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Mittwoch, 23.05.2012     Medical Tribune Group





Wenn Schmerz und Depression Hand in Hand gehen

Duales Antidepressivum bringt Linderung

Schmerz ist eines der häufigsten Symptome, das Patienten in die Arztpraxis führt. Die Diagnose und Behandlung akuter Schmerzen sind meist kein Problem. Anders sieht es bei chronischen Schmerzen aus, da die Ursache selten offensichtlich ist. Besondere Probleme bereiten chronische Schmerzen, die aus einer versteckten Depression heraus entstehen.

Vor 30 Jahren definierte eine Expertengruppe die larvierte (maskierte) Depression als „depressives Zustandsbild jeder Genese, bei dem die somatischen Symptome so stark sind, dass sie das depressive Geschehen vollständig überdecken1“. Dabei können Schmerzen als Folge einer Depression auftreten, oder die Depression kann die Folge von chronischen Schmerzen sein. So oder so stehen für die Patienten die Schmerzen im Vordergrund. Verschiedene Untersuchungen, darunter eine mit mehr als 25 000 Teilnehmern2, stellten fest, dass 69 % der Patienten mit körperlichen Schmerzsymptomen an einer zuvor unerkannten Depression litten.


Dritte Generation an die Schmerzen


Ein gängiges Erklärungsmodell für den engen Zusammenhang zwischen Depressionen und Schmerzen ist die Monoaminmangel-Hypothese. Sie besagt, dass Depressionen primär auf gestörten noradrenergen und serotoninergen Transmittersystemen basieren. Gleichzeitig modulieren noradrenerge und serotoninerge Bahnen im Rückenmark die Schmerzempfindung. Die Funktion beider Transmittersysteme wird durch Antidepressiva verbessert. Von dieser Medikamentengruppe wirken die klassischen Trizyklika gut gegen Schmerzen im Zusammenhang mit einer Depression, wie empirische und mehrere klinische Studien zeigen. Antidepressiva vom Typ der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind dagegen wenig oder gar nicht wirksam gegen Schmerzzustände. Die dritte Generation der Antidepressiva mit so genannt dualem Wirkmechanismus hingegen zeigt einen konsistent positiven therapeutischen Effekt sowohl bei der Behandlung chronischer depressionsbedingter Schmerzen als auch bei chronischen Schmerzen im Rahmen der diabetischen Neuropathie und der Fibromyalgie. Zu diesen dual wirksamen Antidepressiva gehören einerseits die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) und andererseits das tetrazyklische Antidepressivum Mirtazapin, das ebenfalls die serotoninerge und noradrenerge Übertragung erhöht. Dabei hemmt es jedoch nicht wie die SNRI die Noradrenalin- und Serotoninwiederaufnahme, sondern interagiert mit präsynaptischen noradrenergen und postsynaptischen serotoninergen Rezeptoren.


Tetrazyklikum mit doppelter Wirkung


Eine kürzlich erschienene Studie3 unter der Leitung von Dr. Rainer Freynhagen, Universitätsklinikum Düsseldorf, untersuchte Mirtazapin an 594 Patienten mit chronischer Schmerzsymptomatk und begleitender Depression. Trotz Einschränkungen einer offen durchgeführten Post-marketing-Beobachtungsstudie zeichnen sich darin eine gute Wirksamkeit und Verträglichkeit des dualen Antidepressivums ab, wie die Studienautoren schreiben. Sowohl die Schmerzen wie auch die depressionsassoziierten Symptome konnten signifikant verbessert werden. ANL

    Delini-Stula A. et al., Schweiz Arch Neurol Psychiatr 2006; 157: 278–83
  1. Kielholz P, Herausgeber. Die larvierte Depression. Bern, Stuttgart, Wien: Huber; 1973
  2. Simon GE et al., NEJM 1999; 341: 1329–1335
  3. Freynhagen R et al., Curr Med Res Opin 2006; 22(2): 257–264


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