Das besondere Jubiläum: Seit 8. Mai 1980 sind die Pocken ausgerottet
Ali Maow Maalim kann wieder lächeln. Nicht einmal Narben sind von seiner schlimmen Krankheit zurückgeblieben. Der Somalier wurde 1977 mit dem Pockenvirus angesteckt und gilt als der letzte Pockenpatient der Welt. In Europa ist die Erinnerung an diese hoch ansteckende und gefährliche Krankheit längst verblasst. Doch noch Ende des 18. Jahrhunderts starben jährlich rund 400'000 Menschen an dieser Seuche, ein Drittel aller Erblindungen ging auf deren Konto. In Europa trat der letzte Fall in den früher 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf. Eine Therapie gegen das Virus kennt man nicht, man kann nur die Symptome bekämpfen. Dank der Impfung, die übrigens bereits 1796 entwickelt wurde, lässt sich die Krankheit aber vermeiden. Aber erst als konsequent durchgeimpft wurde, verschwand die Krankheit. Offiziell sind seit dem 8. Mai 1980 die Pockenviren ausgerottet. Sie existieren nur noch in wenigen Laboratorien zu wissenschaftlichen Zwecken. Da keine Ansteckungsgefahr mehr besteht, wird heute nicht mehr gegen Pocken geimpft.
Für Christoph Hatz, Chefarzt des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts Basel sowie Leiter der Abteilung für übertragbare Krankheiten am Institut für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich, ist das Beispiel der Pocken ein klarer Beweis dafür, dass sich mit Impfkampagnen Krankheiten und viel Leid vermeiden lassen. Auch die Kinderlähmung, einst auch in Europa eine häufige Kinderkrankheit mit schweren Folgen, konnte dank einer guten Durchimpfungsrate fast zum Verschwinden gebracht werden. Leider ist sie in Nigeria wieder aufgeflackert, weil dort religiöse Kreise das Gerücht verbreiteten, die Polio-Impfung mache Mädchen unfruchtbar. Erfolgreich waren und sind auch beispielsweise die Impfungen gegen Diphtherie, Keuchhusten und Starrkrampf. Doch der Erfolg bei der Bekämpfung zahlreicher bedrohlicher Krankheiten ist zugleich deren grösster Feind. Die Gefahr ist gebannt und die Menschen haben die Dramatik und das Leid, welche Seuchen verursachen, vergessen.
Bei uns in der Schweiz ist die Masernimpfung immer wieder Gegenstand von Glaubensfragen. Dazu Hatz: Ich bin Mediziner und arbeite mit Fakten, für den Glauben sind andere zuständig. Tatsache ist, dass in einer ungeschützten Populationen bei einer Masernepidemie pro 1 Mio. Krankheitsfällen mit 500 Hirnhautentzündungen gerechnet werden muss, auf 1 Mio. Masernimpfungen dagegen „nur“ mit 1 bis 5 Fällen. Damit spricht Hatz jenen Punkt an, der auch deutlich gesagt werden muss: Jede Impfung hat Nebenwirkungen. Meist handelt es sich um eher harmlose Begleiterscheinungen wie Müdigkeit, Kopfweh und ähnliches. In ganz seltenen Fällen – in der Schweiz alle paar Jahre einmal – kann es zu einer schwereren Komplikation kommen. Menschen mit einer Immunschwäche oder solche, die an einer anderen schweren Krankheit leiden, sind von diesen Betrachtungen selbstverständlich ausgeschlossen. Hier muss der Arzt zusammen mit dem Patienten von Fall zu Fall entscheiden. Grundsätzlich ergibt aber die Güterabwägung, dass eine möglichst hohe Durchimpfungsrate die Bevölkerung vor der betreffenden Krankheit sehr gut zu schützen vermag. In manchen Fällen könnte man sogar Krankheiten definitiv zum Verschwinden bringen, wenn da eben nicht die Sache mit dem Glauben wäre...
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