Sonntag, 26. Februar 2017

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Hypochondern aus der Angst helfen: praktische Tips

Hypochondern aus der Angst helfen: praktische Tips

01.04.2015
Von: Dr. Carola Gessner; foto: fotolia, Kalim
Artikel Nummer: 23459
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Hypochondern zur Gelassenheit verhelfen

Angst quält diese Patienten zu ewig neuen Arztbesuchen und Diagnoseverfahren. Sie fühlen sich nicht ernst genommen und stellen gleichzeitig Stress für jede Praxis dar. Wie gehen Sie mit Hypochondern um?


Meist fürchten sich hypochondrische Menschen vor Krebs oder Herzkrankheiten, auch HIV, multiple Sklerose oder Demenz stellen typische Themen dar. Es kommt zu schier endlosen Leidensgeschichten: Beharrlich beschäftigen sich Patienten mit der vemeintlichen Krankheit und erleben normale oder allgemeine Körperwahrnehmungen als höchst belastend. Doch vergehen im Schnitt elf Jahre bis zum Aufsuchen der psychosozialen Medizin, berichtete Dr. Rainer Schäfert von der Psychosomatischen Ambulanz und Reizdarmambulanz, Neuenheim, der Universitätsklinik Heidelberg.

Was bedeutet "Hypochondrie"?
Vorübergehende hypochondrische Ängste (< 6 Monate) werden der primären Hypochondrie zugeordnet. Sie treten z.B. auch nach Herzinfarkt auf, bei Betreuung lebensbedrohlich erkrankter Angehöriger oder auch bei Medizinstudierenden. Vom hypochondrischen Wahn spricht man bei unkorrigierbarer zeitlich stabiler Krankheitsüberzeugung. Sekundäre Hypochondrien kommen bei Schizophrenie, schweren depressiven Episoden, Panikstörungen, generalisierten Angststörungen (Krankheit nur eines von mehreren Sorgenthemen) und Zwangsstörungen vor.

Hypochondrie möglichst früh erkennen

Früherkennung hat daher große Bedeutung und erfolgt am besten durch Paralleldiagnostik. Auf somatischer Ebene empfiehlt sich die Befundzusammenschau. Der Patient kommt oft mit vielen Vorbefunden; diese gilt es gemeinsam zu sichten und auf beruhigende Befunde hinzuweisen. Eventuell bedarf es weiterer Diagnostik, die man im Vorfeld gemeinsam gut besprechen soll.

Der Patient darf nicht das Gefühl haben, „es ist wieder nichts rausgekommen“, worüber er enttäuscht und verunsichert ist. Haben Sie ihm aber vorher erklärt, dass Sie einen Normalbefund erwarten, und dies bestätigt sich, heißt das: positive Nachricht und Erleichterung. „Wir haben die Aufgabe, Patienten vor unnötiger und schädigender Diagnostik zu schützen“, betonte Dr. Schäfert. Seine Strategie heißt: regelmäßige körperliche Untersuchung, Ergänzungsdiagnostik nur bei neuen Beschwerden oder Warnsymptomen.

Diagnostik: Körperlich, nicht maschinell

Parallel zur somatischen Dia­gnostik erfolgt psychosoziales Screening. Dabei forscht man nach:

  • katastrophisierenden Gedanken,
  • Body-Checking, Rückversicherungsverhalten (Ärzte, Umfeld Internet), Vermeidungsverhalten,
  • psychosozialer Belastung (aktuelle Lebenssituation, Lebensgeschichte),
  • Funktion im Alltag (kann der Patient in Familie, Beruf, Partnerschaft seine Rolle erfüllen?).


Steht die Diagnose – betroffen sind in der Primärversorgung 0,8–8,5 % –, heißt das Behandlungsziel: „Eine bewusste Entscheidung des Patienten herbeiführen, Bedrohungsannahmen zu relativieren und sicherheitscheckendes Verhalten abzubauen.“ Da Hypochondrie mit großer Bindungsunsicherheit einhergeht, bildet der Aufbau einer stabilen, vertrauensvollen Arzt-Patient-Beziehung die notwendige Basis.

Das sicherheitssuchende Verhalten und die Krankheitsangst empfiehlt Dr. Schäfert direkt zu benennen sowie einen klaren Behandlungsrahmen mit regelmäßigen beschwerdeunabhängigen zeitlich begrenzten Terminen – zum Beispiel alle zwei, drei oder vier Wochen für 10–15 Minuten – zu schaffen. Damit vermeiden Sie übliche Stresssituationen, nämlich dass der Patient Sie symptomgesteuert mit hohem Angstdruck (subjektive Notfallsi­tuation!) aufsucht.

