Montag, 18. November 2019

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30.10.2019
Von: Friederike Klein
Artikel Nummer: 26646
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Alles ausser Blümchensex

Beim Chemsex stecken sich manche absichtlich mit Hepatitis C oder HIV an


München – Um es im Bett so richtig krachen zu lassen, spritzen sich einige nur für diesen Zweck Meth-
amphetamin oder andere Drogen. Das endet oft in einer Sucht. Gefährdet sind vor allem Männer, die Sex mit Männern haben.
«Primär war es der Spass am besseren Sex», berichtete der Ex-User Norbert aus Köln. Diese Äusserung entspricht auch dem Ergebnis des online durchgeführten German Chemsex Surveys 2018. Die vorrangigen Motive für Chemsex sind demnach Spass haben, Entspannung finden, Ausleben sexueller Phantasien, ein intensiveres sexuelles Erleben und eine sexuelle Leistungssteigerung, berichtete Dr. Henrike Schecke­ von der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am LVR-Klinikum Essen.


Für Norbert war Chemsex jahrelang sein freitägliches Highlight der Woche. Um es «richtig krachen zu lassen», begann er 2013, Methamphetamin vor dem Sex intravenös zu konsumieren («Slamsex»).
Der Kick war in Sekundenschnelle da: «Klar im Kopf, nur völlig enthemmt», beschreibt er die Selbstwahrnehmung in dieser Situation. Das war der Beginn seiner Abhängigkeitserkrankung. Im German Chemsex Survey haben 11,5 % der Teilnehmer angegeben, zu «slammen», das heisst Meth­amphethamin, Mephedron und Ketamin vor dem Sex intravenös zu konsumieren.
Eine eindeutige Definition für Chemsex gibt es nicht. In Studien werden derzeit Daten zum Konsum unterschiedlicher Substanzen im Rahmen von sexuellen Aktivitäten erhoben, erläuterte Marcus­ Gertzen­ von der Ambulanz für sexualitätsbezogenen Substanz­gebrauch an der LMU München. Im Mittelpunkt stehen meist «die grossen Vier»:

  • Crystal (Methamphetamin)
  • Mephedron (auch anal konsumiert)
  • Gammahydroxybuttersäure (GHB) bzw. sein Prodrug Gammabutyrolakton (GBL), beide als K.o.-Tropfen bekannt)
  • Ketamin

Jeder zweite homosexuelle Mann verkehrt unter Drogen

In einer der ersten europäischen Studien aus dem Jahr 2012 gaben bereits mehr als die Hälfte der Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, einen sexbezogenen Drogenkonsum innerhalb der letzten sechs Monate an. Nur in dieser Gruppe zeigte sich auch eine Assoziation zwischen sexbezogenem Substanzkonsum und sexuell übertragbaren Infektionen. In einer britischen Kohorte von MSM mit HIV-Erkrankung aus den Jahren 2011 und 2012 waren die häufigsten beim Sex genutzten Substanzen noch die sogenannten Poppers (Nitrite), gefolgt von Cannabis, Therapeutika gegen erektile Dysfunktion und Kokain. Aber «die grossen Vier» konsumierten damals immerhin schon ein Drittel der Teilnehmer. Seitdem scheint der sex-
assoziierte Konsum der «grossen Vier» vor allem bei MSM immer weiter zuzunehmen – begleitet von einem steigenden Risikoverhalten.


Nur 9 % glauben, Hilfe zu brauchen

Das beschreibt Ex-User Norbert auf drastische Weise: Weil alle Partner – zu Hause oder auf Sexparties – entsprechende Substanzen konsumieren, sind alle auf dem gleichen Level und lassen sich auch auf Grenzüberschreitungen ein. Sogar die absichtliche Ansteckung mit Hepatitis-C- oder HI-Viren hat er erlebt. Sex mit Substanzkonsum ist «sicher kein Blümchensex», betonte er. «Alles, nur nicht normal» war damals sein Motto.
Der Wunsch nach einer Veränderung kam bei ihm, als der Sex nur noch ein Mittel war, um Drogen zu nehmen, und die Zeit zwischen dem Konsum immer schwieriger wurde. Einen solchen Veränderungswunsch gab im German Chemsex Survey allerdings nur ein Teil der Befragten an, und nur 9 % sahen selber einen Unterstützungsbedarf wegen ihres Substanzkonsums beim Sex, berichtete Dr. Schecke.
Wer Unterstützung sucht, fühlt sich im derzeitigen Suchthilfesystem nicht gut aufgehoben. So fand sich Norbert bei seinem ersten Kontakt mit der Suchthilfeambulanz der LVR-Klinik Köln nicht verstanden. «Sex wird im Suchthilfesystem nicht angesprochen», weiss auch Dr. Schecke. Die Verbindung des Konsums mit Sex ist aber für die Betroffenen entscheidend, sie sehen sich meist nicht als süchtig.

Eine Entzugstherapie lohnt sich
Norbert hat diese Hürde über den Besuch verschiedener Selbsthilfegruppen schliesslich überwunden und eine Entzugstherapie und später eine Langzeitentwöhnung gemacht. Aktuell ist er in der ambulanten Nachsorge. Da ist es egal, welche Art von Abhängigkeit besteht, findet er, es geht immer um das Thema Sucht und Abstinenz.
Das Craving hört nie auf. Dazu kommt eine Ausgrenzung in der Szene. Aber es lohnt sich, betont er: Heute pflegt er echte Freundschaften, kann klare Entscheidungen treffen und hat auch beruflich wieder Tritt gefasst. Sex bedeutet für ihn heute allerdings eher Kuschelsex. Seit Januar 2018 ist er Leiter einer PostChemSex-Selbsthilfegruppe. Auch anderswo entstehen Angebote speziell für Menschen, die mit den Folgen von Chemsex Probleme haben.


Friederike Klein
20. Inter­disziplinärer Kongress für ­Suchtmedizin

 

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