Montag, 14. Oktober 2019

Fokus Medizin

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19.02.2018
Von: mic
Artikel Nummer: 26341
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Weizenverächter nicht aufs Korn nehmen

Gluten ist zum Buhmann unter den Lebensmittelinhaltsstoffen avanciert. In der zumeist irrigen Annahme, es könne ihnen schaden, wird es von immer mehr Menschen gemieden. Trotzdem sollten Sie diese Patienten ernst nehmen und in jedem Fall genauer hinschauen.


Beim Blick auf die Liste potenzieller Allergene kann man sich nur wundern: Wie hat es Weizen auf den menschlichen Speiseplan geschafft? Albumin- und Globulinproteine sowie Alpha-Purothionin gelten als Auslöser allergischer Reaktionen, das Lipid-Transfer-Protein wird mit belastungsabhängigen anaphylaktischen Reaktionen assoziiert. Darüber hinaus steht das Klebeprotein Gluten in Verruf, Bäckerasthma, Soforttypreaktionen beim Kind und weizenabhängige belastungsinduzierte Anaphylaxien hervorzurufen. Von der Zöliakie ganz zu schweigen.

Tatsächlich Anlass, aus den genannten Gründen auf Weizen, Roggen oder Gerste, die sich in manchen ihrer Proteine gleichen, zu verzichten, haben trotzdem relativ wenige Menschen. So hat die Weizenallergie in der Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von < 0,5 %, die Zöliakie kommt hierzulande auf gerade mal 0,3 %.

Dennoch, befeuert von den Medien und ausgenutzt von der Nahrungsmittelindustrie beschliessen immer mehr Menschen, Weizen, Roggen und Co. von ihrem Speiseplan zu verbannen. Bei Symptomen wie Blähungen, Bauchschmerzen, Darmkoliken, Übelkeit und Durchfall könnte dies womöglich gerechtfertigt sein.

Mancher ist aber auch davon überzeugt, dem Getreideproteinen Symptome wie Gelenk- und Kopfschmerzen, Hautausschläge, Schlafstörungen oder Depressionen zu verdanken, berichtet Dr. J. G. Burkhardt von der Abteilung für Allergie und Immunologie des University Health Sciences Center in Shreveport, Louisiana.

 

Positiven Test mit oraler Provokation bestätigen

 

Eine echte Sensibilisierung gegenüber Weizenallergenen liesse sich bei diesen Patienten via Pricktest bzw. spezifischer IgE-Antikörper im Serum rasch nachweisen. Die Diagnose sollte allerdings mit einem oralen Provokationstest bestätigt werden, betont der Kollege. Eine Zöliakie könnte man durch serologische Tests plus Biopsie sichern.

Was aber ist mit jenen Patienten, die trotz negativem Allergie- bzw. Zöliakienachweis über Beschwerden klagen? Für sie definierte ein Expertenpanel 2011 die Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität. Ein problematisches Krankheitsbild, urteilt Dr. Burkhardt. Weder sei dessen Pathogenese richtig verstanden noch lägen spezifische Symptome vor. Das Fehlen von Biomarkern erschwere zudem eine sichere Diagnose. Eventuell könnte es mit dem Reizdarmsyndrom verwandt sein oder sich zumindest überschneiden, da Getreideinhaltsstoffe wie Oligo- und Monosaccharide, Polyole und Trypsin-Inhibitoren die Beschwerden vermutlich mitverursachen. Trotz all dieser Unsicherheiten dürfe man nicht ignorieren, dass es Patienten unter einer glutenfreien Kost besser gehe und die Beschwerden nach Absetzen der Diät wiederkämen, mahnt der Kollege. Bis auf Weiteres bleibe die Glutensensitivität eine Ausschlussdiagnose, deren Verlauf gut dokumentiert werden müsse.

«Gerade als Gastroenterologen und Allergologen müssen wir den unterschiedlichen Menschen, die sich für eine glutenfreie Ernährung entschieden haben, weiter unsere Aufmerksamkeit schenken», fordert Dr. Burkhardt. Bis die endgültige Ursache geklärt sei, könne man sich nicht sicher sein, ob nicht doch eine Allergie, Zöliakie oder ein ganz anderes Leiden hinter den Symptomen stecke.

 

 

Burkhardt JG et al. Allergy. 2017; online first.

 

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