Sonntag, 21. Oktober 2018

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27.09.2018
Artikel Nummer: 26425
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Diskussion um den Salzkonsum

Zu viel ist schädlich – oder doch nicht?


MÜNCHEN – Der Mythos, dass zu viel Salz der Gesundheit schadet, hält sich hartnäckig. Doch die derzeitigen Empfehlungen zum Salzkonsum sind wirklichkeitsfremd. Salz schadet der Gesundheit nur in extremen Mengen – zu wenig dagegen könnte problematisch sein. Gesunden Patienten brauche man das Salzen nicht zu verbieten, so die Experten am Europäischen Kardiologiekongress.


Patienten mit Bluthochdruck igno­rieren den Ratschlag ihrer Ärzte, weniger Salz zu essen, und verlassen sich lieber auf ihre Medikamente – das berichteten Dr. Kazuto Ohno vom Enshu-Krankenhaus im japanischen Hamamatsu und seine Kollegen von zwei Universitäten in Nagoya am Jahreskongress der European Society of Cardiology (ESC).1 12 422 Patienten mit Bluthochdruck und Antihypertonika hatte das Forscherteam eingeschlossen. Ihre tägliche Salzaufnahme wurde indirekt über die Natrium-Ausscheidung im Urin geschätzt.


Bei allen Patienten besserten sich die Blutdruckwerte, obwohl die Salzaufnahme nicht zurückging. Im Gegenteil: Die Patienten verzehrten im Laufe der Studie immer mehr Salz. Bei den rund 3 % Patienten, die die Empfehlung von maximal 6 g Salz pro Tag einhielten, lagen die Blutdruckwerte nur in einem unwesentlichen Prozentsatz häufiger im Zielbereich als bei den 97 % der Patienten, die im Mittel doppelt so viel Salz verzehrten.


Mythos vom schädlichen Salz hält sich hartnäckig


«Sogar bei Hypertonikern hat der eingeschränkte Salzkonsum nur einen kleinen Effekt auf das Senken des Blutdrucks», kommentierte Professor Dr. Franz Eberli, Chef-Kardiologe am Triemli-Spital in Zürich, auf dem Kongress. «Die Autoren wollten offenbar den Wert einer Salzrestriktion beweisen und haben an dessen Stelle den limitierten Nutzen dieser Massnahme gefunden.»


Der Mythos vom schädlichen Salz hält sich hartnäckig – nicht nur viele Patienten, sondern auch einige Kollegen sind nach wie vor überzeugt, zu viel Salz erhöht den Blutdruck und damit das Risiko für Schlaganfälle und Myokardinfarkte.


Doch auf Salz zu verzichten, scheint nur bei extrem hohem Salzkonsum sinnvoll zu sein. Darauf wiesen schon frühere Studien. Jetzt wird dies durch eine grosse weltweite Studie mit 95 767 Erwachsenen untermauert.2 Jedes Gramm mehr Salz pro Tag erhöhte zwar den Blutdruck, aber nur bei den Teilnehmern, die extrem viel Salz verzehrten. Das war vor allem in China der Fall, wo 80 % der Bevölkerung mehr als 5 g Natrium pro Tag zu sich genommen hatten – das entspricht 12,7 g Salz am Tag oder 2,5 Teelöffeln.


Auch ein erhöhtes Schlaganfallrisiko wurde fast ausschliesslich in China dokumentiert. In allen anderen Ländern lagen die Tagesdosen zwischen 7,6 und 12,7 g Salz oder 1,5 bis 2,5 Teelöffeln. In der Schweiz nehmen Männer im Schnitt täglich 10,6 g Salz zu sich und Frauen 8,1 g.3


Das liegt weit über den derzeitigen Empfehlungen: Die Weltgesundheitsorganisation und die ESC raten zu weniger als 5 g pro Tag4,5, die amerikanische Kardiologen-Gesellschaft gar idealerweise zu maximal 3,8 g.6 «Die Empfehlungen sind wirklichkeitsfremd», sagt Prof. Eberli. «Es gibt immer weniger Argumente, eine Reduktion des Salzkonsums als gesundheitsfördernde Massnahme zu propagieren.»


Der Körper scheidet ein Zuviel an Natrium aus


Neu und überraschend an der kanadischen Studie2 ist: Je mehr Salz verzehrt wurde, desto niedriger war das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen vorzeitigen Tod. «Vermutlich reagieren nicht alle Organe gleich empfindlich auf Salz, und Salz könnte womöglich sogar einen schützenden Effekt auf das Herz haben», sagt Professor Dr. Franz Messerli, Kardiologe in Bern. Zu wenig Salz könnte indes schaden: Bei zu niedrigem Salzkonsum stieg das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko in der genannten Studie wieder leicht an.


Für Prof. Messerli stellt sich immer mehr die Frage, ob Salz tatsächlich, wie seit Jahren propagiert, gefährlich und für Millionen von Schlaganfällen und verfrühten Todesfällen verantwortlich sei. Klar dagegen spricht seine Auswertung von Daten vom Cambridge Institute of Public Health und der Harvard School of Public Health und den Vereinten Nationen:5,6 Je mehr Salz jemand ass, desto höher war seine Lebenserwartung und je geringer der Konsum, desto kürzer. Nur wenn jemand extrem viel Salz verzehrte – also 10–12 g –, starb er auch vorzeitig. Gesunde können viel Natrium aufnehmen, ohne dass es zu nennenswerten Änderungen der Blutkonzentration kommt – der Körper scheidet überflüssiges Natrium sofort wieder aus. «Nur bei exzessiven Mengen scheinen die Regulationsmechanismen überfordert zu sein», sagt Prof. Eberli.


Bei Hypertonikern zur Salzreduktion raten


Professor Dr. Bernhard Krämer, Präsident der Deutschen Hochdruckliga, überzeugen die neuen Daten indes nicht. «Zumindest bei Menschen mit grenzwertig hohen Blutdruckwerten und Bluthochdruck haben wir Hinweise aus kontrollierten Vergleichsstudien, dass eine salzarme Kost das Risiko für einen vorzeitigen Tod durch Herz-Kreislauf-Krankheiten senken kann», sagt er. «Bei Hypertonikern würde ich auf jeden Fall zur Salzrestriktion raten.»


Gesunde Menschen bräuchten sich das Salzen jedoch nicht zu verkneifen, so Prof. Eberli. «Medikamente müssen in ausführlichen Studien getestet werden, bevor man sie verschreibt. Beim Salz hat man einfach eine Empfehlung ausgesprochen ohne genügend wissenschaftliche Belege.»

Dr. Felicitas Witte



1. Ohno K et al. ESC-Kongress 2018. Topic 27.4.1 – Hypertension. Abstract # 88503.


2. Mente A et al.
Lancet 2018; 392: 496–506.


3. Beer-Brost S.
Eur J Clin Nutr 2009; 63: 155–164.


4. http://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/salt-reduction


5. The Task Force for the management of arterial hypertension of the European Society of Cardiology (ESC) and the European Society of Hypertension (ESH). European Heart Journal 2018; 00: 1–98.


6. https://www.heart.org/en/healthy-living/healthy-eating/eat-smart/sodium/how-much-sodium-should-i-eat-per-day

 

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