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Basel, 26. April 2007

Burnout

Wenn die Kerze abgebrannt ist

Die hoch gezüchtete Leistungsgesellschaft fordert Opfer. Menschen, die dem wachsenden Druck in der Arbeit nicht mehr standhalten und am Stress erkranken. Burnout heisst der Fachbegriff – ein Phänomen, das Ärzte zunehmend beschäftigt.

Irgendwann begann sein linkes Auge zu flimmern. Er konnte kaum mehr schlafen, litt unter Magenbeschwerden und unvermittelt auftretenden Schwindelgefühlen. Schliesslich kamen teils massive Sehstörungen dazu, begleitet von migräneartigem Kopfweh, Übelkeit, Konzentrationsschwäche, Schlaflosigkeit und einer chronischen Erschöpfung. Der Angestellte Niggi Zubler hatte immer mehr Mühe, seine Arbeit mit gewohnter Leistung zu verrichten.
„Ich fühlte mich von der kleinsten Aufgabe überfordert, bekam gar nicht mehr richtig mit, was um mich herum geschah. Alles begann sich immer schneller zu drehen, und ich hatte das Gefühl, das Leben würde mir vollkommen entgleiten“, erzählt Niggi Zubler. Erst nach Monaten und als er sich vollkommen „leer, kraftlos und handlungsunfähig“ fühlte, ging er zum Arzt. Dieser erkannte sofort, was Sache war, und stellte die Diagnose: Burnout.

Immer mehr sind Betroffen

Wie viele in der Schweiz am „Ausgebranntsein“ leiden, an dieser Form einer Erschöpfungskrankheit, weiss niemand genau. Klar ist nur – es werden immer mehr. Offizielle Zahlen darüber, wie weit Burnout die Gesellschaft schon auffrisst, gibt es noch keine. Beim Stress fällt die Bilanz des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) ernüchternd aus: 33 Prozent aller Angestellten in der Schweiz fühlen sich unter permanentem Druck und geben an, gestresst zu sein. Das ist nicht nur Europarekord, sondern kostet die Gesellschaft auch viel Geld. Das Seco beziffert die Folgekosten auf 4,2 Milliarden Franken jährlich. Tendenz steigend.

Dabei ist noch nicht einmal wissenschaftlich gesichert, wie sich das Krankheitsbild „Burnout“ definiert. Ärzte sind sich aber einig: Wenn so viele Patienten das gleiche Problem haben, gilt es, Ursache und Symptome ernst zu nehmen und den Betroffenen zu helfen. Hauptgrund für die Zunahme von Burnout-Fällen liegt in der auf Topleistungen getrimmten Gesellschaft, die immer mehr und noch mehr von sich selbst und vom Einzelnen verlangt. Wenig verwunderlich, dass die meisten Patienten das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit verloren haben, die so genannte Work-Life-Balance vollkommen gestört ist.

Fast immer sind Burnout-Betroffene alles als Faulenzer, sondern sehr engagiert in ihrem Job und scheuen sich auch in ihrer Freizeit nicht, Verpflichtungen zu übernehmen. Plötzlich aber stellen sie fest, dass sie sich zunehmend überfordert fühlen. Als Reaktion tun sie noch mehr, verhalten sich hyperaktiv.
In einer weiteren Stufe vernachlässigen Burnout-Patienten ihre sozialen Kontakte, leiden immer wieder an Erschöpfungszuständen, Energiemangel, Unausgeschlafenheit und erhöhter Infektanfälligkeit. Auch das Gefühl, wertlos zu sein, nimmt zu, so wie Selbstzweifel und der Verlust von Perspektiven fürs Leben. „Ein Burnout-Syndrom kann als depressives Geschehen verstanden werden“, sagt Joachim Leupold, Ärztlicher Leiter des Medizinischen Zentrums der Grand Hotels Bad Ragaz SG. Damit einhergehen können

  • Herz- und Atembeschwerden
  • Blutdruckschwankungen
  • Muskelverspannungen
  • Verdauungsstörungen
  • Gewichtsveränderungen
  • zunehmender Alkoholkonsum
  • sowie sexuelle Probleme.

Nicht nur Führungskräfte sind betroffen

Lange sprach die Fachwelt von einer „Managerkrankheit“, und als Vorzeigeobjekte für die neue Gesellschaftskrankheit gelten in der Schweiz der ehemalige FDP-Präsident Rolf Schweiger sowie Gipfelikönig Fredy Hiestand. Doch die Fälle von Betroffenen ohne Kaderfunktion wie Niggi Zubler nehmen zu. Denn längst ist sicher – treffen kann es jede und jeden. „Das Burnout- Syndrom ist mittlerweile bei rund 60 Berufen und Personengruppen beschrieben worden. Das Burnout-Alphabet reicht von A wie Anwälte bis Z wie Zahnärzte“, schreibt Professor Matthias Burisch von der Universität Hamburg (D) in seinem Buch 2Das Burnout-Syndrom“. Besonders oft werden Menschen in helfenden Berufen Opfer, aber auch jene, die beruflich bedingt viele soziale Kontakte haben, wie zum Beispiel Pflegepersonal, Ärzte, Feuerwehrleute, Lehrer, Journalisten und Hausfrauen. Aufgrund der Doppelbelastung von Beruf und Familie sind Frauen gefährdeter als Männer.

