Tarif & Praxis
BASEL, 11. Dezember 2006
Arzneimittelmarkt Schweiz im Umbruch
Die Medikamentenpreise purzeln
Im ersten Halbjahr 2006 hat sich der Schweizer Arzneimittelmarkt rasant verändert. Der Generikamarkt legte massiv zu, die Preise der patentabgelaufenen Originalpräparate aber auch der Generika sinken, ein heftiger Preiskampf ist entbrannt. Nach anfänglich hohen Preisunterschieden hat sich der Preisabstand zwischen Originalen und Generika merklich verringert. Wie ist es zu dieser Wende gekommen und wie wirkt sie sich aus?
Seit Jahren stehen die Preise der Medikamente in der Schweiz im Fokus des allgemeinen Interesses. Während die Krankenkassen1 und der Preisüberwacher immer wieder das hohe Medikamentenpreisniveau in der Schweiz im Vergleich zum europäischen Ausland anprangern, liefert die Pharmaindustrie in regelmässigen Abständen Studien2, die beweisen sollen, dass so schlimm die Situation nicht sei. Doch in den ersten sechs Monaten dieses Jahres hat eine in ihrem Ausmass zuvor nicht erwartete turbulente Bewegung im Preisumfeld rezeptpflichtiger Medikamente stattgefunden.
Erstmals sinken die Medikamentenpreise
Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2005 verzeichnete der Arzneimittelmarkt Schweiz in der ersten Jahreshälfte ein erneut deutlich geringeres Wachstum von 1,4% (2005: + 2,9%) auf 2056 Milliarden Franken (zu Herstellerabgabepreisen).3
IMS Health prognostiziert für das Jahr 2006 eine Stagnation bis einen leichten Rückgang des Marktes, während weltweit nach wie vor ein solides Marktwachstum von 5 bis 6% erwartet wird. Massgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen hat die „überfallartige“ Einführung des differenzierten Selbstbehaltes, die zu einer massiven Ausweitung des Generikamarktes geführt hat. Hinzu kommen die Preissenkungen für nicht mehr patentgeschützte Originalpräparate sowie freiwillig vorweggenommene Preisreduktionen durch die Originalhersteller, um im Markt patentabgelaufener Medikamente mit den Generikafirmen konkurrieren zu können. Erstmals seit Einführung des KVG gingen damit in der Schweiz die durchschnittlichen Medikamentenpreise zurück. Zudem verharrt das Volumen verkaufter Medikamente auf praktisch stabilem Niveau.
Rückblick auf die Auslöser
Im Herbst 2005 unterzeichnete die Pharmaindustrie (inkl. Generikafirmen) mit dem BAG ein Protokoll4 zur Kostendämpfung bei älteren Medikamenten – ohne dabei den Forschungsplatz Schweiz schwächen zu wollen. Ziel war es, eine Einsparung von 250 Millionen Franken zu erzielen. Bis zum Inkrafttreten des Protokolls führte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei den Originalpräparaten drei Preisüberprüfungen durch (bei SL-Aufnahme, nach zwei Jahren seit Aufnahme in die SL und nach Patentablauf oder nach 15 Jahren seit Aufnahme in die SL). Die Generika müssen nach Patentablauf des Originals 30% günstiger sein.
Im Protokoll wurde u.a. neu vereinbart, dass die Medikamentenpreise – zusätzlich zu diesen drei Preisüberprüfungen – innerhalb von zwei Jahren einem weiteren Auslandpreisvergleich unterzogen werden („15+2“). Nach diesem neuerlichen Auslandpreisvergleich („15+2“) haben Generika mindestens 15% günstiger zu sein als das Originalpräparat.
Zusätzliche Preissenkungen
Zusätzlich zu den vereinbarten neuen Preisüberprüfungsmodalitäten wurden im Sinne der angestrebten Kostendämpfung zwei spezielle Preissenkungsrunden vereinbart. In einem ersten Schritt, der am 1. April vollzogen wurde, mussten sich sämtliche Originalpräparate, die nach 1990 in die SL aufgenommen wurden, dem Auslandpreisvergleich unterziehen. Dies führte zur ersten Preissenkungsrunde, in der auch die Preise der Generika nach unten angepasst wurden. Die Preise dieser Medikamentenkategorie werden innerhalb der folgenden 24 Monate erneut überprüft („15+2“), wobei die Generika dann mindestens 15% günstiger sein müssen. Die zweite Preissenkungsrunde vom 1. Juli 2006 betrifft die Originalpräparate, die vor 1990 in die SL aufgenommen wurden und sich einem Auslandpreisvergleich unterziehen mussten. Für Generika gilt hier, dass sie dann mindestens 15% billiger sein müssen.
Selbstbehalt führte
zu Turbulenzen
Kaum war das Protokoll zwischen BAG und Pharmaindustrie unterzeichnet, sah sich der Gesundheitsmarkt mit einer neuen Situation konfrontiert. Bundesrat Pascal Couchepin kündigte die Einführung einer staatlichen Generikaförderung an, den „differenzierten Selbstbehalt“.
