Montag, 16. September 2019

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08.03.2019
Von: Manuela Arand
Artikel Nummer: 26507
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«Pokémon Go» für COPD-Patienten

Apps könnten zu mehr Aktivität ermuntern


BERLIN – Für COPD-Kranke wird jede moderate bis schwere Exazerbation zur Zäsur: Sie hinterlässt die schon zuvor inaktiven Patienten noch bewegungsärmer. Rehabilitation hilft, aber nicht auf Dauer.


Kollegen aus Belgien und Spanien untersuchten, wie sich moderate und schwere Exazerbationen auf das Aktivitätsmuster von 141 COPD-Patienten mit mässig eingeschränkter Lungenfunktion (FEV1 59 % vom Soll) auswirken.1 Als moderat galt eine Exazerbation, die Antibiotika oder orale Kortikosteroide erforderte, schwere Exazerbationen machten die stationäre Behandlung nötig.

Das Ergebnis spricht Bände: Nach einer schweren oder zwei moderaten Exazerbationen nahm die tägliche Schrittzahl der Kranken binnen eines Jahres um 700–750 ab. Das unterstreicht die Notwendigkeit, Patienten nach Exazerbation eine Rehamassnahme zukommen zu lassen, betonte Professor Dr. Klaus Kenn, Universität Marburg. Allerdings seien die Vorwürfe, dass die Effekte der Rehamassnahmen schnell verpuffen, sobald der Patient wieder heimkehrt, berechtigt.

Intensivbetreuung im Alltag nicht zu leisten

Italienische Kollegen versuchten, die Rehawirkung zu erhalten, indem sie Patienten nach einer achtwöchigen stationären Massnahme drei Jahre lang ein supervidiertes Training absolvieren liessen (dreimal/Woche für zwei Stunden) und zudem alle zwei Wochen anriefen.2 Dies hatte zwar den Effekt, dass der BODE-Index relativ stabil und besser als bei der Kontrollgruppe blieb – Gleiches galt im Hinblick auf den Sechs-Minuten-Gehtest. Prof. Kenn hinterfragte aber, wer im Alltag den Aufwand leisten kann.

Ob eine App in der Lage ist, smartphoneaffine Patienten bei der Stange zu halten, prüfte eine belgische Arbeitsgruppe.3 Sie versah die Interventionsgruppe ausserdem mit Schrittzählern, Anleitungen fürs Heimtraining und wetteradaptierten Aktivitätsvorschlägen – «ein Riesenaufwand».

Im Schnitt 13,5 Meter mehr gelaufen

Tatsächlich erhöhte die Intervention die Wahrscheinlichkeit für 1000 Schritte mehr pro Tag um das 4,4-Fache – aber im Schnitt legten die Patienten täglich gerade mal 13,5 m mehr zurück als die Kontrollen. Dabei fiel auf, dass vor allem jene profitiert hatten, die vorher schon  relativ fit und aktiv gewesen waren.

«Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir in der Trainingstherapie sehen: Da profitieren die am meisten, die besonders krank sind», sagte Prof. Kenn. Trotzdem glaubt er an die Zukunft von Apps für diese Patienten: «Pokémon Go für COPD-Kranke könnte vielleicht helfen.» Solche Apps gibt es zwar noch nicht, aber sie sind in Arbeit.


An der Ampel scheitern
Fussgängerampeln sind für die meisten COPD-Patienten ein kaum zu überwindendes Hindernis. Um sie während der Grünphase zu überqueren, ist nämlich eine Gehgeschwindigkeit von 1,2 m/s nötig. Und die schaffen nur 10 % der COPD-Patienten, wie eine Untersuchung an knapp 1000 Patienten ergab. Diese waren nicht einmal extrem kurzatmig, das mittlere FEV1 lag bei knapp 50 % vom Soll.
Ampeln sind eine Aktivitätsbremse im Alltag, betonte Prof. Kenn: «90 % unserer Patienten wissen schon vorher, dass sie nicht bei Grün auf der anderen Seite ankommen werden.»

 

 

Angst vor Atemnot macht atemlos
COPD-Patienten vermeiden körperliche Aktivität aus Angst, keine Luft zu bekommen. Dabei induziert bereits die Furcht vor der Dyspnoe Atemnot, wie Forscher in funktionellen MRT-Untersuchungen nachweisen konnten. Bei COPD-Patienten werden dieselben Hirnareale aktiv wie bei Gesunden, wenn sie tatsächlich kurzatmig werden, auch das Ausmass der Aktivierung ist vergleichbar. Die Antizipation von Atemnot, ausgelöst durch einen zuvor programmierten visuellen Stimulus, führt bei den Kranken jedoch zu einer wesentlich stärkeren Aktivierung in Hippocampus und Amygdala. Für Prof. Kenn lassen sich daraus wichtige Schlüsse für den Alltag ziehen. COPD-Kranken verschlägt es leicht den Atem, wenn sie etwas schnell erledigen oder rasch von hier nach dort gelangen sollen. Prof. Kenn fordert daher, mit den Patienten über ihre Angst vor der Atemnot zu sprechen und zu versuchen, ihnen Wege zu zeigen, wie sie diese Angst abbauen können, ohne deshalb die Aktivität an sich zu vermeiden.




1. Demeyer H et al.
Eur Respir J 2018; 51: pii: 1702110.

2. Güell MR et al. Am J Respir Crit Care Med  2017; 195: 622–629.

3. Demeyer H et al.
Thorax 2017; 72: 415–423.

15. Pneumologie-Update-Seminar

 

 

 

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