Mittwoch, 18. Oktober 2017

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18.07.2017
Von: Manuela Arand
Artikel Nummer: 26238
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Smartphones und Schlafverhalten: zwischen Störenfried und Heilsbringer

«Sie haben letzte Nacht zu wenig geschlafen», meldet das Handy am Morgen. Oder: «Sie haben nicht tief genug geschlafen.» Was heisst das eigentlich? Und wie steht es um die Verlässlichkeit solcher Diagnosen?


Schlafmediziner sehen Smartphones mit gemischten Gefühlen. Einerseits weiss man, dass spätes Daddeln den Schlaf nicht eben fördert. Andererseits könnten «Schlaf-Apps» bei Diagnostik und Therapie von Schlafstörungen vielleicht sogar helfen.

Wer bis kurz vor dem Schlafengehen auf den Handy- oder Computerbildschirm starrt, darf sich über eine unruhige Nacht nicht wundern. Forscher vermuten, dass das bläulich gefärbte Licht der Displays die Melatoninsekretion aus dem Tritt bringt. Insofern kann man sich schon fragen, ob es sinnvoll ist, per App das Schlafverhalten verbessern zu wollen.

 

Potenziell hilfreich, aber nicht wissenschaftlich validiert

 

Professor Dr. Elizabeth Parsons, Schlafmedizinerin an der Universität Washington, steht dem Smartphone als Schlafmesser und -helfer auch noch aus anderen Gründen skeptisch gegenüber. Sie sieht zwar einen gewissen Stellenwert des eingebauten Aktigraphen. Der kann in Kombination mit einem Pulsmesser die per Polysomnografie erhaltenen Daten um daheim gewonnene Ruheaktivitätsmuster ergänzen, wobei die Daten einigermassen zuverlässig mit dem Schlaf-wach-Zustand korrelieren. Aktigraphen sind aber nicht in der Lage, Schlafstadien zu messen, bilden also Schlafqualität nicht ab, auch wenn die App anderes behauptet.

Vollmundige Versprechen wie «Das ganze Schlaflabor in einem Sensor» klingen für Patienten zwar gut, die gerne den Aufwand und die Unbequemlichkeiten der klinikbasierten PSG umgehen möchten. Trauen kann man ihnen aber nicht, zumal die Anbieter die dahintersteckenden Algorithmen nicht preisgeben. Zulassungsbehörden wie die amerikanische FDA haben keinen Einblick, wie die Geräte Daten erfassen und auswerten. «Jedes Software-Update verändert, wie die Daten interpretiert werden», monierte Prof. Parsons. Vergleichbarkeit sieht anders aus, von wissenschaftlicher Validierung ganz zu schweigen.

Was für die elektronischen Helfer spricht, ist, dass sie den Patienten dazu bringen, selbst etwas für seine Schlafqualität zu tun, statt sich allein auf medizinische Hilfe zu stützen, findet die Schlafmedizinerin. Stichwort: Empowerment. Ausserdem mag es tatsächlich die eine oder andere App geben, die eine verhaltenstherapeutische Intervention sinnvoll unterstützen kann. Da aber nicht einmal Behörden überblicken, was sich alles auf dem Markt tummelt, ist es für den Nutzer schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Die Kehrseite der Medaille liegt darin, dass schlafgestörte Patienten selbst diagnostizierte Störungen eigenmächtig mit rezeptfreien Mitteln behandeln, Diagnosen verschleppt und adäquate Therapien verspätet eingeleitet werden. Ausserdem weiss niemand so genau, was mit den erhobenen Daten alles passiert.

 

 

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