Noch bevor die genauen Modalitäten bekannt wurden, reagierte der Markt in nie da gewesener Schnelligkeit. Mangels näherer Angaben herrschte zwar weit herum Unklarheit, was für die Verschreibung von generikafähigen Originalpräparaten genau gilt. Die Ärzte begannen dennoch – um einem allfälligen Ärger mit Patienten aus dem Weg zu gehen – sofort mit der Umstellung auf Generika. Viele Spitäler führten konsequent Generika ein, und die Apotheken substituierten fleissig, da auch die Patienten vermehrt Generika verlangten. Dies alles, um einem höheren Selbstbehalt von 20% zu entgehen und nicht nachsehen zu müssen, ob nun beim Medikament der tiefe oder hohe Selbstbehalt gilt, obwohl noch keine Krankenkasse bis Ende März 2006 überhaupt in der Lage war, den differenzierten Selbstbehalt anzuwenden.
Die Originalhersteller wurden überrumpelt
Die Hersteller von patentabgelaufenen Originalpräparaten mussten zusehen, wie ihre Umsätze plötzlich einbrachen. Umsatzeinbrüche von 50% waren an der Tagesordnung. Als klar wurde, dass die Originalhersteller durch freiwillige Preissenkungen ihre patentabgelaufenen Originalprodukte auf Generikaniveau senken konnten und damit für sie ebenfalls nur der Selbstbehalt von 10% gilt, begann zusätzlich zu den vereinbarten Senkungsrunden der Reigen zusätzlicher freiwilliger Preissenkungen.
Die systematische Generikaförderung bewirkte ein Ansteigen des Anteils der Generika am generikafähigen Markt auf 32,9% (2005: 19,9%). Die Zunahme betrug im ersten Halbjahr +61,5%. Gleichzeitig reduzierte sich der Umsatz der patentabgelaufenen Originalmedikamente mit Generikakonkurrenz im ersten Halbjahr 2006 im Vergleich zum Vorjahr um etwa die Hälfte.
Noch nie erlebte Preissenkungen
Mit der Einführung des differenzierten Selbstbehaltes wurde nicht nur ein Anreiz für den vermehrten Einsatz von Generika gesetzt. Sie hatte auch zur Folge, dass nun erstmals Pharmafirmen (Originalhersteller wie auch Generikafirmen) ihre Medikamentenpreise freiwillig senkten, um im Markt bestehen zu können.
Die richtigen Anreize für mehr Wettbewerb führen offenbar schneller und wirksamer zu Preissenkungen als staatliche Eingriffe. Inzwischen werben viele Firmen damit, dass für ihr Gesamtsortiment der 10%ige Selbstbehalt gelte und sich somit eine Umstellung auf Generika nicht lohne. Die Preissenkungen bei den Originalen führt dazu, dass die Preisunterschiede zum Generikum tendenziell schrumpfen. Es gibt sogar Fälle, in denen das Original deutlich billiger ist als das günstigste Generikum.
Keine Prämienreduktion
Das rückläufige durchschnittliche Preisniveau für alle Medikamente wirkte sich auch auf die Entwicklung des verschreibungspflichtigen Arzneimittelmarktes aus. Das Wachstum (+0,3%) schwächte sich ab (Apotheken –0,6%, Praxisärzte +2,6%).
Doch wer erwartet hat, dass es dank Preissenkungen zu einer deutlichen Senkung der Medikamentenkosten bei den Krankenkassen und in der Folge gar zu einer Prämienreduktion kommt, sieht sich eines besseren belehrt. Nach wie vor ist im ersten Halbjahr 2006 eine – wenn auch nur leichte – Zunahme von 2,1% bei den Medikamentenkosten der Krankenkassen zu verzeichnen. Diese sei, laut Mitteilung3 der Pharmaindustrie, auf die Einführung neuer, hochwirksamer Medikamente zurückzuführen. Hier sind wohl die neuen Onkologika gemeint, die auch für den Zuwachs von 7,5% im Spitalmarkt verantwortlich sein dürften.
Zu den grossen Verlierern im Pharmamarkt zählen die Hersteller grosser, umsatzträchtiger Präparate, deren Patent kürzlich abgelaufen ist. Auch wenn deren Preise inzwischen gesenkt wurden oder noch werden – viele Leistungserbringer dürften ihre Sortimente bereits auf Generika umgestellt haben und nicht so schnell bereit sein, erneut alles zu ändern. Zu den Gewinnern zählen nebst den Generikafirmen die Hersteller von patentgeschützten, innovativen neuen Medikamenten und die Krankenkassen. Ob die anvisierten 250 Millionen – oder gar mehr – wirklich eingespart werden können, bleibt abzuwarten. AWF
1www.santesuisse.ch/datasheets/files/200606090753440.PDF
2www.interpharma.ch/de/1901.asp
3Arzneimittelmarkt Schweiz erstes Halbjahr 2006; Mitteilung Interpharma, vips, SGCI Juli 2006; Zahlen von IMS Health
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