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Samstag, 04.02.2012     Medical Tribune Group





Darmerkrankungen probiotisch bekämpfen

Hilfe durch Hefe

Mehreren klinischen wie experimentellen Studien zufolge ist eine probiotische Zubereitung von Saccharomyces boulardii ein geeignetes biotherapeutisches Agens, das die Prävention und Behandlung verschiedener gastrointestinaler Erkrankungen erlaubt. Im Vergleich mit probiotischen Bakterien ist der Einsatz probiotischer Hefe besonders dann günstig, wenn er mit einer Antibiotikatherapie kombiniert wird.

Seit vielen Jahren werden den Probiotika, also Nahrungs- oder Arzneimitteln, die lebensfähige Mikroorganismen enthalten, gesundheitsfördernde Eigenschaften zugesprochen. Oral appliziert sollen sie in der Lage sein, gastrointestinale Erkrankungen, urogenitale Infektionen sowie Allergien sowohl zu bekämpfen als auch ihnen vorzubeugen. Besonders die weit verbreitete Hefe Saccharomyces boulardii, die sich genetisch nur geringfügig von der bekannten Backhefe (S. cerevisiae) unterscheidet und mit ihr deshalb einer gemeinsamen Spezies zugerechnet wird, wurde in der Vergangenheit als biotherapeutisches Agens beschrieben. Die menschliche Darmflora enthält mehr als 2000 verschiedene Arten von Mikroorganismen, die in einem komplexen Gleichgewicht mit ihrem Wirt zusammenleben. Diese Mikroflora ist an unterschiedlichen metabolischen, trophischen und immunologischen Prozessen beteiligt. Gerät die friedliche Koexistenz aus dem Gleichgewicht, kann dies der Auslöser für gastrointestinale Erkrankungen sein.


Benefit bei Diarrhö
Mehrere klinische Studien1 haben die vorteilhaften Effekte von S. boulardii bei der Prävention und Therapie intestinaler Infektionen sowie bei der Nachsorge entzündlicher Darmerkrankungen belegen können. All diese Erkrankungen sind durch eine akute Diarrhö charakterisiert. Auch bei Reisedurchfall, antibiotika-, AIDS- oder magensondenassoziierter Diarrhö sowie bei Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa konnte die orale Gabe von S. boulardii sowohl präventive als auch therapeutische Erfolge verbuchen. Die Dauer und Häufigkeit der Durchfälle liess sich durch die Verabreichung der Hefe, sei es in Kombination mit einer Antibiotikatherapie oder allein, signifikant reduzieren. Gleiches konnte eine Untersuchung2 kürzlich auch bei Säuglingen und Kleinkindern im Alter bis zu zwei Jahren mit milder bis moderater akuter Diarrhö zeigen. Die zusätzlich zu einer oralen Rehydratationslösung verabreichte Hefe verhalf den Kindern darüber hinaus zu einer beschleunigten Genesung.
Durch experimentelle Studien liessen sich die molekularen Mechanismen, über die die günstigen Effekte von S. boulardii auf dessen Wirtsorganismus vermittelt werden, inzwischen teilweise aufklären. Gastrointestinale Erkrankungen sind charakterisiert durch eine veränderte mikrobielle Balance. Die orale Hefetherapie induziert in der Wirtszelle Veränderungen der an der proinflammatorischen Antwort sowie der hydroelektrischen Sekretion beteiligten Signalübertragungswege. Des Weiteren neutralisiert S. boulardii bakterielle Toxine, hemmt die Translokation pathogener Substanzen, stimuliert die Immunabwehr der Wirtszellen sowie trophische Faktoren wie die Enzyme und Transportmechanismen des Bürstensaums und sorgt für die Wiederherstellung der Darmpermeabilität. All diese günstigen Effekte der Hefe werden zum Teil vermittelt durch sezernierte Proteasen, Phosphatasen und Polyamine. Die Aufklärung der antientzündlichen und immunmodulatorischen Aktivität von S. boulardii in Verbindung mit dem fortschreitenden Verständnis der Schleimhautimmunologie könnte der therapeutischen Anwendung dieses Probiotikums neue Perspektiven eröffnen. Die Prävention und Therapie von Diarrhö durch S. boulardii ist bereits hinreichend belegt. Ob die Hefe aber nicht nur im Darm, sondern etwa auch an anderen Schleimhäuten, z.B. der Lungen- oder urogenitalen Mukosa, ähnlich reüssieren kann, müssen freilich künftige Studien zeigen. rb

1 Zanello G et al., Curr Issues Mol Biol 2008; 11: 47–58
2 Villarruel G et al., Acta Paediatrica 2007; 96: 538–541


 
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