Grosses Spektrum und Freiheit wie in keinem anderen Fach
Allgemeinärzte sind die Zehnkämpfer der modernen Medizin
GÖTTINGEN - Sind sie
bedauerns- oder beneidenswert? Hat es sich gelohnt - bzw. lohnt es sich noch
für junge Ärzte -, als Beruf die Allgemeinmedizin zu wählen?
Zwei deutsche Kollegen erarbeiteten eine ausführliche Bestandsaufnahme.
Lange Arbeitstage, wirtschaftliches Risiko, Ärger mit der Abrechnung, nervige
Patienten - das ist das Bild vom armen geknechteten Hausarzt. Dem steht aber
auch ein anderes gegenüber: ausserordentlich attraktives Berufsbild, Abwechslung,
Entfaltungsmöglichkeiten, hohe Arbeitszufriedenheit. Welche Beschreibung
für die allgemeinärztliche Tätigkeit stimmt denn nun?
Arbeitszeit gut mit Familie vereinbar
Wie ein Kollege seine eigene fachliche und wirtschaftliche Situation einschätzt,
hängt natürlich von der individuellen Einstellung ab. Unbestreitbar
jedoch haben Allgemeinmediziner unter den niedergelassenen Ärzten die höchste
Arbeitszufriedenheit, schreiben PD Dr. Jean- François Chenot von der
Abteilung Allgemeinmedizin der Universität Göttingen und sein in einer
Gemeinschaftspraxis in Kirchberg im Wald tätiger Kollege Dr. Wolfgang
A. Blank in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin.
Das Tätigkeitsbild
ist bunt: Patienten jeden Alters, jedes Geschlechts und in jedem Stadium einer
Krankheit müssen versorgt werden. Von Notfall-, Akut- und Langzeitversorgung
bis zu Prävention und Rehabilitation reicht die Palette. Die Allgemeinmedizin
ist im sportlichen Sinn der "Zehnkampf der Medizin", formulieren es
Dr. Chenot und Dr. Blank.
Zu der langen Reihe von Hausarzt-Pluspunkten zählen
neben der intensiven, langfristigen Arzt-Patienten-Beziehung die abwechslungsreiche
und breit gefächerte Tätigkeit, die intellektuelle Herausforderung
sowie die Möglichkeit, als selbstständiger Arzt sein Arbeitsumfeld
- trotz aller KV-Vorgaben - autonom zu gestalten. Wenn auch die Wahl dieses
Berufsweges eine Entscheidung fürs Leben mit langfristiger Ortsgebundenheit
darstellt, bietet zumindest der Beginn der Weiterbildung, die man in unterschiedlichen
Einrichtungen absolviert, hohe Flexibilität.
Sie erlaubt Unterbrechungen
aus persönlichen Gründen, Erziehungszeiten, Auslandsaufenthalte und
Wohnortwechsel. Die Autoren bezeichnen dies als eine Freiheit, die andere Fächer
kaum bieten. Auch insgesamt, meinen sie, liessen sich - v.a. bei der Entscheidung
für eine Gemeinschaftspraxis - Arbeitszeit und Belastung gut mit Familie,
Hobbys und Fortbildung vereinbaren.
Kommt, junge Kollegen, es lohnt sich!
Zur finanziellen Situation des Allgemeinmediziners sind die Angaben in der Presse
kontrovers. Während Ärzteverbände die Lage oft zu düster
darstellen, beschönigen die Krankenkassen die wirtschaftliche Situation
der Niedergelassenen.
Das mittlere Hausarzt-Einkommen ist in Deutschland mit
70 000 bis 100 000 Euro vor Steuer höher als das der Durchschnittsbevölkerung
und das von an Kliniken angestellten Fachärzten, jedoch niedriger als das
anderer niedergelassener Fachärzte (z.B. Augenärzte, Orthopäden).
Dabei spielen Standort, Mietkosten, Privatpatientenanteil, aber auch das betriebswirtschaftliche
Geschick eine wichtige Rolle für den Erfolg.
"Viele Ärzte haben
keine betriebswirtschaftliche Ausbildung und führen mit ihren Praxen trotzdem
florierende kleine Wirtschaftsuntenehmen
schreiben die Allgemeinmediziner. Banken und Wirtschaftsinstitute stellten zudem
bei Bedarf gute Berater zur Verfügung. Last, but not least lässt die
Ausbildung zum Allgemeinmediziner eine Reihe von Schlupflöchern offen.
Wer kein Hausarzt werden will, kann z.B. in Forschung und Lehre Karriere machen
- immerhin ist Allgemeinmedizin in Deutschland seit 2003 Hauptfach im klinischen
Studium. In Notfallambulanzen, Rehaeinrichtungen oder im nichtkurativen Bereich
(u.a. Versicherungen, Beraterfirmen, Pharmaindustrie) bestehen weitere Tätigkeitsfelder.
Und auch das Ausland lockt. Australien, Schweiz, Schweden und Grossbritannien
beispielsweise haben Interesse an Hausärzten. SK/cg
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