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Foto: iStock/Tzogia Kappatou

27.09.2018
Artikel Nummer: 26422
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Telemedizin als Zukunftsmodell

Die passenden Rahmenbedingungen müssen erst noch geschaffen werden


BERN – Im Zeitalter der Digitalisierung stehen neue Versorgungsmöglichkeiten im Fokus: Telemedizinische Methoden spielen eine wichtige Rolle, weil Netzwerke gebildet und neue Krankenkassenmodelle entwickelt werden. Differenziertere Untersuchungen zur Evidenzfrage sind jedoch notwendig.

 


Virtuelle Sprechstunden können Zeit und Geld sparen. Dies belegt das Zwischenresultat einer aktuellen schweizweiten Studie mit fünf Spitälern. Telemedizinische Beratungen haben sich zudem in Bezug auf Patientinnen und Patienten, die an der Atemwegserkrankung COPD leiden, günstig ausgewirkt. Das zeigt sich darin, dass die entsprechenden Behandlungskosten um 44 % gesenkt und Hospitalisierungen um ein Viertel reduziert werden konnten. An der Studie sind die Kantonsspitäler St. Gallen, Glarus, Münsterlingen und die Universitätsspitäler Zürich und Basel beteiligt. Auf weitere Resultate darf man gespannt sein.


Die FMH hat sich gegenüber der Telemedizin stets positiv geäussert. Allerdings müssen die einzelnen Angebote laut Verband näher betrachtet werden. «Zum jetzigen Zeitpunkt handelt es sich um einzelne Studienprojekte, die sich auf bestimmte Krankheiten beziehen, doch ich wage noch keine abschliessende Prognose zur weiteren telemedizinischen Entwicklung abzugeben. Inwiefern sich die Behandlungseffizienz steigern lässt, kann noch nicht vollständig beurteilt werden. Einen umso wichtigeren Platz nehmen deshalb weitere Evaluationen und Studien ein», sagt Dr. Yvonne Gilli, Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin in Wil und FMH-Vorstandsmitglied.


Diagnostische telemedizinische Methoden hängen auch vom technologischen Fortschritt ab. Als Nachteil der Telemedizin wird der hohe technische Aufwand angesehen, der mit den Einführungskosten verbunden ist, und der Dokumentationsaufwand darf nicht unterschätzt werden. Von Bedeutung sei, ob man bereits auf eine Technologie zurückgreifen könne oder ob diese noch entwickelt werden müsse, so Dr. Gilli. Lege man das Augenmerk auf die Triage-Apps, welche in der Schweiz seit einiger Zeit existieren, stecke dahinter in der Tat ein hoher Aufwand.


Telemedizin mit Triage-Funktion


Medgate, eines der grössten Schweizer Ärztenetzwerke, hat für die Telemedizin beachtliche Pionierarbeit geleistet und entlastet seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 2000 Spitäler, Praxen und Notfallstationen. Via Handy-App können Patientinnen und Patienten u. a. Fotos von Verletzungen oder Hautveränderungen senden, und dabei sei auch der Datentransfer gesichert, verspricht Medgate.
Für den Krankenkassenverband Santésuisse ist klar, dass der Telemedizin eine wichtige Triage-Funktion zukommt. «Dadurch kann abgeklärt werden, ob ein Besuch beim Hausarzt oder in der Notfallstation tatsächlich Voraussetzung ist, denn oft müssen verunsicherte Ratsuchende lediglich beruhigt werden», so Mediensprecher Christophe Kaempf.


Noch ist das virtuelle Angebot für die Kassenmitglieder nicht verpflichtend, doch könnte dies gar konkretere Formen annehmen, zumal immer mehr Bagatellfälle in Notfallstationen registriert werden.
Zweifelsohne: Die Telemedizin hilft, Distanzen beim Erbringen von medizinischen Leistungen zu überbrücken. Beispielsweise gelangt diese auch bei Zweitmeinungen zum Einsatz. Befindet sich ein Chirurg nicht im Operationssaal, kann dieser den laufenden Eingriff mitverfolgen und mit dem operierenden Kollegen jederzeit online Rücksprache halten. Auch werden patientenspezifische Daten wie Röntgenbilder oder Laborresultate übermittelt oder Elektrokardiogramme beurteilt – selbst wenn der Untersucher nicht vor Ort ist.


