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Mittwoch, 23.05.2012     Medical Tribune Group





Reizblase – falsche Scham bei Patienten

Ein dringendes Thema

Die Zahlen erstaunen einigermassen: In Europa sind es gegen 50 Millionen Patienten, in der Schweiz allein geschätzte 400 000, die an einer Reizblase leiden. Weniger als die Hälfte sucht jedoch Hilfe beim Arzt. Falsche Scham spielt dabei eine wichtige Rolle. Dabei kann diesen Patienten durchaus geholfen werden.

Von Reizblase oder hyperaktiver Blase spricht man bei plötzlichem Harndrang, mit oder ohne Urgeinkontinenz, meist vergesellschaftet mit häufigem Wasserlassen und einer Nykturie. Der Leidensdruck der Patienten und die Auswirkungen auf ihre Lebensqualität sind erheblich. Eine kürzlich in sechs europäischen Ländern durchgeführte Untersuchung an 17 000 über 40-jährigen Probanden zeigte bei 16,6 % das Vorhandensein von plötzlichem oder häufigem Harndrang und/oder Urgeinkontinenz. In einer anderen europäischen Studie gaben 35 % der über 18-jährigen Frauen unfreiwilligen Harnverlust im Verlauf der letzten 30 Tage an.
Neben den Inkonvenienzen für die betroffenen Patienten stellt das Problem der Reizblase auch einen gewichtigen ökonomischen Faktor dar. In Grossbritannien beispielsweise werden jährlich über 200 Millionen Pfund für Inkontinenzeinlagen und damit verbundene Leistungen ausgegeben. Leider haben sich Patienten und Ärzte eine passive und akzeptierende Haltung angewöhnt.

Praktisches Vorgehen

Das ist besonders schade, da heute gute Therapieoptionen zur Verfügung stehen. Neben konservativen Massnahmen (Blasentraining, Beckenbodentraining) kommen bei Reizblase auf medikamentöser Seite hauptsächlich antimuskarinische Substanzen zum Einsatz: Zum bestehenden Spektrum – Tolterodin, Oxybutynin und Trospiumchlorid – sind in jüngerer Zeit weitere Vertreter dieser Klasse hinzugekommen, so z.B. Solifenacin, Darifenacin oder die in der Schweiz noch nicht erhältliche transdermale Form von Oxybutynin. Bei Stressinkontinenz wurde für den in der Schweiz bisher nur als Antidepressivum erhältlichen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) Duloxetin (1) eine deutliche Absenkung der Inkontinenzepisoden verglichen mit Plazebo dokumentiert.

Diese neuen Therapiemodalitäten erfordern jedoch, dass der behandelnde Arzt in der Lage ist, zwischen Urge- und Stressinkontinenz zu unterscheiden, und auch bei einer gemischten Inkontinenz die vorherrschenden Symptome klärt. Da sich die Patienten jedoch oft erst sehr spät beim Arzt melden, liegt zu diesem Zeitpunkt nahezu bei der Hälfte eine gemischte Inkontinenz vor, und die Unterscheidung wird erschwert. Anamnese, klinische Untersuchung und Urinstatus lassen einige Rückschlüsse zu. Die Überweisung an den Spezialisten ist angezeigt bei:
  • Hämaturie ohne Infekt,
  • Blasenentleerungsstörung,
  • erfolgloser Therapie nach zwei bis drei Monaten,
  • Blasenschmerz.
Liegt eine gemischte Inkontinenz vor, richtet sich die Therapie nach der vorherrschenden Symptomatik: Bei hyperaktivem Detrusor sind antimuskarinische Substanzen angezeigt, bei vorwiegender Sphinkterinsuffizienz Beckenbodentraining, physikalische Therapie und/oder ein SNRI.
Das angezeigte Vorgehen bei Reizblase ist einfach umzusetzen. Weniger einfach ist die Implementierung der erarbeiteten Guidelines bei Bevölkerung und Ärzten. emo

(1) Zurzeit ist Duloxetin in der Schweiz nur unter dem Namen Cymbalta® zur Therapie der Depression erhältlich. Für die Indikation der Stressinkontinenz bei Frauen ist es unter dem Namen Yentreve® zwar zugelassen (in tieferer Dosierung als bei der Depression), der Zeitpunkt einer Markteinführung steht aber noch offen.


Kirby M et al., Int J Clin Pract 2006: 60(10): 1263–1271
Schär G, Schweiz Med Forum 2006; 6:442–447
Zellweger T, Gasser T, Schweiz Med Forum 2007; 7: 35–37
Swissmedic Journal 3/2005; 178



6 Fragen zur Differenzierung von Urge- und Stressinkontinenz

  1. Haben Sie häufig starken und plötzlichen Harndrang?
  2. Haben Sie Schwierigkeiten, eine Arbeit fortzuführen, wenn Sie Harndrang verspüren?
  3. Gehen Sie nachts zweimal oder häufiger zur Toilette?
  4. Müssen Sie mehr als achtmal in 24 Stunden Wasser lassen?
  5. Verlieren Sie Urin beim Husten, Lachen oder bei körperlicher Anstrengung?
  6. Benutzen Sie Einlagen, um ihre Kleidungvor dem Einnässen zu schützen?



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