Samstag, 14. Dezember 2019

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14.06.2019
Von: Dr. Dorothea Ranft
Artikel Nummer: 26570
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Kognitive Verhaltenstherapie verbessert Lebensqualität

Tinnitus-Leitlinie gibt den Ton an


MAASTRICHT – Neurostimulation, veränderte Musik, Medikamente: Gegen quälende Ohrgeräusche gibt es die verschiedensten Therapien. Eine europäische Leitlinie bewertet die unterschiedlichen Optionen.


Üblicherweise wird der akute Tinnitus wie ein Hörsturz angegangen. Da für die Behandlung mit Kortison aber nur dürftige Evidenz bestehe, sei sie für Patienten ohne Hörverlust nicht zu empfehlen, so die Leitlinien-Autoren um Dr. Rilana F. F. Cima von der Universität Maastricht. Auch intratympanale Steroid-Injektionen würden nicht gegen die Ohrgeräusche helfen.

Zwar wurden auch beim chronischen Tinnitus die verschiedensten Medikamente bis hin zu Antidepressiva und Muskelrelaxanzien eingesetzt, doch für keine dieser Substanzen konnte tatsächlich eine Wirkung gegen das Klingeln, Pfeifen und Brummen gezeigt werden. Da jedoch ernste Nebenwirkungen drohen, rät die Leitlinie von einer Pharmakotherapie beim Ohrenklingeln ab. Allerdings können bei Patienten mit psychiatrischen Begleiterkrankungen z.B. Antidepressiva hilfreich sein.

Einen fraglichen Nutzen bieten auch die oft eingesetzten Hörhilfen: Cochlea-Implantate eignen sich nur zur Behandlung einer begleitenden, hochgradigen Schwerhörigkeit, nicht zur Tinnitus-Therapie an sich, so die Autoren. Auch Hörgeräte sollten nur dann verordnet werden, wenn wirklich ein Hörverlust vorliegt.

Tinnitus-Masking kann kurzfristig helfen

Als weitere Optionen werden verschiedene Neurostimulationsverfahren angeboten. Sie sollen die Nervenreizungen unterbinden, die den störenden Ohrgeräuschen zugrunde liegen. Unterschieden werden nichtinvasive und invasive Verfahren, die entweder elektrische, elektromagnetische oder Schall-Stimuli nutzen. Allerdings ist der Wirkmechanismus der Neurostimulation noch nicht vollständig geklärt, und zum Teil ist noch nicht einmal die stimulierte Hirnregion bekannt.

Entsprechend zurückhaltend gibt sich die Leitlinie: Transkranielle Elektrostimulation und transkutane Vagusnerv-Stimulation werden ausdrücklich nicht empfohlen, weil zur Wirksamkeit keine evidenzbasierten Studien vorliegen. Klar abgeraten wird von der transkraniellen Magnetstimulation, denn hier ist zudem die langfristige Sicherheit nicht garantiert. Nicht empfohlen wird auch die akustische Neuromodulation, ebenfalls wegen des ungesicherten Effekts.

Bei invasiven Therapien wie der Vagusnerv-Stimulation mit implantiertem Gerät sehen die Leitlinien-Autoren ebenfalls keinen Nutzen. Sämtliche Verfahren dieser Art befänden sich noch im Versuchsstadium, entsprechend niedrig bewerten sie das Evidenzlevel für Wirksamkeit und Sicherheit.

Ausdrücklich empfohlen wird in der Leitlinie dagegen die kognitive Verhaltenstherapie. Ihre Wirksamkeit bei Tinnitus sei hochgradig evidenzbasiert und an der Sicherheit bestünden ebenfalls keine Zweifel. In einer randomisierten kontrollierten Studie mit knapp 500 Patienten zeigte die Methode einen günstigen Einfluss auf den Schweregrad der Erkrankung und die Lebensqualität und war damit der einfachen Beratung klar überlegen. Auch Depression und Angst sprachen auf die kognitive Verhaltenstherapie besser an.

Nicht empfohlen wird dagegen die Retrainingtherapie, die quasi eine Umgewöhnung des Gehirns anstrebt. Dadurch soll der Tinnitus blockiert werden, bevor ihn der Patient bewusst wahrnimmt. Allerdings hapere es an der Evidenz für den Erfolg dieser Behandlung, so die Leitlinien-Autoren, Sicherheit allein reiche nicht. Keine Empfehlung geben die Experten auch den verschiedenen Formen der akustischen Therapie. Auch hier fehle der Wirk­nachweis. Tinnitus-Masking, veränderte Musik und Umweltgeräusche könnten allerdings kurzfristig für Erleichterung sorgen.

Von alternativen Therapien wird abgeraten

Von alternativen Therapien rät die Leitlinie ab. Nach Einschätzung der Autoren wird die Wirkung von Ginkgo­-biloba-Extrakten bei Tinnitus durch die bisherigen Studien nicht ausreichend belegt. Zudem könne es unter der Therapie zu Interaktionen mit Gerinnungshemmern kommen, schreiben sie. Auch für das «Schlafhormon» Melatonin seien die bisherigen Daten unzureichend. Zink und andere Supplemente – von Knoblauch bis hin zu chinesischen Kräuterzubereitungen – blieben den Wirknachweis ebenfalls schuldig.

Das Fazit der Leitlinie: Unter den verschiedenen Optionen gegen Tinnitus ist die Wirkung der kognitiven Verhaltenstherapie – als Einzelsitzung oder in der Gruppe – wissenschaftlich am besten abgesichert. Für Verfahren, die an der Geräuschwahrnehmung ansetzen, ist ein zusätzlicher Effekt zur kognitiven Verhaltenstherapie oder zur gründlichen Beratung bisher nicht belegt. Bisher ist unklar, ob die Soundtherapien z.B. mit Masker-Geräten auch als alleinige Behandlung funktionieren.


 

Das geht auf die Nerven
  • nichtinvasive Neurostimulation: transkranielle elektrische Stimulation, transkutane Vagusnerv-Stimulation, repetitive transkranielle Magnet-Stimulation, akustische (CR®-) Neuromodulation
  • invasive Neurostimulation: Vagusnerv-Stimulation mit implantierbarem Gerät, tiefe Hirnstimulation



Cima RFF et al. HNO 2019; 67: 10–42.

 

 

 

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