Montag, 10. Dezember 2018

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Ali Cöcel (links) und Moreno Furler (rechts) aus Basel Foto: zVg

30.05.2017
Von: Markus Sutter
Artikel Nummer: 26203
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Start-up-Firma entdeckt grosses Einsparpotenzial in Spitälern

Neue Möglichkeiten der modernen Technik nutzen


BASEL – Viele überflüssige Wege des Pflegepersonals in Spitälern lies­sen sich drastisch reduzieren, ebenso zahlreiche kostspielige Dolmetscherdienste in Millionenhöhe: Davon ist ein kleines Basler Start-up-Unternehmen überzeugt, das eine neue Anwendungssoftware in Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule auf den Markt bringen will. Die Personalkosteneinsparungen werden auf annähernd 10 % veranschlagt. Mit Unterstützung der Eidgenössischen Kommission für Technologie und Innovation soll die Produktidee im Spitalalltag umgesetzt 
werden.


Stellen Sie sich folgende Situation in einem Spital vor: Eine Patientin muss wohl auf die Toilette, ist aber unpässlich und kann nicht aufstehen. Sie bedient die Glocke. Eine Pflegehilfskraft erscheint und weiss nicht so recht, was sie tun soll. Sie geht zurück in die Abteilung und sucht Unterstützung durch diplomiertes Pflegepersonal. Die Patientin lässt sich aber nicht so leicht helfen. Sie wehrt sich, kann sich jedoch nicht verständlich ausdrücken, weil sie aus Albanien kommt. Die Pflege fragt im unteren Stockwerk nach, ob die dort arbeitende albanische Pflegerin kurz übersetzen könne. Diese befindet sich aber gerade in den Ferien – und jemand Anderes aus diesem Kulturkreis ist kurzfristig auch nicht aufzubieten. Am Schluss springt eine zufällig anwesende Raumpflegerin ein. Es stellt sich heraus, dass die Patientin im Grunde genommen ein ganz anderes kleines Problem hat: Sie möchte eine frische Netzhose und eine neue Einlage.

Das ist nur ein fiktives Beispiel, dürfte aber in abgewandelter Form mehr oder weniger Alltag in Spitälern sein: Viele Leerläufe, viel Unverständnis, viele Missverständnisse, grosser Zeitverlust und suboptimal eingesetztes Personal: Es macht z. B. keinen Sinn, wenn (teures) diplomiertes Pflegepersonal ans Krankenbett gerufen wird, obwohl eine Patientin bloss ein Glas Wasser wünscht, oder eine Pflegeassistenz eine Patientin betreut, die Schmerzen hat.

Spitäler entlasten

Moreno Furler könnte über solche Situationen aus eigener Erfahrung ein Buch schreiben. Dem diplomierten Pflegefachmann ist bei seinen Tätigkeiten immer wieder aufgefallen, wie Kräfte im Spital sinnlos verzettelt werden. Statt diese unbefriedigende Situation aber einfach als unveränderlich zu akzeptieren, hat er sich für etwas ganz Anderes entschieden: Zusammen mit einem Kollegen, dem Unternehmer Ali Cöcel, arbeitet er an einer Software-Lösung, die das Personal in den Spitälern auf eine einfache Art entlastet. Pflegende auf allen Stufen sollen sich auf diejenigen Arbeiten konzentrieren können, wofür sie qualifiziert sind. Das komme letztlich allen zugute: den Patienten, den Pflegenden selber, aber auch dem Spital, das viele Kosten einsparen könnte.

Viel Aufwand für 
die Information

32 % der Pflegearbeit in Spitälern habe etwas mit dem Beschaffen von Information zu tun, zitiert Furler aus der Studie einer Telekommunikationsunternehmung. Das betrifft zu einem grossen Teil den Beschaffungsaufwand von Informationen. Allein für Dolmetscherdienste würden die Schweizer Spitäler jährlich eine zweistellige Millionenzahl ausgeben. Bei fremdsprachigen Patienten besteht zudem eine grosse «Wiederholungsgefahr»: Ein Dolmetscher oder eine Pflegerin übersetzt, aber ein paar Tage später sind alle Infos und Hinweise wieder vergessen gegangen.

