Freitag, 03.09.2010     Medical Tribune Group





Serie Teil II


BASEL, 30. April 2008

Übergewicht: Die Reise zum Wohlfühlen, Teil 2

„Spazierengehen macht mir jetzt wieder Spass!”

Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie „Die Reise zum Wohlfühlen“ stehen die Betroffenen selbst im Mittelpunkt: Wie sie ihr Übergewicht erleben, warum ärztliche Betreuung doch funktioniert und welche Tipps sie weitergeben möchten.

„Ich war eigentlich immer schon dick. Die erste Diät habe ich mit acht oder neun Jahren gemacht“, berichtet Herr V. P., einer der beiden Patienten am Adipositaszentrum des Kantonsspitals St. Gallen, die sich freundlicherweise für ein Gespräch mit der Medical Tribune public zur Verfügung gestellt haben. Heute ist er 43 Jahre alt und wird seit anderthalb Jahren ärztlich betreut.

Warum hat es vorher nicht mit dem Abnehmen funktioniert? „Zusammenfassend kann man sagen, es war ein jahrelanges Hin und Her zwischen Ärzten und Diäten – nur mit dem Gewicht ging es stetig bergauf. Vor sechs Jahren hatte ich sogar eine Magenbandoperation. Da habe ich zwar abgenommen, aber es gab schwere Komplikationen, ich musste dauernd erbrechen und bekam ein Magengeschwür. Schliesslich wurde das Band wieder entfernt. Der Effekt war natürlich sofort weg und ich habe wieder zugenommen.“

Was ist jetzt anders? Jetzt werde ich ganzheitlich betreut. Ich bin nicht nur auf Diät, sondern ich wurde zunächst vollständig medizinisch untersucht – inklusive Röntgen und Magenspiegelung –, das ist vorher noch nie vorgenommen worden, und es wurde ein Fitnessprogramm für mich erstellt. Aber wichtiger ist mir die psychologische Betreuung. Für mich steht die Frage im Vordergrund: Warum bin ich eigentlich dick? Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass diese Hintergründe beleuchtet werden.“ Denn als Übergewichtiger sei es vor allem auch der psychische Druck, der einem zu schaffen macht. „Natürlich leidet man unter seinem Gewicht. Nicht nur die Blicke der Leute, sondern beispielsweise auch wenn man Husten oder einen Schnupfen hat, bei allem und immer und überall heisst es: ‚Na ist ja kein Wunder – du bist zu dick!’ Das führt dann natürlich zu noch mehr Frustessen.“

Was hat sich denn in den letzten anderthalb Jahren verändert? „Ich habe Gewicht verloren, ja – 18 Kilogramm. Aber das steht nicht einmal mehr an erster Stelle“, zeigt sich Herr P. nachdenklich. „Es ist vor allem meine Einstellung, die sich geändert hat. Ich habe zum Beispiel erkannt, dass ich mich selbst bestraft habe durch mein Verhalten, damit ist jetzt Schluss.“

Insgesamt sei es ein ungeheures Plus an Lebensqualität. „Am meisten freuen mich Dinge, die für andere Leute eine Selbstverständlichkeit sind. Beispiel Kleidung: Ich musste meine Sachen ja jahrelang in einem Spezialgeschäft kaufen. Jetzt werde ich bei Migros fündig! Die grösste Grösse, ok, aber das Gefühl ist herrlich. Und auch spazieren gehen macht endlich wieder Spass.“

"Es ist meine Einstellung, die sich geändert hat"

Genau diese praktischen Ziele – spazieren gehen, wieder ‚normal’ Kleider einkaufen können – sind es, die einem beim Abnehmen helfen, sagt auch Frau Lilly S., die ebenfalls die erste schwierige Zeit des Abnehmens hinter sich hat. „Ein Zielgewicht zu setzen ist demotivierend“, ist sie überzeugt. „Für mich ist klar: Ich möchte einfach abnehmen, jetzt und für eine lange Zeit. Ein erklärtes Zwischenziel war: Ich möchte mich in der Badehütte beim Umziehen entspannt mit anderen Menschen unterhalten können, und nicht voller Scham so schnell wie möglich rein- und wieder raus rennen. Das habe ich geschafft, und darauf bin ich unendlich stolz.“

Die fachliche Betreuung ist auch für Frau S. der entscheidende Faktor. „Die umfassende, qualifizierte Betreuung, die Gruppenkurse, die psychologische Betreuung. Und die geschützten Räume, beispielsweise bei der Fitness – ein öffentliches Fitnesscenter kommt für mich einfach nicht in Frage!“ Vielleicht der wichtigste Aspekt sei die Betreuung. „Ich habe grossen Respekt vor dem Wissen der Betreuer. Und das bedeutet für mich auch, dass ich – schon aus Respekt vor diesen Leuten – mein Essverhalten ändere.“