Kognitive Umstrukturierung

Im Gespräch zu beachten: Hypochondrische Personen haben eine selektive Aufmerksamkeit, „sie hören mit großen Ohren die negativen Nachrichten und verzerren sie noch rückblickend.“ Das Gegenmittel: Langsam und verständlich sprechen, Wichtiges zusammenfassen oder gar aufschreiben lassen. Und sprechen Sie nondirektiv, um dem hypochondrischen Patienten zu ermöglichen, dass er sich selbst und aktiv zu einer Verhaltensänderung entschließt.

Das kognitive Umstrukturieren erfolgt dann in drei Schritten:

  • subjektive Krankheitstheorie erfragen,
  • Krankheitsannahmen relativieren und Spektrum der möglichen Erklärungen erweitern, sodass der Patient seine Ängste Schritt für Schritt loslassen kann
  • Diskussion der 100%igen Sicherheit: Klarmachen, dass Arzt und Patient eine Rest-Unsicherheit „gemeinsam aushalten müssen“. Den Patienten selbst darauf kommen lassen, dass auch das nächste MRT ihn nicht entlasten wird.

Verhaltensänderung im zweiten Schritt

Und wie helfen Sie bei der Verhaltensänderung? „Zu versichern, dass keine gefährliche Erkrankung vorliegt, ist richtig und wichtig“, so der Experte. Aber nach dem x-ten Mal „reicht es“, und der Kollege rät zu folgenden Schritten:

  1. Sicherheit suchendes Verhalten beschreiben.
  2. Konsequenzen explorieren: Kurzfristige Erleichterung wird erkauft mit langfristigen Einschränkungen und Abhängigkeit.
  3. Diskussion über bewusste Entscheidung: Will ich weitermachen oder aufhören mit diesem Verhalten?
  4. Ziele konkretisieren, z.B. Arztbesuch nur noch einmal im Monat.
  5. Den Patienten unterstützen beim Durchhalten.


Und welche Tipps fürs Durchhalten haben Sie parat? Bei der Gedankenstopptechnik stellt sich der Patient jedesmal ein Stoppschild vor, wenn er zum Arzt (oder ins Internet) will. Mit der Verschiebetechnik versucht er derlei Handlungen hinauszuzögern – „ich gehe erst mal in den Garten“. Bei der Aufmerksamkeitsumlenkung hilft das Scheinwerfermodell: Das Spotlight bewusst wegschwenken auf Dinge, die guttun (Kraftquellen, Ressourcen), nach außen gehen mit der Aufmerksamkeit.

Nach dem Motto „Aufschreiben statt Ausführen“ funktioniert das Krankheitsangstprotokoll. Und schließlich erarbeiten Sie gemeinsam einen Notfallplan für Situationen mit großer Angst und Druck zum Arztbesuch: z.B. Entspannungsübung, Aus­powern, Hanteln stemmen (sich körperlich mal richtig spüren), ggf. jemanden ansprechen.

Im ICD-11 neu 
eingeordnet
Eine Hypochondrie im eigentlichen Sinn besteht ab einer Symptomdauer von sechs Monaten. Derzeit wird sie laut ICD-10 nicht zu den Ängsten, sondern zu den somatoformen Störungen gezählt (ICD-10 F45.2). Das soll sich im ICD-11 – angekündigt für 2017 – ändern, da somatische Symptome kein entscheidendes Kriterium für die Krankheitszuordnung darstellen. Hypochondrie fällt unter die Angststörungen – als Unterkapitel der Zwangsstörungen (breite überlappende Merkmale, wiederholte zwanghafte Verhaltensweisen, den Körper zu checken und immer wieder Ärzte aufzusuchen).

Psychotherapeut zu Hilfe holen

Eventuell wird eine Psychopharmakatherapie mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) notwendig, z.B. mit Paroxetin. Es bedarf dann oft höherer Dosen und längerer Behandlungsdauer (8–16 Wochen). Psychische Komorbiditäten wie Depression (> 50 %) und Angst (in ca. 30 %) werden mitbehandelt.

Bei komplizierten Verläufen sollte man den Psychosomatiker/Psychotherapeuten hinzuziehen, der mit kognitiver Verhaltenstherapie gute Erfolge (Responderraten 55–75 %) erzielt. Dabei darf der Patient sich nicht weggeschickt fühlen. Vermitteln Sie „Wir holen uns jemanden ins Boot und segeln zu dritt weiter“, riet Dr. Schäfert. Aber Sie bleiben als Hausarzt beim Patienten.

Quelle: Ärztekongress der Bezirksärzte-
 kammer Nordwürttemberg

 

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