Dienstag, 30. Mai 2017

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Lehnt ein Patient die Krebsbehandlung ab, wird rasch nach dem Psychoonkologen gerufen. Er soll prüfen, was mit dem Kranken nicht stimmt.
16.12.2016
Artikel Nummer: 26106
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Krebskranke, die eine Tumorbehandlung 
ablehnen, sind alles andere als verrückt!

Welche Faktoren die Abwehrhaltung verstärken und wie die Motivation gelingen kann


MANNHEIM – Lehnt ein Patient die Krebsbehandlung ab, wird rasch nach dem Psychoonkologen gerufen. Er soll prüfen, was mit dem Kranken nicht stimmt. Aber das Gros der Menschen, die keinerlei medizinischen Massnahmen wünschen, sind geistig vollkommen gesund – das muss man respektieren. 

 

Die meisten onkologischen Patienten gehen auf die Vorschläge ihrer Ärzte ein und tun, was ihnen geraten wird. Etwa 25 % möchten gar nicht selbst mitentscheiden. Sie legen die Krankheit und auch die Therapie lieber vollständig in die Hände der Behandler. Aber bei 1–2 % der Krebspatienten läuft es gar nicht glatt, sie lehnen einfach alles ab, erklärte die Diplompsychologin Karin Kieseritzky vom Krankenhaus 
St. Joseph-Stift in Bremen. 

 

In diesem Zusammenhang erinnerte die Referentin zunächst an das 4-Prinzipien-Modell der Medizinethik. 

  • Respekt vor der Autonomie des Patienten: Information zur Förderung der Entscheidungsfähigkeit
  • Nicht schaden: schädliche Eingriffe und Behandlungen, in der Onkologie z. B. Radiatio, Operationen und Chemotherapien, vermeiden
  • Fürsorge, Hilfeleistung: aktives Handeln zum Wohl des Patienten, sorgfältiges Abwägen zwischen Nutzen und Schaden
  • Gleichheit und Gerechtigkeit: faire Verteilung der Gesundheitsleistungen, gleiche Fälle gleich behandeln. 

 

Das entscheidende Schlagwort lautet dann «informierte Einwilligung». Das heisst, erst einmal muss der Betroffene eine umfassende Aufklärung erhalten und dann erst entscheidet er, vorzugsweise gemeinsam mit dem Arzt. Dieses Vorgehen unterstützt das Vertrauen in die Therapie und die Arzt-Patienten-Beziehung. Gleichzeitig hilft es, Angst abzubauen. Das Ritual der Einwilligung gibt dem Betroffenen zudem ein Gefühl der Selbstkontrolle. Auch hofft man, dass das Mitreden zu höherer Compliance und besserem Therapieerfolg beiträgt. 

Bei der Aufklärung sollten die relevanten Fakten genau erklärt werden. Damit darf man den Kranken dann aber nicht allein lassen. Er braucht eine verständliche Empfehlung für die weitere Vorgehensweise. Erst wenn alle diese Punkte abgearbeitet sind, kann die Entscheidung erfolgen, erinnerte die Expertin. Und dann lehnen manche die empfohlene Therapie eben ab. Früher dachte man, diese Personen litten an einer psychiatrischen Erkrankung, sie hätten Charakterdefizite oder seien besonders ängstlich. Aber in Wahrheit weiss man nicht besonders viel über diese Kranken, erklärte Kieseritzky. 

 

Ablehner sind in der Regel intelligente Menschen 

Neuere Studien haben gezeigt, dass die Ablehner in der Regel intelligent und sich der möglichen Konsequenzen umfassend bewusst sind. Zudem können sie sich meist sehr klar artikulieren. Oft stehen sie dem Arzt oder der Medizin auch gar nicht negativ oder gar feindselig gegenüber. «Herr Doktor, ich weiss, Sie meinen es gut, aber ich möchte Ihr Angebot nicht annehmen», könnte eine typische Formulierung für ein «Nein» lauten. Die Patienten wählen dann einen Weg, von dem sie sich bessere Kontrolle und mehr Lebensqualität und Würde versprechen. 

Dennoch gibt es Faktoren, welche eine abwehrende Haltung verstärken. So haben die Kranken vielfach negative Beobachtungen bei Krebstherapien im Familien- oder Freundeskreis gemacht. Ein weiteres Motiv: eigene schlechte Erfahrungen mit Ärzten. Gerade in der ersten Zeit nach Diagnosestellung erleben viele Kranke die Behandler als kalt, gefühllos und hart. Nicht selten werden Entscheidungen zu schnell gefordert, während der Patient noch mit der Verarbeitung der Krebsdia­gnose kämpft. Manche vermuten gar finanzielle oder institutionelle Motive des Arztes für die vorgeschlagene Therapieform.

Angst machen, um zu überzeugen, klappt meist gar nicht, warnte die Psychoonkologin. «So werden Sie die Geburt ihrer Enkel nicht mehr erleben», hält sie für einen schlechten Motivatonsversuch.

 

Der reine Kampfgeist bessert das Überleben nicht

Die Expertin rät, jedem seine eigene Strategie im Gefecht gegen den Krebs zuzugestehen. Während man früher dachte, dass Kampfgeist nötig sei, weiss man heute, dass dieser das Überleben nicht verbessert. Und denken Sie immer daran: Die meisten Patienten, die alles ablehnen, sind psychisch vollkommen gesund. Und nicht die Kranken sind schwierig, sondern die Kommunikation ist es.

 

Dr. Stefanie Kronenberger

Schmerzkongress 2016

 

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