Sonntag, 17. November 2019

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22.03.2017
Von: Dr. Dorothea Ranft
Artikel Nummer: 26160
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Testosteron-Substitution: Risiko und Nutzen unter der Lupe

Sieben Studien zum Einfluss auf KHK, Anämie, Kognition und Knochen


PHILADELPHIA – Der Nutzen einer Testosteron-Substitution bei hypogonadalen älteren Männern ist nach wie vor umstritten. Kann der Hormonersatz die Knochen stärken und kognitiven Abbau bremsen? Oder vergällen vermehrt auftretende Myokardinfarkte den Traum vom Jungbrunnen? Die neuesten Studienergebnisse im Überblick:

 

  • Koronare Herzkrankheit: In letzter Zeit mehrten sich Berichte, wonach eine Testosteronsubstitution das kardiovaskuläre Risiko erhöhen kann. Eine retrospektive US-amerikanische Kohortenstudie kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss.1 Analysiert wurden Daten von fast 45 000 im Schnitt 60-jährigen Männern mit Androgendefizit. Die mit Testosteron Behandelten hatten während des gut dreijährigen Follow-ups sogar ein geringeres Herz-Kreislauf-Risiko. Die adjustierte Hazard Ratio für den kombinierten Gefässendpunkt (Herzinfarkt, Schlaganfall etc.) verringerte sich im Vergleich zu Placebo um etwa ein Drittel (HR 0,67).

 

Mehr Plaques, aber weniger kardiovaskuläre Ereignisse?

Zweifel an dieser günstigen Pro­gnose nährt dagegen eine kürzlich publizierte Substudie der insgesamt sieben Studien umfassenden US-amerikanischen Testosteron-Trials (TTrials), die dem Einfluss einer Hormontherapie auf Koronarplaques nachging.2 138 Männer mit niedrigem Androgenspiegel und hohem kardiovaskulärem Risiko erhielten ein Jahr lang Testosteron oder Placebo. Danach zeigte das Angio-CT in der Verumgruppe einen signifikant stärkeren Zuwachs des gesamten Plaquevolumens und des nicht kalzifizierten Anteils.

Noch unklar ist die klinische Bedeutung dieser Veränderungen, so die Studienautoren. Sie fordern deshalb weitere Untersuchungen.

Hämoglobin steigt bei anämischen Männern

Professor Dr. Eric Orwoll von der Oregon Health & Sciences University in Portland weist in einem Editorial darauf hin, dass gerade die älteren unter den hypogonadalen Patienten ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko aufweisen und daher in dieser Hinsicht für unerwünschte Effekte besonders vulnerabel sein können.3 Ärzte und auch Patienten sollten das bedenken, aber auch, dass der Nutzen des Testosteronersatzes noch noch nicht abschlies­send geklärt sei.


  • Anämie: Schon länger bekannt ist, dass eine Testosteron-Substitu­tion die Blutbildung stimuliert. Nun wurde in einer erneuten Auswertung der TTrials gezeigt, dass auch ältere Männer mit einer Anämie – unabhängig von der Ursache – von einem Ausgleich erniedrigter Testosteronspiegel profitieren können.4 Von den 788 Teilnehmern litten 126 an Blutarmut, 62 mit unbekanntem Auslöser. Durch die Hormongabe kam es zu einem zwar nicht sehr hohen, aber doch signifikanten Hämoglobin-
Anstieg, gerade auch bei Patienten mit Anämie ungeklärter Ursache.

    Es könne sich also lohnen, bei solchen Männern, aber auch bei Patienten mit therapieresistenter An­ämie nach einem Hypogonadismus zu fahnden und ggf. Testosteron zu substituieren, kommentiert der Endokrinologe Prof. Orwoll.3

  

  • Kognition: Eine weitere Substudie der TTrials beschäftigte sich mit dem Einfluss der Hormonsubstitution auf die kognitive Leistung.5 Ausgewertet wurden Daten von 493 älteren Männern mit niedrigem Androgenspiegel und altersbedingten Gedächtnisstörungen. Das Ergebnis nach einem Jahr Therapie: Testosteron verbessert die kognitive Funktion nicht, weder bezüglich des Gedächtnisses noch anderer Funktionen. Auch eine Analyse aller Teilnehmer der TTrials unabhängig vom Ausgangsgedächtnis kommt zum gleichen Ergebnis, schreibt Professor Dr. David J. 
Handelsman, Leiter des Andrologie-Labors der Universität Sydney.6 Er schliesst jedoch günstige psychische Effekte der Hormonsubstitution etwa auf die Stimmung nicht aus.


  • Osteoporose: Welchen Einfluss eine Testosteronsubstitution auf die Knochendichte hat, wurde in einer weiteren placebokontrollierten Studie mit 211 im Schnitt gut 72 Jahre alten Teilnehmern der TTrials untersucht.7 In der Verumgruppe steigerte man die Hormonspiegel auf das Niveau junger Männer. Während eines Jahres stieg die Knochendichte ebenso stark an wie mit einer spezifischen Osteoporose-Therapie (z.B. mit Bisphosphonaten).

Knochendichte erhöht, Frakturrisiko nicht untersucht

Allerdings, so erinnert Prof. Orwoll in seinem Editorial, wurden weder die Frakturrate noch Langzeiteffekte geprüft. Er misst Testosteron bei älteren hypogonadalen Patienten mit grenzwertiger Knochendichte einen Stellenwert zu, um die spezifische Osteoporose-Therapie noch etwas hinauszuschieben. Für seinen australischen Kollegen Prof. Handelsman wiederum rechtfertigt der günstige Einfluss auf die Knochendichte allein noch keine Indikation zum Hormonersatz. Seiner Ansicht nach ändern die Ergebnisse der TTrial-Substudien nichts an dem ungünstigen Verhältnis von Effektivität und Sicherheit der Hormonsubstitution bei Männern mit altersbedingtem Hypogonadismus.
Der Androgenexperte setzt primär auf Lebensstiländerungen (z.B. Gewichtsabnahme) und auf eine konsequente Therapie von Begleiterkrankungen. Falls man sich für Testosteron entscheide, sollten die Patienten auf das kardiovaskuläre Risiko hingewiesen werden. Und darüber hinaus, so betont Prof. Orwoll, müssen auch andere Aspekte, etwa der Einfluss der Hormontherapie auf die Prostata, noch genauer untersucht werden.

  1. Cheetham TC et al. 
    JAMA Intern Med 2017; online first.
  2. Budoff MJ et al. 
    JAMA 2017; 317: 708–716.
  3. Orwoll E. 
    JAMA Intern Med 2017; online first.
  4. Roy CN et al. 
    JAMA Intern Med 2017; online first.
  5. Resnick SM et al. 
    JAMA 2017; 317: 717–727.
  6. Handelsman DJ. 
    JAMA 2017; 317: 699–700.
  7. Snyder PJ et al. 
    JAMA Intern Med 2017; online first.

 

 

Ab 30 Jahren hormonell auf Talfahrt
Etwa im Alter von 30 Jahren beginnen die Testosteronspiegel beim Mann zu sinken, durchschnittlich um 3,1–3,5 ng/dl im Jahr. Dies führt dazu, dass in den Sechzigern etwa jeder fünfte Mann hypogonadale Werte (< 325 ng/dl) aufweist, im Alter von 80 Jahren aufwärts sogar die Hälfte. Aber nur wenige haben dadurch Symptome wie erektile Dysfunktion, Brustspannen, Hitzewallungen oder Antriebslosigkeit.

 

 

 

 

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