Serie Teil II
BASEL, 30. April 2008
Übergewicht: Die Reise zum Wohlfühlen, Teil 2
„Spazierengehen macht mir jetzt
wieder Spass!”
Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie „Die Reise zum Wohlfühlen“
stehen die Betroffenen selbst im Mittelpunkt: Wie sie ihr Übergewicht
erleben, warum ärztliche Betreuung doch funktioniert und welche
Tipps sie weitergeben möchten.
„Ich war eigentlich immer schon
dick. Die erste Diät habe ich mit acht
oder neun Jahren gemacht“, berichtet
Herr V. P., einer der beiden Patienten
am Adipositaszentrum des
Kantonsspitals St. Gallen, die sich
freundlicherweise für ein Gespräch
mit der Medical Tribune public zur
Verfügung gestellt haben. Heute ist er
43 Jahre alt und wird seit anderthalb
Jahren ärztlich betreut.
Warum hat es vorher nicht mit
dem Abnehmen funktioniert? „Zusammenfassend
kann man sagen,
es war ein jahrelanges Hin und Her
zwischen Ärzten und Diäten – nur
mit dem Gewicht ging es stetig bergauf.
Vor sechs Jahren hatte ich sogar
eine Magenbandoperation. Da habe
ich zwar abgenommen, aber es gab
schwere Komplikationen, ich musste
dauernd erbrechen und bekam ein
Magengeschwür. Schliesslich wurde
das Band wieder entfernt. Der Effekt
war natürlich sofort weg und ich habe
wieder zugenommen.“
Was ist jetzt anders? Jetzt werde
ich ganzheitlich betreut. Ich bin
nicht nur auf Diät, sondern ich wurde
zunächst vollständig medizinisch
untersucht – inklusive Röntgen und
Magenspiegelung –, das ist vorher
noch nie vorgenommen worden,
und es wurde ein Fitnessprogramm
für mich erstellt. Aber wichtiger ist
mir die psychologische Betreuung.
Für mich steht die Frage im Vordergrund:
Warum bin ich eigentlich
dick? Es ist das erste Mal in meinem
Leben, dass diese Hintergründe beleuchtet
werden.“ Denn als Übergewichtiger
sei es vor allem auch
der psychische Druck, der einem zu
schaffen macht. „Natürlich leidet
man unter seinem Gewicht. Nicht
nur die Blicke der Leute, sondern
beispielsweise auch wenn man Husten
oder einen Schnupfen hat, bei
allem und immer und überall heisst
es: ‚Na ist ja kein Wunder – du bist
zu dick!’ Das führt dann natürlich
zu noch mehr Frustessen.“
Was hat sich denn in den letzten
anderthalb Jahren verändert? „Ich
habe Gewicht verloren, ja – 18 Kilogramm.
Aber das steht nicht einmal
mehr an erster Stelle“, zeigt sich Herr
P. nachdenklich. „Es ist vor allem
meine Einstellung, die sich geändert
hat. Ich habe zum Beispiel erkannt,
dass ich mich selbst bestraft habe
durch mein Verhalten, damit ist jetzt
Schluss.“
Insgesamt sei es ein ungeheures
Plus an Lebensqualität. „Am meisten
freuen mich Dinge, die für andere
Leute eine Selbstverständlichkeit
sind. Beispiel Kleidung: Ich musste
meine Sachen ja jahrelang in einem
Spezialgeschäft kaufen. Jetzt werde
ich bei Migros fündig! Die grösste
Grösse, ok, aber das Gefühl ist
herrlich. Und auch spazieren gehen
macht endlich wieder Spass.“
"Es ist meine Einstellung, die sich geändert hat"
Genau diese praktischen Ziele –
spazieren gehen, wieder ‚normal’
Kleider einkaufen können – sind es,
die einem beim Abnehmen helfen,
sagt auch Frau Lilly S., die ebenfalls
die erste schwierige Zeit des Abnehmens
hinter sich hat. „Ein Zielgewicht
zu setzen ist demotivierend“,
ist sie überzeugt. „Für mich ist klar:
Ich möchte einfach abnehmen, jetzt
und für eine lange Zeit. Ein erklärtes
Zwischenziel war: Ich möchte mich
in der Badehütte beim Umziehen
entspannt mit anderen Menschen
unterhalten können, und nicht voller
Scham so schnell wie möglich
rein- und wieder raus rennen. Das
habe ich geschafft, und darauf bin
ich unendlich stolz.“
Die fachliche Betreuung ist auch
für Frau S. der entscheidende Faktor.
