Interleukin 8 direkt in akute Läsionen spritzen?
Crohnpatienten haben einen angeborenen Immundefekt
Eine konstitutionell schwache Immunreaktion soll beim Morbus Crohn dazu führen, dass Bakterien und andere Darminhalte die Schleimhautbarriere der Darmwand durchwandern und zur Granulombildung und zu chronischer Entzündung führen. Lässt sich diese Hypothese verifizieren?
Eine Arbeitsgruppe des University College London untersuchte die akute inflammatorische Antwort bei Crohnpatienten und Kontrollpersonen, indem sie die Neutrophilenrekrutierung und die Zytokinsynthese nach einem akuten Trauma an der Haut bzw. des Rektums oder Ileums quantifizierte. Darüber hinaus prüfte sie die Sekretion von Interleukin durch kultivierte Makrophagen, nachdem diese verschiedenen Entzündungsmediatoren ausgesetzt worden waren. Schliesslich wurden den Studienteilnehmern abgetötete E.-coli-Bakterien unter die Haut gespritzt und die durch die Injektion hervorgerufenen lokalen entzündlichen und vaskulären Veränderungen dokumentiert.
Die Crohnpatienten reagierten nicht nur mit einer abnorm niedrigen Akkumulation von Neutrophilen auf das Trauma. Im Vergleich zu gesunden Probanden kam es auch zu einer geringeren Synthese an proinflammatorischem Interleukin 8 und Interleukin 1-beta. Die kultivierten Makrophagen der Crohnpatienten sezernierten nach Exposition gegenüber Entzündungsmediatoren nur sparsam Interleukin 8, und die Inokulation mit E. coli rief lediglich eine schwache lokale Entzündungsreaktion hervor.
Neutrophilenreaktion bleibt aus
Beim M. Crohn besteht tatsächlich ein systemischer Defekt der angeborenen Immunität, schliessen die Autoren im Lancet aus ihren Ergebnissen. Kommt es zu einer akuten Gewebsschädigung, bleibt eine effektive Neutrophilenreaktion aus. Wahrscheinlich liegt dies an den Makrophagen, die in der vorliegenden Untersuchung nur wenig Interleukin 8 bildeten, das als starker chemotaktischer Faktor für Neutrophile gilt. Gaben die Forscher Interleukin 8 zu den Neutrophilen, normalisierte sich deren Funktion.
Immunsuppression kontraproduktiv?
Derzeit werden Crohnpatienten im-munsuppressiv behandelt, was den zugrunde liegenden Immundefekt möglicherweise verschlimmern könnte, mutmassen die Wissenschaftler. Sie schlagen deshalb vor, neue Therapieoptionen zu prüfen wie z.B. die Applikation von Interleukin 8 oder von proinflammatorischen Stimuli direkt in akute Läsionen. Auch könnten Substanzen hilfreich sein, die die Durchblutung fördern, zum Beispiel Phosphodiesterase-5-Inhibitoren oder andere gefässerweiternde oder proinflammatorische
Medikamente. AW
Marks DJB et al., Lancet 2006; 367: 668–678
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