Mittwoch, 13. Dezember 2017

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06.12.2017
Von: Dr. Alexandra Bischoff
Artikel Nummer: 26303
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Nicht unter Druck geraten!

Bei hypertensiver Entgleisung erst die Begleitsymptome überblicken und entsprechend handeln


FREIBURG i.Br. – Auf einen krisenhaften Blutdruckanstieg über 180/120  mmHg sollte jeder Arzt adäquat reagieren können – sonst wird aus der Krise schnell ein Notfall, der schlimmstenfalls tödlich endet. Doch nicht jede Spitze bedarf einer sofortigen Intervention.

Mit einem Anteil von 90 % ist der primäre arterielle Hochdruck der weitaus häufigste Auslöser einer hypertensiven Krise – definiert als ein Anstieg über 180/120 mmHg. In knapp einem Viertel aller Fälle tritt ein bisher unbekannter Hypertonus sogar erstmals durch eine Krise in Erscheinung. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer, schreibt Professor Dr. Gerd Bönner, Leiter der wissenschaftlichen Kommission der Deutschen Hypertonie Akademie.

Auch psychischer Stress und Angstzustände sowie Alkoholmissbrauch und Drogenabusus (Kokain, Amphetamin) lassen die Werte mitunter krisenhaft steigen. Gleiches gilt für heftige Schmerzen und Reduktionen der antihypertensiven Therapie. Seltener sind Grunderkrankungen wie Nierenleiden, Präeklampsie oder Phäochromozytom Auslöser des Blutdruckanstiegs.
Bei der Anamnese sollte neben den oben genannten Punkten gezielt nach einer vorbestehenden Hypertonie sowie Art und Dauer der Medikation gefragt werden. Frühere Blutdruckkrisen und aktuelle Therapieänderungen interessieren ebenso wie eine blutdrucksteigernde Komedikation (z. B. Kontrazeptiva).
Ein alleiniger Blutdruckanstieg ohne Symptomatik bedeutet in der Regel keine akute Gefahr. Der Patient sollte entsprechend beruhigt werden, evtl. helfen auch Entspannungsübungen (autogenes Training, Tiefenatmung), den Blutdruck zu normalisieren.

Unberechenbarer Abfall durch akut wirkende Vasodilatatoren

Anders sieht die Strategie aus, wenn zusätzlich zur anhaltenden Blutdruck­erhöhung Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel, innere Unruhe, Spannungsgefühl im Brustkorb oder Nasenbluten bestehen – ohne Organbeteiligung. Dann sollte der Patient eine zusätzliche Tablette seiner bestehenden Medikation einnehmen. Eine Akutgabe von Nitroglycerin (0,8–1,2 mg), Captopril (12,5–25 mg) oder Clonidin (0,075–0,150 mg) wird nur selten benötigt. Unretardierte Kalziumantagonisten und andere akut wirkende Vasodilatatoren sollten auf keinen Fall gegeben werden. Denn sie können zu unberechenbaren, raschen Blutdruckabfällen führen. In den folgenden Tagen sollte die Basismedikation langsam eingestellt werden, ggf. unter Hinzunahme weiterer Wirkstoffe.

Ein ähnliches Vorgehen wird für Patienten mit vorbestehenden Endorganschäden empfohlen. Allerdings muss der Blutdruck hier schneller gesenkt werden, um den Übergang in einen hypertensiven Notfall zu vermeiden. Das Ziel ist eine Reduktion auf Werte < 160/100 mmHg binnen ein bis zwei Stunden. Je nach Klinik empfiehlt der Autor die akute Gabe von Urapidil (25 mg oral, evtl. auch 12,5–25 mg i. v.). In den nächs­ten ein bis zwei Tagen sollte der Blutdruck dann mittels Dosistitration der aktuellen Medikation oder Therapieerweiterung weiter sinken (< 140/90  mmHg).
Bei einem hypertensiven Notfall ist ein Blutdruckanstieg auf Werte über 180/120 mmHg definitionsgemäss immer mit akuten Organschäden (Gehirn, Herz, Niere oder Gefässe) und/oder mit einer akuten Verschlimmerung vorbestehender Endorganschäden verbunden.

Jeder Notfall muss stationär eingewiesen werden

Die Symptome reichen von Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen, Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Krampfanfällen oder Sehstörungen. Die Mortalität liegt unbehandelt bei 63 %. Bei Schwangeren und Kindern können entsprechende Beschwerden bei Werten ab 150/100mmHg auftreten. Das Ausmass des Anstiegs ist wichtiger als die absolute Höhe des Blutdrucks, schreibt Prof. Bönner.
Anamnestisch wird vorgegangen wie bei der hypertensiven Krise (evtl. Fremdanamnese). Blutdruck (beidseitige Messung) und Pulsstatus sollten überwacht werden.
Jeder hypertensive Notfall muss stationär eingewiesen werden, wobei der Transport unter ärztlicher
Aufsicht zu erfolgen hat. Noch in der Praxis oder während der Fahrt in die Klinik sollten symptomabhängig bestimmte Substanzen zur Druckentlastung des Kreislaufsystems verabreicht werden (s. Tabelle).
Cave: Die Gabe von Nifedipin oder Nitrendipin 5mg oral oder sublingual sollte insbesondere bei kardiovaskulären Erkrankungen unbedingt vermieden werden, da es ansonsten zu unkontrollierten Hypotonien und Organschäden kommen kann.

 

Bönner G. Dtsch Med Wochenschr 2017; 142: 1437–1445.

 

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