„Die umfassende, qualifizierte
Betreuung, die Gruppenkurse, die
psychologische Betreuung. Und die
geschützten Räume, beispielsweise
bei der Fitness – ein öffentliches Fitnesscenter
kommt für mich einfach
nicht in Frage!“ Vielleicht der wichtigste
Aspekt sei die Betreuung. „Ich
habe grossen Respekt vor dem Wissen
der Betreuer. Und das bedeutet
für mich auch, dass ich – schon aus
Respekt vor diesen Leuten – mein
Essverhalten ändere.“
Wie bei allen Sachen war auch hier
der Anfang schwierig. „In der ersten
Phase habe ich zehn Kilogramm abgenommen,
und das haben Aussenstehende
einfach nicht gemerkt. Das ist
hart. Aber man lernt, dass man sich
sein Selbstbewusstsein dann eben aus
der Tatsache holen muss, dass man ja
tatsächlich abgenommen hat – auch
wenn Komplimente noch ausbleiben.“
Was empfiehlt Lilly S. anderen
Übergewichtigen, die es ebenfalls
im wahrsten Sinne des Wortes „satt
haben“? „Es einfach angehen.“ Egal
wo, egal bei welchem Arzt, Hauptsache
ist, man traut sich und nimmt
professionelle ärztliche Hilfe in Anspruch
– das ist der erste, der wichtigste
Schritt. „Es muss einem aber
klar sein, dass man Zeit investieren
muss. Zeit, um sein Verhalten und seine
Gedanken zu ändern, Zeit, um Fitness
zu betreiben – ich bin beispielsweise
dreimal wöchentlich anderthalb
Stunden im Fitnessbereich.“
Zwischenziel: Im Schwimmbad umziehen -
"ohne mich zu schämen"
Der Lohn für die investierte Zeit
und Mühe ist dann aber auch enorm:
„Ich bin heute eine andere Lilly, sagen
meine Freunde. Im Haushalt,
beim Spazierengehen, einfach jeden
Tag bewege ich mich leichter, fühle
ich mich leichter – fühle ich mich ‚erleichtert’.“
lu
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PD Dr. med. Bernd Schultes, Leiter des Adipositaszentrums am Kantonsspital St. Gallen
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Missverhältnis zwischen Energieaufnahme und Verbrauch
Übergewicht entsteht auch im Gehirn
Woher kommt Übergewicht eigentlich?
PD Dr. Bernd Schultes,
Leiter des Interdisziplinären Adipositaszentrums
im Kantonsspital
St. Gallen erklärt, wie Übergewicht
von der Ernährung abhängt
und wie diese von Schaltvorgängen
im Gehirn beeinflusst wird.
Wenn der Körper mehr Energie
zugeführt bekommt, als er braucht,
ist das die Grundlage für Übergewicht.
Dieses Missverhältnis entsteht
entweder durch zu geringen Energieverbrauch
aufgrund von Bewegungsmangel
oder durch erhöhte Energieaufnahme
in Form von Nahrung.
Oft sind beide Faktoren gleichzeitig
verantwortlich. Dabei muss man sich
vor Augen führen, dass Essen und
Bewegung zwei grundlegende Dimensionen
menschlichen Verhaltens
darstellen – und wie jedes menschliche
Verhalten werden auch sie vom
Gehirn gesteuert; über das Essverhalten
selbst wird im sogenannten
präfrontalen Cortex des Gehirns
entschieden. Mittlerweile konnten
bei Menschen mit Übergewicht in
allen Komponenten des Essverhaltens
Veränderungen im Vergleich zu
normalgewichtigen Personen nachgewiesen
werden. Experimentelle Untersuchungen
zeigen beispielsweise,
dass übergewichtige Personen eine
Resistenz gegen Insulin im Gehirn
aufweisen – dadurch ist bei Übergewichtigen
das Sättigungsgefühl
schwächer und das Hungergefühl
stärker ausgeprägt.
Eine weitere Erkenntnis der modernen
Medizin: Es wurde festgestellt,
dass sich die Nervenzellen im
Bereich des eben genannten präfrontalen
Cortex bei Menschen mit Übergewicht
anders verhalten als bei
Normalgewichtigen. Das lässt vermuten,
dass es zu einer Beeinträchtigung
der Handlungskontrolle insbesondere
in Situationen kommt, in denen
der Mensch direkt mit Nahrung konfrontiert
wird. Leider gibt es bislang
jedoch noch keine aussagekräftigen
Untersuchungen, denen man entnehmen
könnte, ob diese veränderte
Aktivität der Nervenzellen Folge oder
Ursache der Adipositas ist.
Abnehmen:
Am besten in
der Kombination!
Eine Änderung des Lebensstils ist
für jeden, der abnehmen will, eine
Herausforderung. Zum Erreichen
des Wohlfühlgewichts können Nahrungsumstellung,
Bewegung, Verhaltenstherapie
oder Medikamente
eingesetzt werden. Am erfolgreichsten
ist folgendes Zusammenspiel:
In einer Studie an 224 adipösen Erwachsenen
konnten Professor Dr.
Thomas Wadden und Kollegen wissenschaftlich
nachweisen, dass die
Kombination von Medikation und
Gruppentherapie zur Lebensstiländerung
zu grösserem Gewichtsverlust
führt, als nur Medikation oder
Änderung des Lebensstils alleine.
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