Patienten wollen Medikamente vom Arzt
Schluss mit der Diskussion über die Medikamentenabgabe!
Basel – Die Selbstdispensation ist vor kurzem einmal wieder unter Beschuss geraten. Der ehemalige Gesundheitsminister Cochepin hatte bei seinem Abschied noch geraten, die Patientenapotheken ganz abzuschaffen. Medical Tribune wollte von Dr. Sven Bradke, Geschäftsführer der Ärzte mit Patientenapotheke (APA) wissen, was die Ärzteorganisation gegen die Anfeindungen aus der Politik und von einigen Apothekern unternimmt.
Medial Tribune: Herr Dr. Bradke, die Apotheker sind keine Freunde der ärztlichen Medikamentenabgabe. Mit welchen Argumenten bekämpfen sie die Selbstdispensation?
Dr. Bradke: Die Apotheker sind der Meinung, sie alleine hätten die nötige Ausbildung und das nötige Wissen, Auskünfte über Medikamente geben zu können. Sie bezeichnen sich selber als Experten und die Ärzte als Laien. Deshalb müsse die Abgabe über den Apothekenkanal monopolisiert werden.
Welche Strategie hat die APA?
Dr. Bradke: Wir arbeiten gemeinsam mit den wichtigsten ärztlichen Verbänden daran, der Verwaltung, den Politikern sowie den Parteien und Verbänden die relevanten Fakten aufzuzeigen. Ärzte sind schliesslich aufgrund ihrer Ausbildung, ihrer langjährigen praktischen Tätigkeit im Spital und in der Praxis sowie aufgrund ihrer detaillierten Kenntnisse bezüglich des Gesundheitszustandes ihrer Patienten für die Medikamentenabgabe bestens qualifiziert. Zudem sorgen sie, im Alltag wie im Notfall, für eine schnelle, sichere, breite und äusserst günstige Medikamentenversorgung. Man stelle sich einfach vor, eine gehbehinderte, kranke, ältere Person soll nach dem Arztbesuch noch die nächste Apotheke aufsuchen. Und zwar, nach den Vorstellungen der Apotheker, mit bis zu einer Stunde reiner Fahrzeit mit dem öffentlichen Verkehr. Das ist schlichtweg unmenschlich! Abgesehen davon, dass dieser unnötige Gang wegen der Leistungsorientierten Abgabe (LOA) in der Apotheke und den zusätzlichen Verkehrskosten auch noch wesentlich teurer ist.
Die Zürcher Volksabstimmung „Ja zur Wahlfreiheit beim Medikamentenbezug“ ist mehr als ein Jahr her. Können Sie uns Näheres zur aktuellen Situation berichten?
Dr. Bradke: Die besagte Volksabstimmung erfolgte am 30. November 2008. Sie endete mit einem klaren Votum zugunsten der ärztlichen Medikamentenabgabe. Daraufhin wurden seitens der Gegner verschiedene Beschwerden lanciert. Privatpersonen appellierten an den Regierungsrat, dass die Abstimmungsbroschüre sowie die Abstimmungsargumentation zweifelhaft gewesen seien. Die abschlägige Antwort des Regierungsrates wurde anschliessend ans Bundesgericht weitergezogen, das letztlich den Fall aus formaljuristischen Gründen zurück ans Zürcher Verwaltungsgericht beorderte. Dieses überwies den Fall, ebenfalls aus formellen Gründen, zurück an den Regierungsrat. Eine andere, inhaltliche Beschwerde der Apotheker wurde damals direkt beim Bundesgericht eingereicht. Scheinbar mit der Argumentation, der vom Volk angenommene Gesetzestext sei nicht bundesrechtskonform. Hätten doch die Ärzte keine entsprechende pharmazeutische Ausbildung. Dieser Bundesgerichtsentscheid steht nach wie vor aus. Wir beurteilen die Beschwerde und die Dauer zur Bearbeitung dieses Falles als einer Demokratie unwürdig. Der Volkswille wird unseres Erachtens sehr gering geschätzt!