In die Details gehen wollen die beiden Jungunternehmen mit ihren Plänen bei der Kommunikation vorsichtshalber noch nicht, weil das Produkt noch nicht patentiert sei. Aber grob skizziert sieht ihre Lösung folgendermassen aus: Auf einem Tablet werden die verschiedensten Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten visualisiert und mittels Klick an die zuständige Pflegekraft übermittelt. Und zwar an die richtige. Das heisst: Mit einem bestimmten Klick wird genau bei derjenigen Pflegefachkraft ein Signal ausgelöst, die die entsprechende Aufgabe bewältigen kann und soll. Das System ist so programmiert, dass es zwischen Hotellerie, Pflegebedarf und Kompetenzbereich unterscheidet und bezüglich Bedürfnissen in die Tiefe gehen kann. Als ergänzende Leistungen und Informationshilfen sind Video-Tutorials in verschiedensten Sprachen über den Spitalaufenthalt sowie zu Untersuchungen/Operationen vorgesehen.

Fast 10% Personalkosten einsparen

«Es ist an der Zeit, den Patienten als wichtige Ressource im Pflegeprozess zu erkennen», bringt Moreno Furler den Sachverhalt auf den Punkt. HosPush, wie ihr System genannt wird, könne den Patienten mittels bestehender Parameter als wichtige Ressource erschliessen und in Prozesse einbinden. Das mit vielen Informationen und Video-Tutorials gespeicherte Tablet soll bei allen Betten vorinstalliert werden. Ihren Schätzungen zufolge lässt sich die Beschaffungszeit bei den Informationen derart reduzieren, dass bis fast zu 10% der Personalkosten eingespart werden könnten.

Der Aufwand zu Beginn sei zugegebenermassen gross: Alle Informationen müssen zuerst einmal in zahlreiche Sprachen übersetzt und unzählige Kurzvideos gedreht werden. Zudem ist kaum abzustreiten, dass das technische Know-how gerade bei älteren Patienten, die nach wie vor einen überdurchschnittlich hohen Teil in Spitälern ausmachen, sehr unterschiedlich vorhanden sein dürfte. Diesem Problem wollen die beiden Tüftler dadurch Abhilfe schaffen, indem die Multimedia-Kompetenz der einzelnen Patienten bei Spitaleintritt zuerst durch die Pflegekraft eingeschätzt und gespeichert wird. Das System ist quasi bausteinartig aufgebaut und will den unterschiedlichen Fähigkeiten und Wissensstand, aber auch der unterschiedlichen gesundheitlichen Verfassung Rechnung tragen.

Qualitätseinbussen durch Sprachprobleme häufig

Um ihr Vorhaben auf seine Praxistauglichkeit zu testen, sind Moreno Furler und Ali Cöcel bereits fündig geworden. Ein grosses Spital in der Nordwestschweiz biete Hand zu konkreten Tests. Mit weiteren Interessenten sei man im Gespräch. Ebenso haben die Jungunternehmer dem Vernehmen nach Zugang zu IT-Partnern und einem Investor mit einem grossen Netzwerk gefunden. Die Software-Lösung werde ab Frühjahr 2018 zur Verfügung stehen und soll in ersten Tests verwendet werden. Unterstützung wurde ihnen bereits von der Berner Fachhochschule zugesichert.

Professor Dr. Jürgen Holm, Leiter Institute for Medical Informatics, gibt dem Projekt grosse Erfolgschancen auf dem Markt. «Die Pflegenden oder das Stationspersonal können eindeutig entlastet werden. Zudem stellt der Gebrauch der Software einen echten Mehrwert für Fremdsprachige dar, aber auch für Patienten, die bei Bewusstsein sind, aber nicht sprechen können», sagt er gegenüber Hospital Tribune. Ein Vorteil sei auch, dass das System einfach zu installieren sei und unabhängig von den Informationssystemen betrieben werden könne. «Es gibt also keinen Schnittstellenaufwand und keine zusätzliche Arbeit für die Informatik.»

Prof. Holm verweist noch auf einen weiteren Vorteil: Sprachprobleme – gerade im Kontext einer Erkrankung mit Spitalaufenthalt – könnten nicht nur eine grosse Qualitätseinbusse bedeuten, sondern auch die Patientensicherheit infrage stellen. Er will nun bei der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) andocken und dort gemeinsam einen Antrag auf Unterstützung einreichen.  

 

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