Montag, 10. Dezember 2018

Fokus Medizin

iStock/Dutko

22.03.2018
Von: Friederike Klein
Artikel Nummer: 26360
  • Es können nur eingeloggte Benutzer Kommentare verfassen
  • Empfehlen Sie diesen Artikel per E-Mail weiter
  • Artikel drucken

Dankbarkeit üben für mehr Resilienz

Während ein schweres traumatisches Ereignis bei einigen Menschen zu einer lang anhaltenden seelischen Erkrankung führt, gewinnen andere rasch oder nach einer gewissen Zeit ihre Stabilität wieder. Das ist nicht unbedingt eine Typfrage. Denn Faktoren wie erlernte Dankbarkeit können die Resilienz fördern.


Resilienz ist nicht nur ein Persönlichkeitsmerkmal. Auch Faktoren wie interne Kontroll­überzeugung, realistischer Optimismus, soziale Unterstützung oder bestimmte genetische Faktoren spielen eine Rolle. Ein stressfreies Leben macht nicht widerstandsfähig, eher zwei, drei bewältigte schwierige, aber nicht zu traumatische Lebensereignisse. «Resilienz ist vor allem das Ergebnis eines Prozesses und damit trainierbar», betonte Professor Dr. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Mainz.

In Metaanalysen von Trainingsinterventionen zeigten sich moderate Effektstärken. Allerdings bemerkte Prof. Lieb bei einer selbst durchgeführten Metaanalyse, dass die Studien nur Surrogate für Resilienz im Sinne der psychischen Gesundheit messen, aber nicht den psychischen Widerstand selbst. Viele Übungen stellten primär ein Stressmanagement dar. Ob Teilnehmer durch die Massnahmen widrige Lebensereignisse wirklich besser bewältigen, wurde i. d. R. nicht belegt. Häufig war der Begriff Resilienz für die Studie noch nicht einmal genau definiert.

Eine überraschend einfache Intervention präsentierte Professor Dr. Dirk Lehr, Gesundheitspsychologe an der Leuphana-Universität in Lüneburg. Sie fusst auf dem Prinzip Dankbarkeit, die für einen positiven Bewertungsstil steht im Gegensatz zum perseverativen, negativen Denken und Grübeln, das zu psychischen Störungen beiträgt. Die Patienten sollen z. B. ein Dank-Tagebuch führen, Dank-Briefe schreiben oder Dank-Besuche machen. Diese Massnahmen sind einfach zu verstehen und anzuwenden, vergleichsweise beliebt, auf zwischenmenschliche Beziehungen ausgerichtet und gut mit anderen therapeutischen Methoden vereinbar, meinte Prof. Lehr.

 

Coaching plus Dankbarkeit erhöhen die Resilienz

 

Bei den Kollegen kam zunächst ein digitales Konzept zum Einsatz. Es bestand aus einer Tagebuch-App inklusive Sammeln von Dank-Punkten und einem meditativen Tagesrückblick. Ein Onlinetraining mit täglichen Übungen am Smartphone und fünf wöchentlichen Sitzungen am Computer ergänzte das Ganze. Die Interventionen sollen Dankbarkeit und Wohlbefinden steigern, Aufmerksamkeit für sich und andere stärken, das emotionale Erleben vertiefen sowie dysfunktionale Einstellungen identifizieren und bearbeiten.

In Kombination mit einem intensiven Coaching wurden die Übungen in einer randomisiert-kontrollierten Studie unter die Lupe genommen. Bei Personen mit psychischen Beschwerden und Psychotherapieerfahrung, aber ohne bisheriges Resilienztraining, reduzierte sich im Vergleich zu einer Wartegruppe das perseverative Denken über bis zu sechs Monate. Auch depressive und Angstsymptome nahmen bei ihnen anhaltend ab und der Schlaf verbesserte sich. Der persönliche Optimismus veränderte sich dagegen nicht. Die Resilienz, gemessen anhand der Connor-Davidson-Resilienzskala, erhöhte sich um 0,40 – ob sie in einer Situation mit einem Stressor tatsächlich verbessert gewesen wäre, wurde jedoch nicht geprüft.

Nach und nach speckten die Forscher das Programm ab. Auch ohne regelmässigen Kontakt mit dem Coach, der auf Wunsch jedoch noch zur Verfügung stand, zeigten sich die günstigen Effekte – sogar als die Teilnehmer von der digitalen Anwendung auf ein Übungsbuch wechselten. Der Resilienzscore stieg in der digitalen und analogen Gruppe bis zu sechs Monate lang gleich an. Nun plant Prof. Lehr ein Gruppentraining.

 

 

WPA XVII World Congress of Psychiatry

 

Mehr zum Thema

 

Stichworte