Mittwoch, 28. Juni 2017

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12.05.2017
Von: Susanne Pickl
Artikel Nummer: 26192
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Passionsblume gegen kindliches ADHS?

Eine aktuelle Übersichtsarbeit prüfte systematisch die Evidenz für den Einsatz von Heilpflanzen bei der Therapie von Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Für die Gabe von Melisse, Baldrian und Passionsblume zeigte sich eine geringe Evidenz.


In der Therapie der ADHS spielen neben der Psychotherapie Medikamente eine wichtige Rolle. Allerdings sprechen bis zu 30 % der betroffenen Kinder nicht auf sie an oder leiden unter Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schlaflosigkeit oder Gewichtsverlust, schreiben Dennis Anheyer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin am Knappschafts-Krankenhaus in Essen, und Kollegen.1 Die Eltern der Kinder fragen daher verstärkt nach therapeutischen Ansätzen aus dem Bereich der Komplementär- und Alternativmedizin, vor allem nach Phytopharmaka.

Wie wirksam bestimmte Heilpflanzen bei der Therapie von Kindern mit ADHS sind, prüften die Autoren auf der Basis einer Literaturrecherche. Ausgewertet wurden schliesslich neun randomisierte kontrollierte Studien mit 464 Patienten im Alter bis zu 18 Jahren, die pflanzliche Therapien mit keiner Behandlung, Placebo oder anderen Arzneien verglichen. Sieben Pflanzen bzw. deren Inhaltsstoffe wurden in den Studien getestet: Nachtkerzenöl, Melisse (Melissa officinalis), Baldrian (Valeriana officinalis), Ginkgo biloba, Pinienrindenextrakt, Johanniskraut (Hypericum perforatum) und Passionsblume (Passiflora incarnata).

Für Melisse, Baldrian und Passionsblume ergab sich jeweils eine geringe, für Pinienrindenextrakt und Ginkgo eine limitierte Evidenz, dass sie wirksam sind, so die Autoren. Schwerwiegende Nebenwirkungen unter der Therapie wurden nicht beobachtet. Die anderen Phyto-Zubereitungen zeigten keinen positiven Effekt auf ADHS-Symptome.

 

Melissa officinalis: Katz et al. hatten bei der Behandlung von 120 Kindern mit ADHS eine Mischung pflanzlicher Zubereitungen (Hauptbestandteil Melissa officinalis) im Vergleich zu Placebo geprüft.2 In der Verumgruppe konnten signifikante Verbesserungen des T.O.V.A.® (Test Of Variables of Attention) im Vergleich zur Kontrollgruppe gemessen werden. Der Test zielt auf Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle der ADHS-Patienten.

 

Valeriana officinalis: Verglichen wurde der Einsatz einer Baldrian-Urtinktur mit Placebo bei der Behandlung von 30 ADHS-Kindern.3 Den Therapieerfolg beurteilte man anhand des Children’s Checking Task (CCT), des Conner’s Parent Symptom Questionnaire (PSQ) und der Barkley & DuPaul Teacher Rating Scale. Kinder, die zwei Wochen mit Urtinktur behandelt worden waren, zeigten gegenüber jenen aus der Placebogruppe eine signifikante Verbesserung im PSQ und im CCT (Total Score, Speed Score). Eine signifikante Verbesserung trat bei 9 von 14 Sub­skalen der Barkley & DuPaul Teacher Rating Scale auf, unter Placebo war dies nur bei zwei Subskalen der Fall.

 

Passiflora incarnata: Eine weitere Studie4 prüfte die Effekte einer Zubereitung der Passionsblume (0,04 mg Passiflora incarnata/kg KG pro Tag) im Vergleich zur Standardmedikation Methylphenidat (täglich 1 mg/kg KG). 34 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren nahmen teil. Im Untersuchungszeitraum zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in der ADHS Rating Scale zwischen den Therapiegruppen. Die klinische Symptomatik besserte sich sowohl durch die Behandlung mit Passionsblume als auch durch Methylphenidat signifikant. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten in keiner der beiden Gruppen auf. Angstzustände und verminderter Appetit traten signifikant häufiger in der Methylphenidat-Gruppe auf.

 

Die Datenlage zu Melisse, Baldrian und Passionsblume reiche zwar nicht für eine konkrete Empfehlung aus, so das Fazit. Aufgrund des bisher gezeigten positiven Nutzen-Risiko-Verhältnisses könnte ein Einsatz zur ADHS-Therapie im Einzelfall aber erwogen werden.

 

 

1. Anheyer D et al. Complement Ther Med 2017; 30:14–23.

2. Katz M et al. J Atten Disord. 2010; 14: 281–291.

3. Razlog R et al. Health SA Gesondheid. 2012; 17(1).

4. Akhondzadeh S et al. Therapy 2005; 2: 609–614.

 

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