Mittwoch, 13. Dezember 2017

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06.12.2017
Von: Nathalie Zeindler
Artikel Nummer: 26302
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Ernährung im Alter zu wenig thematisiert

Medical Tribune im Gespräch mit Prof. Heike Bischoff-Ferrari, Zürich


Zürich – Im Zeitalter der steigenden Lebenserwartung treten auch Mangelerscheinungen immer öfter auf. Professor Dr. Heike Bischoff-Ferrari, Klinikdirektorin Geria­trie UniversitätsSpital Zürich und Stadtspital Waid, sprach im Interview mit Medical Tribune über die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen auf diesem Gebiet.


?Prof. Bischoff-Ferrari, eine ausgeglichene Ernährung im Alter gewinnt zunehmend an Bedeutung. Im Zusammenhang mit Proteinen und Vitaminen gehen die Meinungen jedoch auseinander. Gibt es bestimmte Richtlinien?
Prof. Bischoff-Ferrari: Aus Studien lässt sich entnehmen, dass der Bedarf an Eiweiss im Alter höher wird, doch gleichzeitig nimmt die entsprechende Zufuhr im Laufe der Jahre ab. Deshalb empfehlen wir älteren Menschen eine Eiweiss-Quelle zu jedem Essen und erforschen gut verträgliche entsprechende Supplemente als essenzielle Massnahme gegen Gebrechlichkeit. Bereits belegt ist, dass eine verminderte Zufuhr bei älteren Erwachsenen den Muskelabbau begünstigt und insbesondere Molke-Eiweiss den Aufbau fördert. Ab Dezember starten wir daher eine durch den Schweizer Nationalfonds unterstützte Studie mit 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ab 75 Jahren. Das Ziel besteht darin, einer allfälligen Gebrechlichkeit mithilfe von Molke-Eiweiss und einem einfachen Trainingsprogramm vorzubeugen. Ich stelle zudem fest, dass die Ernährung im Bereich der Medizin zu wenig abgebildet wird, was sich bereits in der Ausbildung zeigt.

?Wie lässt sich dieser Umstand ändern?
Prof. Bischoff-Ferrari: Unter anderem, indem wir im Medizinstudium und in der Assistenzarzt-Ausbildung vermitteln, wie Ernährung gemessen wird und wie die damit verbundenen Empfehlungen in den Behand-lungsplan einfliessen sollten. Bei 20–50 % der älteren Patienten, die uns aufgrund einer sturzbezogenen Verletzung zugewiesen werden, stellen wir eine Malnutrition fest. Das ist hochrelevant, weil insbesondere der Eiweissmangel die Wundheilung verzögert, die Rehabilitationsfähigkeit vermindert, die Infektrate erhöht und die Hospitalisationsdauer verlängert. In diesem Zusammenhang steht eine verlässliche Kooperation mit Hausärzten im Vordergrund, damit sich eine Mangelernährung rechtzeitig erkennen und behandeln lässt.

?Das heisst, dass die bisherige Zusammenarbeit bislang eher zu wünschen übrig liess?
Prof. Bischoff-Ferrari: Nein, denn wir arbeiten sehr gut mit den Hausärzten zusammen und versuchen gemeinsam, die Mangelernährung im Alter zu thematisieren und zu bekämpfen. Da es auch darum geht, praktikable Ernährungs-Messmethoden für die Klinik zu etablieren, haben wir eigens für DO-HEALTH – die grösste Studie Europas zum Thema «Gesund älter werden» – ein einfaches Instrument entwickelt, welches eine systematische Erfassung der Ernährung in Form eines elektronischen Systems ermöglicht. Im Augenblick handelt es sich um einen Entwicklungsschritt, der noch validiert werden muss, idealerweise unmittelbar Mangelzustände abbildet und Lösungskonzepte vorschlägt. Ein solches Vorgehen würde Grundversorgern und Klinikärzten erlauben, die Ernährungsmuster ihrer Patienten auszuwerten.

?Werden die Hintergründe einer Mangelernährung zu wenig beleuchtet?
Prof. Bischoff-Ferrari: Es wird immer wieder vergessen, dass eine unzureichende Ernährung verschiedene Faktoren beinhaltet und eine ausführliche Abklärung voraussetzt. Ein unpassendes Gebiss oder Schluckprobleme können ebenso verantwortlich sein wie eine Handarthrose, die eine Nahrungsmittelzufuhr erschwert. Auch eine Depression beispielsweise in Folge einer Isolation im Alter gilt als wichtige Ursache für Mangelernährung. Wenn man die Ernährungsweise mit den entsprechenden Symptomen eng verknüpft, lässt sich gezielt eine Veränderung herbeiführen, denn Tatsache ist: Viele Patienten realisieren nicht, wenn sich ihr Essverhalten verändert.

