Freitag, 14. Dezember 2018

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27.09.2018
Artikel Nummer: 26424
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Spickzettel zur Multiplen Sklerose

Patienten schon bei Verdacht in die Röhre schicken


LONDON – Durch die neuen Medikamente können Patienten mit Multipler Sklerose inzwischen ein weitgehend normales Leben führen – sofern die Diagnose früh genug gestellt wird.


Sie zählt zu den komplexesten Krankheitsbildern und trifft vor allem jüngere Erwachsene, oftmals Frauen. An ihrer Entstehung sind Umwelteinflüsse wie Rauchen und Übergewicht genauso beteiligt wie genetische Faktoren. Und für Patienten ist ein Leben mit Multipler Sklerose (MS) zwar mit einigen Hürden verbunden, dank neuer Medikamente können aber auch sie einen nahezu normalen Alltag führen.


Einen Spickzettel mit wichtigen Informationen rund um die Ätiologie, Diagnose und Therapie stellten Professor Dr. Alan J. Thompson, Institute of Neurology, University College of London, und Kollegen zusammen.

Spurensuche im Immunsystem


Durch gezielte Forschung kam man den Pathomechanismen der MS bereits deutlich auf die Spur. So erscheint das Immunsystem mit seinen Effektorzellen T- und B-Lymphozyten als Schlüsselspieler. Auffällig ist, dass sich die MS-typische Inflammation auf das ZNS beschränkt, wo vermutlich Autoantigene die Schlüsselzellen rekrutieren. Zu den typischen Krankheitszeichen zählen ein axonaler und neuronaler Zellverlust, Demyelinisierung sowie astrozytäre Gliose. Für bleibende Behinderungen ist v. a. die Neurodegeneration verantwortlich.


Das Trio zur Diagnose
In der MS-Diagnostik kombinieren Neurologen Ergebnisse aus

  •  klinischem Befund,
  • Bildgebung,
  • und Labor.

 

Die klinische Expertise ist nötig, um die charakteristische zeitliche und örtliche Dissemination nachzuweisen und andere neurologische Störungen auszuschliessen. Auch im Liquor nachgewiesene oligoklonale Banden zeigen eine MS an. Durch die Kernspintechnik hat sich die Frühdiagnose erheblich verbessert, weshalb gilt: MRT bereits bei Verdacht!


Fortschritte in der Therapie


Mit neuen krankheitsmodifizierenden Medikamenten gelingt es, die MS-typische Neuroinflammation zu verringern. Möglicherweise reduzieren die Präparate auch indirekt die Neurodegeneration. Bislang kaum verlangsamt werden konnte die Entwicklung einer Hirnatrophie.
Ärzte können grundsätzlich zwei therapeutische Strategien verfolgen:

  •  Eskalation: eignet sich für weniger schwer Erkrankte. Begonnen wird mit einer mittelstarken Medikation, nach Bedarf wird zu einer potenteren gewechselt.

  •  Induktion: für Patienten mit hochaktiver MS. Gleich zu Beginn erhalten sie ein starkes Medikament (z. B. Alemtuzumab, Natalizumab) mit der Chance auf eine persistierende Remission; alternativ eine langfristige Erhaltungstherapie mit einem weniger effektiven Präparat.

 

Auch B-Zell-depletierende Antikörper wie Rituximab und Ocrelizumab haben sich bei der schubförmigen und der primär progredienten MS (siehe Kasten oben) wirksam gezeigt. Dies ist besonders wichtig, da sich die meis­ten neuen Medikamente nur zur Behandlung der schubförmigen Erkrankung eignen. Eine weitere Option für Patienten mit hochaktiver MS ist Cladribin. Es reduziert die Schubrate und das Risiko für eine progrediente Behinderung.


Der Einsatz dieser hocheffektiven Mittel birgt aber auch Risiken. Unter dem B- und T-Zell-depletierenden Antikörper Alemtuzumab beobachteten Forscher vermehrt Infektionen, z. B. eine Listerien-Enzephalitis. Natalizumab, ein weiterer Antikörper, steht im Verdacht, eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie zu fördern.


Dr. Dorothea Ranft



Thompson AJ et al.
Lancet 2018; 391: 1622–1636.

 

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