Dienstag, 30. Mai 2017

Fokus Medizin

Der Physiotherapeut massiert an definierten Darmpunkten.

19.07.2016
Von: Dr. Dorothea Ranft, Foto: fotolia
Artikel Nummer: 25777
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Bauchmassage beruhigt gereizten Darm

Ob funktionelle Dyspepsie, Reizdarm oder Gallenkolik, die Therapie muss nicht immer mit Medikamenten erfolgen. Auch mit physikalischer Behandlung kann man einiges ausrichten. Das Praktische daran: Die meisten Techniken kann der Patient selbst anwenden.


Eine bewährte Option sind beispielsweise Leibwickel. Nach der Sauna oder einem warmen Bad angewandt, verstärken diese die abdominale Durchblutung und wirken zudem vegetativ stabilisierend. Als nützlich haben sich auch ansteigende Fußbäder (z.B. von 35 °C bis 40 °C) erwiesen.

Durch Reflexbeziehungen fördern sie die Blutversorgung im Bauchraum und wirken sich güns­tig auf den Wärmehaushalt des gesamten Körpers aus, heißt es in dem Referat von Privatdozent Dr. Rainer Brenke, Hufelandklinik Bad Ems, das Professor Dr. Karin Kraft, Universitätsmedizin Rostock, stellvertretend vortrug. Oft vergessen wird, dass Fußbäder ein probates Mittel bei beginnender Erkältung sind. Denn sie fördern auch die Blutversorgung der Nasenschleimhaut.

Vegetativen Ausgleich mit Fingerdruck erzielen

Gute Evidenz aus Studien gibt es inzwischen zur Kolonmassage, bei der man Reflexbeziehungen nutzt, um durch äußere Reize Tonus und Peristaltik des Darmes zu verändern. Dabei kommt es nicht zu einer Verschiebung des Darminhalts. Diese wäre auch sehr schmerzhaft, wie Prof. Kraft ausführte. Die Massage erfolgt an fünf typischen Kolonpunkten, Zäkalpunkt, Aszendenspunkt, Lienalpunkt, Deszendenspunkt und Sigmapunkt genannt. In Richtung der Peristaltik wird ein Punkt nach dem anderen zwei bis fünf Minuten lang kreisend massiert.
Indiziert ist Kolonmassage bei der chronischen Obstipation einschließlich der spastischen Form sowie bei Reizdarmsyndrom. Sie sorgt für einen vegetativen Ausgleich im Unterbauch. Nach Anleitung kann der Patient die Massage selbst durchführen, was v.a. bei schmerzhaften Befunden vorteilhaft ist.

Eine randomisierte kontrollierte Studie zeigte, dass die Kolonmassage sogar die postoperative Obstipation nach gastrointestinalen Eingriffen zu lindern vermag. Eine weitere Arbeit ergab einen günstigen Einfluss auf die negativen Folgen einer nasogastralen Sondenernährung (abdominale Distension, Erbrechen).

Darmtransit nachweislich verkürzt

Schließlich bescheinigt ein Cochrane-Review der Kolonmassage, dass sie bei chronischer Obstipation die Peristaltik stimuliert, den Transit verkürzt und Schmerzen reduziert. Eine gute Evidenz sehen die Cochrane-Experten bei postoperativem Ileus, positive Fallberichte exis­tieren z.B. für die lang anhaltende funktionelle Obstipation.

Auch im Rahmen einer Chemotherapie kann die Kolonmassage sinnvoll sein: Brustkrebspatientinnen, die als Antiemetika 5HT3-Antagonisten einnahmen, litten dank der selbst durchgeführten Darmstimulation weniger an Obstipation. Allerdings ist nicht jeder Patient für die Kolonmassage geeignet, bei starken Schmerzen, unklarem Befund oder akuter Entzündung sollte man darauf verzichten, rät Prof. Kraft.

Eine weitere physikalische Option zur Behandlung gastrointestinaler Erkrankungen heißt Periostmassage. Ihr Effekt beruht auf einer punktförmigen Reizung der Knochenhaut, die reflektorische Vorgänge an inneren Organen auslöst, so die Naturheilkunde-Spezialistin. Als Indikationen für das Verfahren gelten Nieren- und Gallenkoliken sowie Darmkrämpfe. Die Druckmassage erfolgt typischerweise am unteren Rippenbogen. Gearbeitet wird mit Fingerbeere oder Knöchel von Daumengelenk oder Zeigefingergrundgelenk.

Auch Selbstmassage ist durchaus möglich

Mit kleinen Kreisbewegungen (wenige Millimeter) wird an- und abschwellender Druck appliziert, mit zwei bis vier Minuten Massage je Punkt. Die übrigen Finger dienen zum Abstützen. Auch hier ist eine Selbsttherapie möglich, aber die meisten Patienten ziehen die Anwendung durch den Physiotherapeuten vor. Hierzulande eher selten genutzt, aber in anderen Ländern durchaus angeboten wird die Hochfrequenztherapie. Sie steht in Form von Kurzwelle und Mikrowelle zur Verfügung. Die dabei erzeugte Tiefenwärme sorgt für eine intensive Durchwärmung, die gastrointestinale Erkrankungen bessern kann.


Quelle: 122. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin

 

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