Montag, 16. Dezember 2019

Falldiskussion

Wie erkennt man die subsyndromale Angststörung?

"Liegt eine Depression oder eine Angststörung vor?"

20.08.2012
Von: Dr. Carola Gessner, Foto: MT
Artikel Nummer: 19769
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Wie erkennt man die subsyndromale Angststörung?

Prof. Volz im Interview mit MT zu subsyndromalen Angststörungen und Behandlungsmöglichkeiten.


MT: Wie erkennt der Arzt im Praxisalltag den Patienten mit subsyndromaler Angststörung?

Prof. Volz: Da es derzeit keine klaren Diagnosekriterien gibt, bleiben diese Patienten oft undiagnostiziert und unbehandelt. Klagt jemand z.B. über Schlafstörungen, so muss man sich gezielt erkundigen, warum er nicht schlafen kann und dazu drei weitere Fragen stellen. Bei Schlafstörungen gilt es zwei relevante psychiatrische Erkrankungen abzuklären, die Depression und die generalisierte Angststörung. Um Letztere einzugrenzen fragt man,

  • ob der Betreffende sich sehr viele Sorgen macht,
  • sich angespannt fühlt und
  • ob er vermehrt schreckhaft ist.

Besteht ein solcher Zustand seit einiger Zeit nahezu dauernd, geht das in Richtung „generalisierte Angststörung“. Nach DSM-IV sind sechs Monate Dauer gefordert, diese Grenze wird im DSM-V
 wahrscheinlich fallen. Besteht die Störung über Wochen, liegt eine subsyndromale generalisierte Angststörung vor. Die HAMA (Hamilton Anxiety Scale) ist ein Instrument für klinische Studien und eignet sich weniger für den Praxisalltag.

MT: Berechtigte Sorgen oder schon Angststörung – wie zieht der Hausarzt die Grenze?

Prof. Volz: Die Zeit spielt eine wesentliche Rolle. Natürlich haben wir alle mal Probleme, wegen derer wir vielleicht sogar ein oder zwei Wochen schlecht schlafen. Dennoch bestehen keine ständig präsenten, unkontrollierbaren Sorgen. Wenn wir uns sorgen, dann sorgen wir uns um ein Thema – zum Beispiel um den Arbeitsplatz oder um die Partnerbeziehung. Bei Patienten mit Angststörung sind Sorgen ständige Begleiter – Krankheit, Finanzen, Beruf, „was wird aus den Kindern“ – 
eine Sorge löst die andere ab.

MT: Wie geht man bei mutmaßlichen psychosomatischen Beschwerden vor?

Prof. Volz: Auch bei diesen Patienten muss man gezielt klären: Kommt es von einer Depression oder einer Angststörung? Unspezifische psychosomatische Beschwerden, z.B. kardial oder gastrointestinal, verlangen natürlich, dass man eine organische Ursache ausschließt. Andererseits kann auch bei einer somatischen Diagnose (z.B. Malignom) eine Angst- und Sorgensymptomatik vorliegen, die es zu lindern gilt – 
am besten mit einer Therapie ohne wesentliche Wechselwirkungen.

MT: Psychopharmaka, psychotherapeutischer Ansatz oder Pflanzliches – wie wählen Sie die Strategie aus?

Prof. Volz: Auf jeden Fall muss man Patientenpräferenzen berücksichtigen – und gemeinsam mit dem Betroffenen entscheiden. Manche Menschen sind nicht bereit zur Psychotherapie, andere schon. Bei Letzteren könnte man z.B. mit Psychotherapie beginnen, bei anderen mit Lavendelöl oder in einem zweiten Schritt auch kombiniert behandeln. Sehr häufig fragen Patienten nach Phytotherapie nach dem Motto „Bitte nicht noch etwas Chemisches“. Was die Datenlage bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit betrifft, stellt Lavendelöl unter den Phytopharmaka bei Angstsymptomatik derzeit die einzige Option dar.

MT: Wie lange behandeln Sie einen Patienten und sind auch Kombinationen mit anderen Medikamenten möglich?

Prof. Volz: Wir überprüfen die Wirksamkeit nach vier bis sechs Wochen und behandeln bei gutem Effekt über ein gutes halbes Jahr. Dann folgt vorsichtiges Absetzen. Wenn die Symptomatik wiederkehrt, wird die Therapie wieder aufgenommen. Lavendelöl kann auch begleitend bei Patienten mit anderen psych­iatrischen Leiden eingesetzt werden. Liegen zum Beispiel bei einer Depression gleichzeitig starke Ängste vor, ist die Kombination von Lavendelöl und Antidepressiva möglich.

 

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