Montag, 10. Dezember 2018

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Foto:  iStock/Aamulya

07.11.2018
Artikel Nummer: 26441
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«Die Vorurteile gegen eine vegane Ernährungsweise sind weitverbreitet»

Nachgefragt bei Dr. Alexander Walz


EICHBERG – Sich vegetarisch oder vegan zu ernähren, liegt im Trend. Was gilt es bei der Betreuung solcher Patienten in der hausärztlichen Sprechstunde zu beachten? Wir haben mit Dr. Alexander Walz, Facharzt für Innere Medizin und ärztlicher Leiter einer telemedizinischen Sprechstunde für Vegetarier und Veganer, gesprochen.


Bryan Adams, Michelle Pfeiffer, Serena Williams. Eine vegane Ernährungsweise ist bei einigen Prominenten angesagt – und auch Otto Normalverbraucher beschäftigt sich bisweilen damit. Die Beweggründe für den Verzicht auf Fleisch oder sogar auf sämtliche tierischen Produkte sind vielfältig. Neben tierethischen und ökologischen Überlegungen sind dabei aus ärztlicher Sicht insbesondere die gesundheitlichen Auswirkungen solcher Ernährungsformen von Interesse. Es könnte gut sein, dass man als Hausarzt zukünftig vermehrt mit der Betreuung entsprechender Patienten konfrontiert sein wird. Wie sind die gesundheitlichen Effekte solcher Ernährungsformen? Wie soll man diese Patienten beraten?
Dr. Alexander Walz ist selbst Veganer, arbeitete früher als Leitender Arzt auf der Inneren Medizin eines Kantonsspitals und ist nun ärztlicher Leiter von VegMedizin, einer Online-Sprechstunde für Vegetarier und Veganer (www.vegmedizin.ch). Wir haben bei ihm nachgefragt, wie er diese Thematik beurteilt.



? Dr. Walz, was muss man als Hausarzt bei einem vegetarischen bzw. einem veganen Patienten beachten?
Dr. Walz: Nach unseren Erfahrungen sind diese Patienten überdurchschnittlich gut vorinformiert, was die ärztliche Versorgung interessant macht. Ärztliches Nicht- oder Halbwissen zur Ernährung wird so aber rasch zu einem Vertrauensverlust führen.



? Welche Nährstoffe sollten bei einem Veganer substituiert werden?
Dr. Walz: In aller Regel ist die Nährstoffversorgung gut mit einer Ausnahme: Vitamin B12 muss zwingend zusätzlich zugeführt werden, allerdings findet sich ein unerkannter Vitamin-B12-Mangel auch bei vielen Patienten mit omnivorer Ernährung.



? Welche klinischen und Laboruntersuchungen sind notwendig und wie häufig sollen sie durchgeführt werden?
Dr. Walz: Die Untersuchungen richten sich wie bei jedem Patienten nach den Beschwerden. Routinemässige Kontrollen können auf Patientenwunsch erwogen werden, es gibt jedoch keine evidenzbasierten Erkenntnisse zu deren Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit.

 


? Gibt es Gruppen von Patienten, für die eine vegane Ernährungsweise ungeeignet oder sogar gefährlich ist?
Dr. Walz: Wer sich überhaupt nicht mit gesunder Ernährung auseinandersetzt, lebt gefährlicher, aber das gilt unabhängig des Ernährungsstils. In den Medien wird gerne skandalös über einzelne Fälle von ungesunder veganer Ernährung berichtet. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich dabei jedoch nicht um die klassische, vielseitige und gesundheitsförderliche vegane Ernährung, sondern eine extreme Abwandlung davon, z. B. makrobiotische oder Rohkost. Um mit solchen Extremformen den Nährstoffbedarf zu decken, braucht es entweder viel eigenes Sachwissen oder eine fundierte Ernährungsberatung durch einen Ernährungsberater, der sich damit auskennt. Eine normale vegane Ernährungsweise hingegen ist in jedem Lebensabschnitt vom Säuglingsalter bis zum Seniorenalter und auch in der Schwangerschaft und Stillzeit möglich. Dies unterstreicht beispielsweise die weltgrösste Organisation von Ernährungsexperten, die American Dietetic Association zusammen mit den Dietitians of Canada bereits seit 2009.



? Wie ist der Einfluss einer veganen Ernährungsweise auf die menschliche Gesundheit?
Dr. Walz: Inzwischen liegen zahlreiche Studien vor, welche enorme gesundheitliche Vorteile einer veganen Ernährung belegen. Während die ersten Studien zu diesem Thema noch methodische Schwächen hatten, ist die Evidenzlage jetzt eindeutig. Schon 2004 haben wir in einem Buchkapitel des Ernährungsberichtes der deutschen Bundesregierung gezeigt, dass zwei Drittel aller Todesfälle ernährungsmitbedingt sind. Dies zeigt zunächst ganz allgemein den Einfluss von Ernährung auf unsere Gesundheit. Die Haupttodesursachen hierzulande, kardiovaskuläre und onkologische Krankheiten, treten erheblich seltener auf bei einer vegetarischen oder veganen Ernährung. Eine Studie der Harvard-Universität in den USA mit mehr als 120 000 Menschen über fast drei Jahrzehnte errechnete sogar eine Zunahme des relativen Sterberisikos um 20 % für jede tägliche Fleischmahlzeit.1 Ähnliche Studien liegen auch zum Milchkonsum vor. Doch nicht nur die Sterblichkeit wird von der Ernährung beeinflusst, sondern auch die gesundheitsadjustierten Lebensjahre, das heisst die Zeit, die man mit Krankheit verbringen muss. Die amerikanische Ärzteorganisation Physicians Committee for Responsible Medicine weist aufgrund der eindeutigen Studienlage in einer Öffentlichkeitskampagne darauf hin, dass Fleisch so schädlich ist wie Rauchen. Mehrere Krankenkassen in Europa oder den USA gewähren ihren Versicherten bei einer veganen Ernährung bereits Prämienrabatte, weil auch dort die geringere Krankheitslast statistisch festgestellt wurde.



? Wie steht es um das ernährungs­medizinische Wissen von Schweizer Hausärzten?
Dr. Walz: Ernährung kommt im Studium und in der Facharztausbildung praktisch nicht vor. Die meisten Ärzte gewöhnen sich das an, was die Vorgesetzten vorleben. Traditioneller Pragmatismus dominiert so häufig die Patientenversorgung anstelle eines differenzierten evidenzbasierten Vorgehens. Hinzu kommt erschwerend, dass Vorurteile gegen eine vegane Ernährung weitverbreitet sind. Massgeblich dazu bei tragen lobbyfinanzierte Institutionen wie die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung, die von der Fleisch- und Milchindustrie gesponsert wird. Doch auch in der Industrie ist man sich bewusst, dass die Tage des Fleischkonsums gezählt sind. So bieten zahlreiche Grossschlachtereien bereits vegetarische und vegane Fleisch­alternativen an, um ihre eigene Zukunft zu sichern.


Besten Dank für das Gespräch!


Dr. Tobias Hottiger



1. Pan A et al. Arch Intern Med. 2012; 172(7): 555–563.

 

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