Wie bei allen Sachen war auch hier der Anfang schwierig. „In der ersten Phase habe ich zehn Kilogramm abgenommen, und das haben Aussenstehende einfach nicht gemerkt. Das ist hart. Aber man lernt, dass man sich sein Selbstbewusstsein dann eben aus der Tatsache holen muss, dass man ja tatsächlich abgenommen hat – auch wenn Komplimente noch ausbleiben.“

Was empfiehlt Lilly S. anderen Übergewichtigen, die es ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes „satt haben“? „Es einfach angehen.“ Egal wo, egal bei welchem Arzt, Hauptsache ist, man traut sich und nimmt professionelle ärztliche Hilfe in Anspruch – das ist der erste, der wichtigste Schritt. „Es muss einem aber klar sein, dass man Zeit investieren muss. Zeit, um sein Verhalten und seine Gedanken zu ändern, Zeit, um Fitness zu betreiben – ich bin beispielsweise dreimal wöchentlich anderthalb Stunden im Fitnessbereich.“

Zwischenziel: Im Schwimmbad umziehen - "ohne mich zu schämen"

Der Lohn für die investierte Zeit und Mühe ist dann aber auch enorm: „Ich bin heute eine andere Lilly, sagen meine Freunde. Im Haushalt, beim Spazierengehen, einfach jeden Tag bewege ich mich leichter, fühle ich mich leichter – fühle ich mich ‚erleichtert’.“

lu

Internet-Tipps von Dr. Schultes zum Thema Übergewicht, Tipps und Hilfen zum Abnehmen http://www.saps.ch
http://www.reductip.ch

PD Dr. med. Bernd Schultes, Leiter des Adipositaszentrums am Kantonsspital St. Gallen
PD Dr. med. Bernd Schultes, Leiter des Adipositaszentrums am Kantonsspital St. Gallen

Missverhältnis zwischen Energieaufnahme und Verbrauch

Übergewicht entsteht auch im Gehirn

Woher kommt Übergewicht eigentlich? PD Dr. Bernd Schultes, Leiter des Interdisziplinären Adipositaszentrums im Kantonsspital St. Gallen erklärt, wie Übergewicht von der Ernährung abhängt und wie diese von Schaltvorgängen im Gehirn beeinflusst wird.

Wenn der Körper mehr Energie zugeführt bekommt, als er braucht, ist das die Grundlage für Übergewicht. Dieses Missverhältnis entsteht entweder durch zu geringen Energieverbrauch aufgrund von Bewegungsmangel oder durch erhöhte Energieaufnahme in Form von Nahrung.

Oft sind beide Faktoren gleichzeitig verantwortlich. Dabei muss man sich vor Augen führen, dass Essen und Bewegung zwei grundlegende Dimensionen menschlichen Verhaltens darstellen – und wie jedes menschliche Verhalten werden auch sie vom Gehirn gesteuert; über das Essverhalten selbst wird im sogenannten präfrontalen Cortex des Gehirns entschieden. Mittlerweile konnten bei Menschen mit Übergewicht in allen Komponenten des Essverhaltens Veränderungen im Vergleich zu normalgewichtigen Personen nachgewiesen werden. Experimentelle Untersuchungen zeigen beispielsweise, dass übergewichtige Personen eine Resistenz gegen Insulin im Gehirn aufweisen – dadurch ist bei Übergewichtigen das Sättigungsgefühl schwächer und das Hungergefühl stärker ausgeprägt.

Eine weitere Erkenntnis der modernen Medizin: Es wurde festgestellt, dass sich die Nervenzellen im Bereich des eben genannten präfrontalen Cortex bei Menschen mit Übergewicht anders verhalten als bei Normalgewichtigen. Das lässt vermuten, dass es zu einer Beeinträchtigung der Handlungskontrolle insbesondere in Situationen kommt, in denen der Mensch direkt mit Nahrung konfrontiert wird. Leider gibt es bislang jedoch noch keine aussagekräftigen Untersuchungen, denen man entnehmen könnte, ob diese veränderte Aktivität der Nervenzellen Folge oder Ursache der Adipositas ist.

Abnehmen: Am besten in der Kombination!

Eine Änderung des Lebensstils ist für jeden, der abnehmen will, eine Herausforderung. Zum Erreichen des Wohlfühlgewichts können Nahrungsumstellung, Bewegung, Verhaltenstherapie oder Medikamente eingesetzt werden. Am erfolgreichsten ist folgendes Zusammenspiel: In einer Studie an 224 adipösen Erwachsenen konnten Professor Dr. Thomas Wadden und Kollegen wissenschaftlich nachweisen, dass die Kombination von Medikation und Gruppentherapie zur Lebensstiländerung zu grösserem Gewichtsverlust führt, als nur Medikation oder Änderung des Lebensstils alleine.



Medical Tribune public - eine Tochter von Medical Tribune
 
[ Home ] [ Sitemap ]
 
hosted by bit-heads GmbH