Ausschliessen, ausprobieren, beraten ...
Machen Sie Reizdarmpatienten glücklich!
Für Patienten mit Reizdarmsyndrom brauchen Sie ein gutes Händchen. Nicht nur, dass Sie mit einem nebulösen Krankheitsbild umgehen müssen – überdies gilt es, gefährliche Organerkrankungen auszuschliessen, den Patienten aber nicht mit zu viel Diagnostik zu verstören. Und Sie sollten wissen, welche therapeutischen Werkzeuge bei Schmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung greifen.
Die Therapie des Reizdarmsyn-droms ist ein problematisches Thema, erklärte Professor Dr. Peter Layer vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg bei der 62. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. Jede Therapie hat rein symptomatischen Charakter; pathophysiologisch weiss man wenig Genaues. Zudem übersteigt die Lebenserwartung von Reizdarmkranken die der Durchschnittsbevölkerung, sodass sich die Behörden mit der Zulassung von Therapien nicht sonderlich beeilen.
Versuch macht klug
Aber dennoch: Ihr Patient er-wartet Hilfe. Wichtig zu wissen dabei: Kein Medikament wirkt zuverlässig, kein Reizdarmkranker spricht an wie der andere. Es gilt das Versuchs- und Irrtumsprinzip. Hier braucht es ein gutes Vertrauensverhältnis, um allfällige therapeutische Rückschläge wegzustecken. Bekennen Sie von vornherein ehrlich: „Bei Ihrer Erkrankung muss man ausprobieren!“ Die Basis hierfür bildet eine überzeugende Diagnosesicherung (s. Kasten 1 u. 2), die gründlich durchgeführt kaum Wiederholungen nötig hat. Nur wenn sich die Symptomatik unerklärt ändert bzw. Alarmsymptome auftreten, müssen Sie aktiv werden.
Nach abgeschlossener Diagnostik erklären Sie eingehend die lästige, aber harmlose Natur der Störung (z.B. viszerale Hypersensitivität) und wenden sich der Therapie zu. Leidet Ihr Patient vor allem unter Schmerzen und Darmkrämpfen, stehen meist Spasmolytika wie z.B. Butylscopolamin am Anfang. Für die Dauertherapie kommt Mebeverin in Frage, welches laut Metaanalysen bei einem „substanziellen Teil der Patienten“ wirkt. Doch auch hier ist das Ansprechen unterschiedlich: „Manche Patienten sind sehr glücklich damit; andere essen es über Jahre, ohne dass es entscheidend hilft.“ Weniger gut als für Mebeverin ist die Datenlage für Pfefferminzöl.
Unwirksam sind nachgewiesenermassen Antidepressiva beim Reizdarm; sie bessern allenfalls eine psychische Komorbidität, betonte Prof. Layer. Probiotika minderten dagegen in plazebokontrollierten Studien den Schmerz-Score. Auch Melatonin liess laut neueren Daten die Schmerz-Scores sinken. Ballaststoffe dagegen bessern zwar eine eventuell vorliegende Obstipation, lassen aber die Schmerz-Scores klettern.
Bei Diarrhö rät der Experte, Quellmittel zum Eindicken des wässrigen Stuhls zu versuchen. Viele Patienten sprechen auch gut auf Loperamid an, manchen hilft Colestyramin. Auch Probiotika (Lactobazillen, Bifi-dobakterien, E. coli Nissle) können die Durchfälle mildern. In sehr schweren Fällen hilft der 5-HT3-Antagonist Alosetron, der zwar wie in Deutschland auch in der Schweiz nicht zugelassen ist, aber über die USA bezogen werden kann. Verzweifelte Patienten, denen auch Loperamid nicht hilft, nehmen dies durchaus auf sich, so Prof. Layer.
Ernährung umstellen?
Bei obstipationsdominiertem Reizdarm nehmen Patienten oft Ballaststoffe – „etwas Gesundes für den Darm“. Sie bessern damit die Verstopfung, verschlimmern aber andere Symptome wie Blähungen und Schmerzen. Prof. Layer nennt als effektive, verträgliche Therapie der Wahl PEG-Elektrolyt-Lösungen. „Man kann damit die Stuhlfrequenz titrieren, am besten auf fünf- bis siebenmal pro Woche.“ Darmwirksame Prokinetika stehen derzeit nicht zur Verfügung: „Tegaserod ist meines Wissens nur noch in Ägypten und Südafrika zugelassen“, so der Referent.
Stehen Meteorismus und Fla-tulenz im Vordergrund, so helfen sich viele Reizdarmgeplagte mit Kümmel- und Fenchelpräparaten. Versuchen kann man es auch mit Entschäumern (Simethicon hoch dosiert). „Fragen Sie nach Ballaststoffgebrauch“, riet Prof. Layer, „oft hilft schon schlackenärmere Kost.“ Auch in anderer Hinsicht kann sorgfältige Ernährungsanamnese und ggf. -umstellung (Lactose-, Fructoseintoleranz) die „Luft rausnehmen“. Viel körperliche Bewegung schafft zudem Linderung – durch beschleunigten Gastransit. CG
Erstdiagnostik durchführen
- Anamnese
- körperliche Untersuchung
- Basislabor
- Abdomensonographie
- gynäkologische Untersuchung
- Ileokoloskopie
- spezielle Diagnostik nach Leitsymptom
Kriterien für Reizdarmdiagnose
1. Obligat:
- abdominelle Beschwerden
- Obstipation oder Diarrhö
- Beschwerden an mindestens drei Tagen pro Monat, Beginn vor mindestens sechs Monaten
2. Oft assoziiert und typisch, nicht obli-gat:
- Schleimabgang
- Blähungen
- Gefühl der un-vollständigen Darm-entleerung
- Besserung nach Defäkation
- extraintestinale funktionelle Symptome
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