Donnerstag, 23. Februar 2017

Fokus Medizin

Von antikarzinogen bis kardioprotektiv – welche Zusammenhänge belegt sind.

08.11.2016
Von: Dr. Elisabeth Nolde, Foto: fotolia
Artikel Nummer: 26026
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Mythen über Melatonin im Studien-Check

Es tut sich was beim Schlafhormon: Für experimentelle Hinweise, dass Melatonin antioxidativ, krebshemmend, neuro- und kardioprotektiv ist, liefern In-vivo-Studien anschauliche Belege.


Vor allem nachts von der Zirbeldrüse synthetisiert, aber auch in Rotwein und Weintrauben enthalten: Melatonin ist eines der Hormone, die den Tag-Nacht-Rhythmus steuern. Gegen Jetlag und Schlafstörungen wendet man den Wirkstoff breit an. Überdies werden dem Hormon seit Jahrzehnten allerlei Gesundheitseffekte zugeschrieben – von Verjüngung und Fitness bis zum Krebsschutz. Was ist dran: Welche Daten gibt es? Dazu ein Review von Professor Dr. Lionel H. Opie und Professor Dr. Sandrine Lecour vom Hatter Institute for Cardiovascular Research in Africa, Universität Kapstadt.

Krebspatienten häufiger in Remission

Die Liste der Melatoninwirkungen, die experimentell demonstriert werden konnten, ist lang (s. Kasten). Diese Einzeleffekte können sich auf unterschiedliche Organe auswirken. So listen die Autoren des Literaturreviews ein beeindruckendes Spektrum von Studien auf, die in vivo krebshemmende, kardio- sowie neuroprotektive, antidiabetische und antiinflammatorische Wirkungen (u.a.) von Melatonin belegen. Exemplarisch einige dieser Untersuchungsergebnisse:

Viel Aufmerksamkeit weckte kürzlich ein systematisches Review randomisierter Studien über antikarzinogene Effekte: Bei Patienten mit soliden Tumoren, z.B. der Lunge, Brust oder Leber, führte eine zusätzliche Melatonintherapie zu einem deutlichen Benefit. So kamen die behandelten Studienteilnehmer vergleichsweise häufiger in Remission (16,5 vs. 32,6 %), die 1-Jahresüberlebensrate war höher (28,4 vs. 52,2 %), außerdem traten seltener Thrombozytopenien auf. Auch der Melatoninmetabolismus stand im Fokus:

Niedrige Spiegel eines Melatoninmetaboliten im Urin waren mit einem erhöhten Risiko für fortgeschrittene Prostatakarzinome verknüpft. Als weiteren Beleg eines antikarzinogenen Effektes führen die Forscher fünf prospektive Fallkontrollstudien an. Hier fand sich ein inverser Zusammenhang zwischen Brustkrebsinzidenz und hohen Konzentrationen des Melatoninmetaboliten im Harn: Demzufolge hatten Frauen mit den höchsten Spiegeln im Urin ein geringes Krebsrisiko.

Für potenziell onkostatische Wirkungen lieferte auch die Nurses’ Health Study Belege. Dabei ging es um einen möglichen Zusammenhang zwischen Nachtarbeit und Brustkrebsrisiko.

Chronische Insomnie fördert Hypertonie

Von 78.572 gesunden Frauen erkrankten während des 14-jährigen Beobachtungszeitraums 2441 Teilnehmerinnen an einem Mammakarzinom (Relatives Risiko 1,08). Deutlich stärker gefährdet waren Frauen, die 30 Jahre oder länger im Nachtdienst gearbeitet hatten (Relatives Risiko 1,36). Demzufolge scheint ein nachhaltig gestörter Nachtschlaf als potenzielles Krebsrisiko zu gelten, so die Autoren.

Schlafstörungen zu behandeln, gilt generell auch als kardioprotektiv denn eine chronische Insomnie über einen Zeitraum von sechs Monaten ist nachweislich mit einem erhöhten Hypertonierisiko verknüpft. Die zusätzliche Gabe von Melatonin (2,5 mg/Tag über drei Wochen) verbesserte bei Hypertonikern, die bereits mit Betablockern behandelt wurden, den Schlaf.

Des Weiteren konnten kardioprotektive Effekte nach experimentell induzierten Myo­kardinfarkten (MI) gezeigt werden. Danach stieg die Synthese von Melatonin rapide an, einen Tag nach dem MI um das 4,3-Fache. Dies war wiederum mit erhöhten Melatoninkonzentrationen in Plasma und linkem Ventrikel verknüpft. Außerdem wurden (über Melatonin vermittelt) Myokardläsionen begrenzt. Derzeit läuft ein umfassendes Studienprogramm, um mögliche Effekte des Schlafhormons bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom auch im Rahmen der interventionellen Kardiochirurgie klinisch zu prüfen.

Künftig nach Schlaganfall Melatonin geben?

Inzwischen gibt es zudem verschiedenartigste Einzelbelege für eine mit Melatonin verknüpfte Neuroprotektion. So konnten etwa antiapoptotische Effekte bei transienten zerebralen Ischämien gezeigt werden. Möglicherweise künftig ein Ansatz, um Hirnschädigungen nach einem Schlaganfall frühzeitig vorzubeugen. Außerdem schützte die Transplantation von Melatonin sezernierenden Zellen vor einem Schlaganfall, so tierexperimentelle Resultate.

Aber auch als potenzielles Mittel gegen kognitiven Abbau war Melatonin bereits auf dem Prüfstand: Bei Patienten mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen besserten sich relevante Parameter gemäß MMST (Mini Mental Status Test) und ADAS (Alzheimer’s Disease Assessment Scale). Zusätzlich zur Primärmedikation, meist Donepezil, hatten die Studienteilnehmer täglich 3 bis 9 mg Melatonin über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren eingenommen.

Sogar vor gesundheitlichen Folgen der Fettleibigkeit scheint eine Melatoninsupplementation zu schützen. Einer placebokontrollierten Studie zufolge ernährten sich 44 übergewichtige Frauen 40 Tage lang kalorienreduziert. Eine Gruppe nahm zusätzlich 6 mg/Tag eines Melatoninpräparats ein. Im Vergleich zum Placebokollektiv sanken bei diesen Teilnehmerinnen die Serumwerte von TNF-alfa und Interleukin-6. Außerdem berichten die Autoren, dass Melatonin offenbar direkt antidiabetisch wirkt.

Im tierexperimentell prädiabetischen Nagermodell mit diätetisch induzierter Fettleibigkeit reduzierte eine Langzeitgabe von Melatonin (4 mg/kg/Tag) die weitere Gewichtszunahme, ferner die viszerale Adipositas und die Serumwerte von Insulin und Triglyzeriden. Und auch für kardio­protektive Effekte gab es in dieser Studie Belege.


Quelle: Opie LH, Lecour S. European Heart Journal – Cardiovascular Pharmacotherapy 2016; 2: 258-265

 

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