihrer Besitzer. Der Mensch kann Reize und Informationen nur in begrenztem Umfang verarbeiten, führt Prof. Spitzer hierzu aus.

Dass die «schlauen» Handys die Aufmerksamkeit ihrer Eigentümer vereinnehmen, wenn diese sie benutzen, und dass ein Klingelton ablenkend wirken kann, klingt einleuchtend. Doch auch die blosse Anwesenheit des ausgeschalteten Smartphones bindet – offensichtlich unbewusst – Teile der ohnehin limitierten kognitiven Ressourcen, die dann nicht mehr für andere Denkaufgaben zur Verfügung stehen.

 

Persönliche Bindung zum Gerät verstärkt den Effekt

 

Teilnehmer eines Experiments hierzu waren mehr als 500 Studenten. Ihre Aufmerksamkeitsspanne (Arbeitsgedächtnis) sowie ihre fluide Intelligenz wurden mithilfe spezifischer Tests gemessen. Während der Prüfung lag das eigene Smartphone der Probanden ausgeschaltet entweder deutlich sichtbar auf dem Tisch oder es befand sich ausser Sichtweichte in der Nähe (z. B. in der Hosentasche) bzw. in einem anderen Raum. Die Testergebnisse zeigen: Je näher das Handy, desto geringer die kognitive Verarbeitungskapazität der Probanden. Die meisten Teilnehmer waren sich der Ablenkung dabei nicht bewusst.

Mit einer ähnlichen Versuchsanordnung konnten die US-Wissenschaftler in einer weiteren Studie mit knapp 300 Studenten zudem nachweisen, dass die Denkleistung umso deutlicher von der räumlichen Position des Smartphones beeinträchtigt wurde, je stärker die persönliche Bindung an dieses war.

Einfach weil es da ist, verursacht das Smartphone Denkstörungen, fasst Prof. Spitzer die Problematik zusammen. Sein Rat: Um konzentriert arbeiten zu können, sollten Nutzer ihr Handy in ein anderes Zimmer bringen. Denn es auszuschalten oder mit dem Display nach unten hinzulegen, bringt nichts.

 

 

Spitzer M. Nervenheilkunde 2017; 36: 587–590.

 

Mehr zum Thema

 

Stichworte