Kürzlich haben Dr. Jürg Schlupf, Präsident der Ärztgesellschaft des Kantons Bern, und Peter Fischer, CEO der Krankenkasse Visana, einen Vorschlag zur Neuregelung der Medikamentenabgabe durch Ärzte gemacht. Was halten Sie davon?
Dr. Bradke: Für mich gibt es nur ein Modell. Und dieses lautet Wahlfreiheit der Patienten beim Medikamentenbezug. Diese sollen frei entscheiden können, wo sie ihre Medikamente beziehen möchten. Direkt in der Arztpraxis, in der Apotheke, über eine Versandapotheke oder – bei nicht verschreibungspflichtigen Präparaten – in einer Drogerie. Der Patient ist mündig, diesen Entscheid frei und unabhängig zu fällen. Kein Arzt nimmt es einem Patienten übel, wenn dieser das Medikament nicht in der Praxis bezieht. Schliesslich haben die Patienten ja auch die freie Wahl des Arztes. Sie könnten jederzeit einen anderen Arzt aufsuchen. Dies im Gegensatz zur lokalen Apotheke, die im Falle der Rezeptpflicht nur schwer zu umgehen wäre.
Wie unterstützt die APA jene Ärzte, die eine Patientenapotheke führen oder mit einer solchen starten möchten?
Dr. Bradke: Unsere Mitglieder erhalten regelmässig Informationen über die aktuellen Entwicklungen auf dem politischen Markt. Im Weiteren haben wir entsprechende Unterlagen sowie praxistaugliche Hilfsmittel zur korrekten Führung einer Praxisapotheke ausgearbeitet. Diese stehen den Mitgliedern auf Anfrage zur Verfügung. Letztlich führen wir auch während des Jahres entsprechende Fortbildungen durch. Den Stadt-Zürcher und Winterthurer Ärzten haben wir beispielsweise im letzten Jahr spezielle Seminare angeboten. Damals noch in der Annahme, die neue, vom Zürcher Stimmvolk angenommene Regelung gälte ab dem 1.1.2010. Heute wissen wir, dass dies wegen der Beschwerden ans Bundesgericht leider nicht so ist.
Wie sehen Sie die Zukunft der Selbstdispensation?
Dr. Bradke: Entgegen anderslautenden Kommentaren möchte ich hier einmal betonen, dass die Selbstdispensation keineswegs ein rein schweizerisches Phänomen ist. Überall in der Welt, auch in klassischen OECD-Staaten, ist die ärztliche Medikamentenabgabe gang und gäbe. Und zwar in Industriestaaten, in Schwellen- und in Entwicklungsländern. Man denke nur an die USA und Japan, an China und Malaysia oder an Kenia und Südafrika. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Ländern, in denen die ärztliche Medikamentenabgabe zulässig ist. Insofern verstehe ich nicht, warum die Schweiz diese praktische, günstige und patientenfreundliche Dienstleistung des Arztes verbieten will.
Was wünschen Sie sich für das laufende Jahr?
Dr. Bradke: Die Autoren des Entwurfs zur Revision des Heilmittelgesetzes sollen ihren Irrtum einsehen und das Thema Aufhebung der Selbstdispensation diskussionslos ad acta legen. Ansonsten gefährden sie das gesamte Revisionsprojekt. Die Ärzteschaft ist bereit, für ihr Recht geschlossen einzustehen und notfalls auch eine Abstimmung zu führen. Im Weiteren hoffe ich, dass die Zürcher Stimmbürgerinnen und Stimmbürger bald die ärztliche Medikamentenabgabe in der Stadt und auf dem Land erhalten. Sie haben sich an der Urne für die Wahlfreiheit entschieden. Jetzt sollen sie sie auch bekommen! Letztlich wünsche ich mir, dass noch mehr Ärzte sich unserer Organisation und unserem Kampf anschliessen. Denn gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam können wir alle Stürme bewältigen!
Interview: Winfried Powollik
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