Sonntag, 17. November 2019

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Foto: H.-H. Moll

14.05.2015
Artikel Nummer: 23683
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Bandscheibenvorfall: Schmerzfrei in 7 Tagen

Wie Sie auch ängstliche Patienten zur vertrauensvollen Mitarbeit gewinnen


STUTTGART – Keinen Tag zu lange ausser Gefecht bleiben dürfen Patienten, denen die Hexe in den Rücken gefahren ist. Das gilt auch dann, wenn ein «echter» Bandscheibenprolaps dahintersteckt. Wie bekommen Sie aber ängstliche Patienten zur Mitarbeit ins Boot? Ein erfahrener Orthopäde schildert sein erfolgreiches Stufenkonzept.

 

Als stärksten Prädiktor für die Chronifizierung nach Episoden akuter Rückenschmerzen haben Studien die Dauer der Arbeitsunfähigkeit ermittelt, erinnerte der niedergelassene Orthopäde und Sportmediziner Dr. Hans-Herrmann Moll aus Ludwigsburg. Eine der wichtigsten hausärztlichen Aufgaben besteht deshalb darin, dem Patienten Mut zu machen, damit er schnellstmöglich wieder auf die Beine kommt.

Vermitteln Sie das Gefühl, dass es sich um eine akute Krise handelt, die Arzt und Patient gemeinsam meistern werden. «Sie haben sicher schon andere Krisen bewältigt», erklärt Dr. Moll akut lahmgelegten Patienten. Diese steigen dann meist auf das positive Angebot ein: «Stimmt ... und oft geht man ja aus Krisen gestärkt hervor.» Eine wichtige Voraussetzung bestehe in der Glaubwürdigkeit des Arztes: «Auf Ihre Vorhersage, dass nach einer Woche der Schmerz weg ist, muss sich der Patient verlassen können, dann spielt er mit.»

 

Die eingeengte Nervenwurzel aus der Klemme befreien

 

Die Nummer eins der Stufentherapie heisst demnach: Schmerzen in den Griff bekommen. Am ersten Tag verabreicht Dr. Moll eine Injektion an die Nervenwurzel und gibt dem Patienten NSAR als Tabletten mit, um das gereizte Gewebe abschwellen zu lassen. Eventuell folgt eine weitere Injektion am Tag zwei. Es geht darum, den Nerv schnellstmöglich zu befreien, um den Patienten in einen Zustand zu versetzen, in dem die Physiotherapie beginnen kann. Parallel dazu lässt sich auch klären, wo genau sich der Vorfall befindet (klinische Zeichen, ggf. Bildgebung). Am Tag drei erhalten die Patienten bei Dr. Moll eine Infusion mit Methocarbamol (muskelrelaxierend), Diazepam, Tramadol, Kortison und Vitamin B12. Während dieser ersten Woche bekommt der Patient als Hausaufgabe den Auftrag, morgens und abends kurz den Zehen- und Hackengang zu testen. Dies dient zur Kontrolle der Motorik: Aus zunehmender Schwäche könnte sich eine Op.-Indikation ergeben – ebenso wie aus Störungen der Blasen- und Darmfunktion. Vom dritten auf den vierten Tag der Therapie können die Betroffenen nachts meist schon wieder gut schlafen, berichtete Dr. Moll. Am Ende der Woche verabreicht er eventuell eine weitere Infusion.

Misstrauisch werden müssen Sie, wenn der Patient Ihnen hocherfreut berichtet, sein Kreuz tue plötzlich nicht mehr weh. Gibt er auf Nachfragen an, dass der Schmerz sich nun ins Bein verlagert hat und er Pelzigkeit in der Grosszehe verspürt, bedeutet das, dass die Nervenwurzel langsam kaputtgeht. Dann heisst es dekomprimieren.

«Platz schaffen» bzw. «Muskel- und Kapsellockerung» lautet auch das Motto der Stufe zwei der Therapie. Der Physiotherapeut muss jetzt aufdehnen. Verlagert sich im Zuge dieser Behandlung ein herabgewanderter Schmerz zunächst wieder ins Kreuz, mag das für Ihren Patienten enttäuschend sein. Dann müssen Sie ihm erklären, das dies ein gutes Zeichen (Nervenerholung) ist.


Zeitliche Verzögerung akzeptieren Sie nicht

 

Es folgt die Stufe drei: Position stabilisieren über Muskelkräftigung, Haltungstraining und Aufrichtung des Beckens. Am Schluss steht die Stufe vier: Ausgleich muskulärer Dysbalancen und Steigerung der Belastbarkeit im Alltag.
Mit diesem Vorgehen lässt sich verhindern, dass der Nerv nach kurzer Zeit erneut einklemmt, betonte Dr. Moll. Dementsprechend genau müssen Ihre Anweisungen an den Physiotherapeuten ausfallen – am besten planen Sie ein gemeinsames Vorgehen. Achten Sie auch darauf, dass die Genesung des Patienten nicht durch Wartezeit auf den Physiotherapie-Termin verzögert wird: «Denn der Patient soll so rasch wie möglich wieder in seinen Alltag, zu seiner Arbeit oder seiner Sportlerkarriere zurückkehren».


Dr. Carola Gessner


50. Ärztekongress der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg

 




Rheumabad statt Fango

Passive Behandlungsverfahren beim Physiotherapeuten schreibt Dr. Moll nicht auf. Stattdessen fragt er die Patienten, ob sie zu Hause eine Badewanne haben. Der Kollege empfiehlt z. B. Salhumin® Rheuma Bad zwecks zusätzlicher Muskellockerung. Alternativ kommt dafür z. B. ThermaCare® Pflaster – für badewannenfreie Haushalte – infrage.

 




Physiotherapie in Stufen

  1. Stufe Traktion
  2. Stufe Korrektur und Stabilisierung: Stellungs-/Haltungskorrektur, Koordinationstraining
  3. MAT (Ausgleich muskulärer Dysbalancen): Wirbelsäule aufrichten und stabilisieren
 

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