Montag, 16. Dezember 2019

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27.11.2019
Von: Dr. Dorothea Ranft
Artikel Nummer: 26670
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Keine Tore ohne Spritzen und Tabletten

Bei der Fussball-WM 2018 nahm rund jeder zweite Spieler Medikamente


ZÜRICH – Jeder zweite Fussballer stand bei der WM 2018 unter Einfluss von Medikamenten. Am beliebtesten waren Analgetika, Schlafmittel und Angstlöser. Auch Supplemente lagen hoch im Kurs. Doping war das alles nicht, es brachte aber trotzdem die Gesundheit der Spieler in Gefahr.

Die Daten zur Arzneimittel-Verordnung bei der letzten Weltmeisterschaft lieferten die Teamärzte persönlich – über ein neues Online-Meldesystem der FIFA*. Anzugeben waren sämtliche Medikamente, die die 736 Fussballspieler innerhalb von 72 Stunden vor einem WM-Match genommen hatten. Auch genutzte Supplemente mussten gemeldet werden, schreiben Chelsea Oester und Kollegen von der FIFA in Zürich.

Das Ergebnis: Rund die Hälfte der WM-Teilnehmer (54 %) griff mindestens einmal während des Turniers zur Tablettenschachtel oder Spritze. 39 % dieser Spitzenfussballer nahmen sogar vor jedem Match ein oder mehrere Arzneimittel ein. Am häufigsten kamen mit 38,6 % nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) zum Einsatz, gefolgt von Schlafmitteln und Anxiolytika.

Damit sank zwar die Verordnung von NSAR im Vergleich zur WM 2014 (-20 %), liegt aber nach wie vor zu hoch, warnen die Autoren. Die Teamärzte verschrieben die Antirheumatika fast dreimal so oft wie andere Analgetika. Einer von vier Kickern bekam vor jedem Spiel NSAR.

NSAR nicht zur Prophylaxe geeignet
Ähnliche Zahlen werden auch von anderen Sportarten berichtet. Die Autoren sehen diese Praxis sehr kritisch und verweisen auf das Internationale Olympische Komitee (IOC). In seinen Leitprinzipien empfiehlt das IOC, bei Schmerzen jeweils nur einen Wirkstoff zu verordnen – in der niedrigsten Dosis, über einen möglichst kurzen Zeitraum und in Kombination mit nichtpharmakologischen Massnahmen. NSAR und andere Analgetika eignen sich weder zur Schmerzprophylaxe noch zur Anwendung bei Verletzungen.

Diese Grundsätze wurden während der Weltmeisterschaft 2018 in Russland gründlich missachtet. Das ist ein riskantes Verhalten angesichts der Gesundheitsgefahren, die die häufige Einnahme nichtsteroidaler Antirheumatika für Sportler haben kann. Am bekanntesten sind die gastrointestinalen Komplikationen (Ulkus, Blutung etc.). Nicht minder riskant: die Verschlechterung der Nierenfunktion. Zudem leidet der Knochenstoffwechsel – statt des erhofften WM-Gewinns drohen Frakturen. Diese Risiken sollten auch die Sportler kennen.

Möglicherweise hat die Kenntnis der Nebenwirkungen von NSAR bereits das Verordnungsverhalten beeinflusst. Bei der Fussball-WM 2018 in Russland verschrieben die Team­ärzte weniger Antiphlogistika – dafür aber mehr Analgetika wie Paracetamol oder Metamizol. Deren Verordnung stieg um 76 %. Diese Zunahme kam teilweise durch kuriose Praktiken zustande: So verab­reichte ein Kollege gegen Ende des Turniers allen Spielern vor jedem Match Paracetamol, unabhängig davon, ob sie in der Startelf stehen oder auf der Ersatzbank sitzen sollten.

Ins Auge fiel auch die vermehrte Einnahme von Schlaftabletten und Anxiolytika. In den europäischen Teams wurden diese Wirkstoffe 2014 nur 32-mal verschrieben – bei der WM 2018 dagegen 124-mal. Alles nur die Folge eines verbesserten Meldeverfahrens? Die Autoren wundern sich, schliesslich war die Akklimatisierung in Russland wegen des geringeren Zeitzonenunterschieds einfacher als vier Jahre zuvor in Brasilien.

1311 Supplemente für 736 Spieler verordnet
Ebenfalls weit verbreitet unter den WM-Teilnehmern war die Nutzung von Supplementen wie etwa Vitamin-Präparaten. Die Nahrungsergänzungsmittel sollen Mangel­zuständen vorbeugen, die Leistung auf dem Spielfeld verbessern und die Regeneration beschleunigen. Die Zahl der Verordnungen kletterte von 930 bei der WM in Brasilien auf 1311 in Russland. Zu den grössten Gefahren der Ergänzungsmittel zählt die Verunreinigung mit Wirkstoffen, die auf der Verbotsliste der Welt-Doping-Agentur (WADA) stehen. Dadurch kann es zu einem positiven Dopingtest kommen. Der Fussballer erhält dann ein Spielverbot, obwohl er die bemängelte Substanz nicht mit Absicht eingenommen hat.

Dr. Dorothea Ranft
*    Fédération Internationale de Football Association
Oester C et al. BMJ Open Sp Ex Med 2019; online first.

 

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