Grundversorger noch zurückhaltend


Dr. Gilli bezieht die Telemedizin bislang nur selten in ihren beruflichen Alltag mit ein. Die Hausärztin betrachtet diese medizinische Versorgungsform als ergänzendes Angebot und fügt an: «Ich nutze dieses Instrument wie die meisten meiner Berufskollegen derzeit nur sehr beschränkt, und das hat auch damit zu tun, dass sich die Technologie bisher noch nicht etabliert hat.»


Die FMH hat vor Kurzem eine Umfrage zur Telemedizin durchgeführt. Bei der Ärzteschaft stösst das moderne Versorgungsmodell zwar weitgehend auf Akzeptanz, doch fehlen nebst telemedizinischen Angeboten und marktreifen Instrumenten auch tarifarische Abbildungen. Hier sind auch die kantonalen Gesundheitsbehörden gefordert, indem Rahmenbedingungen geschafft werden sollten, welche telemedizinische Angebote auch tatsächlich ermöglichen. Gleichzeitig gilt es laut Dr. Gilli, auch die Leistungserbringer miteinzubeziehen.


Was die Versicherten betrifft, so betrachtet Santésuisse die Telemedizin als Vorteil für Patientinnen und Patienten, weil ein rascher Zugang zu einer ärztlichen Beratung möglich ist und zudem ein Prämienrabatt bis zu 20 % gewährt werden kann. Das vielfältige Angebot erlaubt den Versicherten überdies, das passende Modell zu wählen. Obwohl ab und an die Meinung herrscht, dass sich die seit einigen Jahren existierende Telmed-Beratung vor allem an Gesunde richtet, erklärt Santésuisse-Sprecher Christophe Kaempf: «Die rasche Verfügbarkeit kann sich auch für Kranke als sinnvoll erweisen, da gewisse medizinische Abklärungen nicht immer eine physische Konsultation voraussetzen.»


Auf alle Fälle dürfen Telmed-Modelle keine Patientenselektion mit sich bringen, eine Diskussion, die auch im Falle von Managed Care immer wieder stattgefunden habe und weitergeführt werden müsse, betont Dr. Gilli. Sie ist zudem überzeugt: Stellen sich die Instrumente als qualitativ gut heraus, werden sie auch eingesetzt.


Online-Dienst kann Ärzte­mangel nicht kompensieren


Trotzdem sind der Online-Versorgung auch Grenzen gesetzt, u. a. wenn sich keine gemeinsame Sprache zur Verständigung finden lässt oder Labordaten für die Diagnose notwendig sind. Eine direkte Konsultation kann vor allem im Falle einer ernsthaften Diagnose, die eine Patientenbegleitung und seelischen Support bedingt, nicht ersetzt werden.
Dr. Gilli glaubt nicht, dass telemedizinische Angebote die Versorgung in ländlichen Gebieten künftig abdecken können. «Im Vergleich zu Ländern wie Australien oder Norwegen, die eine niedrige Ärztedichte aufweisen und wo Patientinnen und Patienten oft Hunderte Kilometer zurücklegen müssen, um eine Arztpraxis zu erreichen, sprechen wir hierzulande doch eher von überschaubaren Dis­tanzen. Auch ein telemedizinisches Modell muss von einem Arzt geführt werden, ob er nun vor Ort ist oder nicht. Demzufolge kompensiert das virtuelle Angebot den akuten Ärztemangel mit Sicherheit nicht.»
Der Krankenkassenverband Santésuisse glaubt an die Zukunft der Telemedizin und vertritt den Standpunkt, dass die Digitalisierung neue Möglichkeiten für alternative Versicherungsmodelle wie z. B. Video-Konsultationen bietet, und auch die FMH betrachtet besagtes Angebot als Teil der künftigen medizinischen Versorgung.


Ein Blick in unser Nachbarland Frankreich zeigt ein ähnliches Bild: Dort hat die öffentliche Krankenkasse Caisse nationale d’assurance maladie (CNAM) zu Beginn dieses Jahres mit fünf Ärztevereinigungen Verhandlungen über Anwendungsbereiche, Durchführung und Tarife für telemedizinische Konsultationen aufgenommen. Ziel ist es, diese in den Katalog medizinischer Leistungen der Krankenkasse aufzunehmen.

 

Nathalie Zeindler

 

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