Mittwoch, 24. Mai 2017

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31.01.2017
Von: Dr. Andrea Wülker
Artikel Nummer: 26127
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Mit der künstlichen Hüfte zum Zahnarzt: Macht die Antibiotika-Prophylaxe Sinn?

Divergenz zwischen Empfehlung und Praxis – Experten-Konsensus soll Abhilfe schaffen


BERN – Brauchen Patienten mit einer künstlichen Hüfte, Schulter oder einer Knieprothese Antibiotika, wenn ein zahnärztlicher Eingriff oder auch nur eine Zahnreinigung ansteht? Diese Frage beschäftigt Haus- und Zahnärzte gleichermassen. Denn schliesslich will man Endoprothesen-Infektionen möglichst vermeiden.

Juristisch korrekt, aber im klinischen Alltag nicht hilfreich, so bezeichnen der Infektiologe PD Dr. Parham Sendi vom Inselspital Bern und seine Kollegen von der Expertengruppe Infektionen der Swiss Orthopaedics die internationalen Empfehlungen zur Antibiotika-Prophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen. Und sie sehen eine grosse Divergenz zwischen den Empfehlungen und der tatsächlichen Praxis. 

Um diese zu vermindern bzw. zu beseitigen, haben sie ein Konsensus-Dokument erarbeitet. Darin raten sie, dass jeder Patient bereits vor Implantation einer Gelenkprothese vom Zahnarzt untersucht wird. So könnten potenzielle Infektionsherde im Mund frühzeitig entdeckt und saniert werden. Nach Implantation der Prothese halten die Kollegen regelmässige Kon­trolltermine für empfehlenswert, um den Zahnstatus zu überprüfen und immer wieder auf eine gute Dental- und Mundhygiene hinzuweisen. 

Mund ausspülen mit Chlorhexidin 

Falls sich ein Patient mit Gelenkendoprothese einem Dentaleingriff unterziehen muss, muss im Hinblick auf eine mögliche Antibiotikagabe zwischen Interventionen wegen einer Infektion und Eingriffen aufgrund einer zahnmedizinischen Erkrankung ohne etablierte Infektion unterschieden werden: 

  • Liegt keine identifizierte Infektion vor, braucht der Patient kein Antibiotikum. Die Experten raten dazu, dass er seinen Mund mit 0,2%igem Chlorhexidin spült, bevor der Zahnarzt ans Werk geht.
  • Besteht dagegen eine eindeutige Infektion, etwa ein Abszess oder eine apikale Parodontitis, plädieren sie für die systemische antibiotische Therapie mit 
Amoxicillin/Clavulansäure (3 × 1 g/d) oder bei Penicillin-Allergie mit Clindamycin (3 × 600 mg/d) für jeweils drei bis fünf Tage. Die Medikamente können erstmals eine Stunde vor dem Eingriff eingenommen werden. 

 

 

Wie gross ist das Risiko, dass es via Bakteriämie, die bei zahnärztlichen Manipulationen sehr häufig auftritt, zu einer Keimbesiedelung des Kunstgelenkes kommt? Infektionen von prothetisch versorgten Gelenken sind nach zahnmedizinischen Eingriffen äusserst selten und rechtfertigen keine Antibiotika-Prophylaxe, betonen die Konsensus-Autoren. Denn um nur eine einzige Infektion zu verhindern, müssten mehrere Tausend Patienten antibiotisch behandelt werden! 

 

 

Kein Risikofaktor alleine
rechtfertigt die Prophylaxe 

 

Bei Risikopatienten, also bei Patienten, die erst vor ein paar Wochen ihre Endoprothese erhalten haben, die immunsupprimiert sind oder die sich einer umfangreichen und lange dauernden Zahn-OP unterziehen müssen, rechtfertigt keiner dieser Faktoren für sich allein genommen eine Antibiotika-Prophylaxe. Kommen allerdings mehrere dieser Faktoren zusammen, muss die antibiotische Prophylaxe zumindest erwogen werden. Auf jeden Fall sollte der Kasus mit zahnmedizinischen und infektiologischen Experten besprochen und der Patient eher an einem Zentrum behandelt werden.

 

 

Sendi P et al. 


Schweiz Med Forum 2016; 16: 764–770.

 

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