Oftmals besteht ein Zusammenhang zwischen Idealen und Lebenszielen. Sind diese aus gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Gründen nur schwer oder gar nicht zu verwirklichen, kann dies die Seele belasten. Das innere Feuer erlischt. Die Kerze brennt ab. Und am Ende wartet das Burnout. Wer die Diagnose Burnout erhält, muss etwas tun.
Nebst therapeutischen Massnahmen ist meist auch eine Veränderung der beruflichen Situation unumgänglich. Eine nachhaltige Besserung des Zustandes ist nur dann zu erreichen, wenn auf unterschiedlichen Ebenen angesetzt wird. Und Patientin oder Patient müssen mitarbeiten. In der Klinik Teufen in Teufen AR setzen die Therapeuten auf eine integrative Behandlung von Körper aufbau-, Gesprächs- und Verhaltenstherapie. Die Burnout-Betroffenen unternehmen Wanderungen, besuchen Kraft- und Fitnessraum, machen Aquafit oder Gymnastik. Denn Sport hilft, die körperliche Erschöpfung abzubauen und wieder zu einem natürlichen Körperbewusstsein zurückzufinden.

Den Grund erkennen

Wichtiger Teil einer Therapie sind zudem Entspannungsübungen und Gespräche: „Die Patienten sollen erkennen, welche äusseren Umstände und welche ihrer eigenen Wesensmerkmale zum Burnout geführt haben“, sagt Dr. med. Milan Kalabic, Leiter des Therapiebereichs Burnout der Klinik Teufen. Niggi Zubler hat mittlerweile Konsequenzen gezogen und den Job, der zu seiner Erschöpfung geführt hat, gekündigt.



10 Anti-Burnout-Tipps – damit Mitarbeiter nicht ausbrennen

Treffen kann es im Grunde jeden. Besonders Menschen, die in hohem Masse pflichtbewusst und leistungsbereit sind und sich stark mit der Arbeit identifizieren. Wer abhängig ist vom Lob seiner Vorgesetzten oder Mitarbeiter und zum Perfektionismus neigt, muss aufpassen. Ein Arbeitsplatz möglichst frei von Stress ist eine der besten Voraussetzungen, dass es zu keinem Burnout kommt.

  • Chronische Überbelastung vermeiden: Mit zu wenig Mitarbeitern arbeiten zu müssen, führt zu Stress. Dauernde Überforderung provoziert Burnout.
  • Arbeiten ganzheitlich erledigen: Studien belegen, dass Mitarbeiter, die nicht nur für Teile der Arbeiten, sondern für ganze Produkte oder Dienstleistungen verantwortlich sind, weniger gesundheitliche Probleme haben.
  • Weiterbildung schafft Chancen und Sicherheit: Und sie ist ein Mittel gegen die Angst vor Jobverlust und verbessert die eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
  • Stellvertretung: Mitarbeiter, die sich dauernd sorgen, wer ihre Arbeit erledigt, wenn sie mal krank sind oder ausfallen, erholen sich schlecht. Durch geeignete Stellvertretungen ist gewährleistet, dass die Mitarbeiter während Abwesenheit und Ferien abschalten können und nicht gestört werden müssen.
  • Unnötigen Aufwand vermeiden: Umstände wie technische Schwierigkeiten, die den Mitarbeitern ihre Arbeit komplizieren, nennen Arbeitsmediziner „Regulationshindernisse“. Diese nerven, bedeuten zusätzlichen Aufwand, sind im Büro Stimmungskiller und schlecht für die Motivation.
  • Viel Eigenkompetenz: Mitarbeiter, die ihre Aufgabe selbst strukturieren und so ausführen können, wie es ihnen am besten passt, können hohe Belastungen ertragen, ohne krank zu werden.
  • Mitreden macht Freude: Wer mit seinem Chef Arbeiten besprechen, Entscheidungen beeinflussen und Arbeitsabläufe mitgestalten kann, erfährt Wertschätzung und fühlt sich akzeptiert am Arbeitsplatz.
  • Soziale Unterstützung: Verständnis für Probleme, Ratschläge, ein offenes Ohr sowie angemessene Aufmerksamkeit geben dem Mitarbeiter das Gefühl, unterstützt und integriert zu sein. Damit kann man physischen wie psychischen Erkrankungen vorbeugen.
  • Realistische Aufgabe: Der Auftrag an den Mitarbeiter muss in den vereinbarten Konditionen zu schaffen sein und nicht unbesprochenen Mehraufwand beinhalten. Auch enormer Zeitdruck erhöht das Stressempfinden.
  • Freizeit: Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. An einem Arbeitstag pro Woche sollte der Arbeitnehmer bereits um 16 Uhr nach Hause gehen können, um sein Recht auf Freizeit geniessen zu können.
Doch nicht immer muss das Burnout-Syndrom für Müdigkeit und Lustlosigkeit verantwortlich sein. Auch Eisenmangel kann diese und andere Symptome hervorrufen. Mehr zu diesem Thema lesen Sie » hier.

Falls Sie sich ausgebrannt und erschöpft fühlen, können Sie » hier unseren Burnout-Test machen, den wir in Zusammenarbeit mit Dr. Beat Schaub, Binningen entwickelt haben.



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