?In Bezug auf die optimale Ernährung bei Senioren spielt auch Vitamin D eine entscheidende Rolle. Allerdings scheint es keine endgültige Einigkeit in puncto Dosierung zu geben.
Prof. Bischoff-Ferrari: Sämtliche Empfehlungen bei Menschen im Alter von 60 bis 65 Jahren oder älter beinhalten täglich 800 internationale Einheiten (IE) Vitamin D. Für diese Dosierung gibt es eine solide Datenlage aus hochqualitativen Doppelblindstudien, dass dadurch jeder dritte Sturz und Hüftbruch vermieden werden könnte. Schwieriger wird es mit den Bolus-Gaben. Hier zeigt sich, dass jährliche Mega-Dosierungen bis 500 000 IE das Sturz- und Knochenbruchrisiko erhöhen. Sicher und effizient ist hingegen die Monatsdosis von 24 000 IE. Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse von DO-HEALTH, wo wir bei 2157 relativ gesunden Menschen im Alter ab 70 Jahren eine dreijährige Einnahme von 2000 IE pro Tag bezüglich Knochen und Muskelgesundheit prüfen. Im Sommer 2018 wird das Ergebnis vorliegen.

?Nebst Vitaminen geben auch zahlreiche Medikamente zu reden, die in den Pflegeheimen jeden Tag abgegeben werden. Nun soll ein verantwortungsvoller Umgang vermehrt im Zentrum stehen.

Prof. Bischoff-Ferrari: Hier gilt es vor allem, die Schnittstellen zu verbessern und die Patienten immer wieder darauf hinzuweisen, ihre Medikamente mitzubringen, um unkontrollierte Einnahmen verhindern zu können. Seitens der Spitalärzte ist es wichtig, die Medikamentenliste bei Ein- und Austritt abzubilden, damit der Hausarzt gut informiert ist. Eine beträchtliche Herausforderung in der Geriatrie ist immer wieder der langjährige Konsum von Schlafmedikamenten vom Typ Benzodiazepin. Diesbezüglich stellt sich eine Umstellung oft als sehr schwierig heraus und die Fortführung begünstigt das Sturzrisiko. Wir unterstützen deshalb Konzepte der Schlafhygiene mit viel Bewegung und ohne Mittagsschlaf sowie Konzepte aus der Naturheilkunde wie Baldrian oder Hopfen.

?Sind Ärztinnen und Ärzte im Zeitalter der Polymedikation zunehmend herausgefordert?
Prof. Bischoff-Ferrari: Das ist in der Tat so, doch gleichzeitig handelt es sich bei der Altersmedizin um einen spannenden Bereich, in dem es darum geht, verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zu untersuchen, Nebenwirkungen ausreichend zu berücksichtigen und die multiple Organfunktion im Auge zu behalten.

?Sie beschäftigen sich seit einiger Zeit auch mit der sogenannten Gedächtnis-Diät, einem neuen Gebiet im Bereich der Ernährungsforschung.

Prof. Bischoff-Ferrari: Neue Daten weisen tatsächlich daraufhin, dass gewisse Nahrungsmittel die Erhaltung der Gedächtnisfunktion unterstützen. Zusammengefasst wurden diese Nahrungsmittel in der MIND-Diet (Gedächtnisdiät). Die Basis stellt die mediterrane Diät mit zusätzlicher Betonung auf Nüsse, Beeren, grünes Gemüse, wenig rotes Fleisch, Süsses und Frittiertes dar. In einer 10-Jahres-Studie konnten ältere Menschen, die vermehrt eine solche Diät befolgen, ihr Alzheimer-Demenz-Risiko halbieren. Ernährung könnte also in der Prävention von Demenz eine grosse Rolle spielen. Allerdings müssen diese Erkenntnisse in die Klinik einflies­sen. Um dies nachhaltig umsetzen zu können, gilt es, die Ernährungskompetenz in der Medizin ab dem Studium aufzubauen und einfache und praktikable Ernährungs-Messmethoden für die Spitäler zu entwickeln.

Besten Dank für das Gespräch!

 

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