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Tarif & Praxis


BERN, 6. Februar 2007

Der neue BAG-Vizedirektor Dr. Peter Indra

"Ich kenne die Sorgen und Nöte der Grundversorger"

Der neue Vizedirektor Dr. Peter Indra trat sein Amt als Leiter des Direktionsbereiches Kranken- und Unfallversicherung (KUV) am 1. September 2006 im Bundesamt für Gesundheit (BAG) an. Wie er die ersten vier Monate erlebt hat, welche Ziele er sich gesetzt hat und welche Projekte im BAG anstehen, verrät er im Gespräch mit Medical Tribune.

Medical Tribune: Herr Dr. Indra, was hat Sie zum Wechsel ins BAG bewogen?
Dr. Indra: Schon seit einiger Zeit wollte ich auf nationaler Ebene tätig und vermehrt auch in politische Prozesse eingebunden sein. Die Leitung des Direktionsbereiches KUV ist ein Dreh- und Angelpunkt, der meiner Idealvorstellung eines Knotenpunktes nahe kommt. Ich glaube, an dieser wichtigen Stelle am meisten in unserer Landschaft Gesundheitswesen bewegen zu können.

Wie haben Sie die ersten Monate erlebt?
Dr. Indra: Die Amtsübernahme, d.h. die Personalführung und der Organisationsbedarf, haben mich sehr beschäftigt. Mir war es wichtig, die Mitarbeiter aller Sektionen persönlich kennen zu lernen. Das hat etwa die Hälfte meiner Zeit beansprucht.Daneben habe ich mich in die verschiedenen Dossiers eingearbeitet. Diese betrafen z.B. die Begleitung der Parlamentsdebatten bei den KVG-Beratungen zur Spitalfinanzierung, den Risikoausgleich, das Managed-Care-Dossier und Medikamentenfragen. Parallel zum Tagesbetrieb beanspruchten mich auch Themen, die mit anderen Stellen des BAG vernetzt sind, wie z.B. Medizinalberufegesetz, Spitzenmedizin, Tarmed-Revision der Radiologietarife, DRG-Einführung im Spital und Apothekenabgeltung LOA III. Schliesslich benötigen die parlamentarischen Initiativen wie Einheitskasse oder die SVP-Initiative für günstige Krankenkassenprämien meine Aufmerksamkeit.

Wie gehen Sie mit den divergierenden Ansprüchen der Akteure im Gesundheitswesen um und welche Ziele verfolgen Sie?
Dr. Indra: In meiner Vergangenheit habe ich, so auch im Managed-Care-Bereich, hautnah erfahren, dass sich Bewegungen über richtige Anreize erzielen lassen und nicht in erster Linie über Druck. Lösungen sollten also weniger via Legiferierung und über Strukturmassnahmen erzielt werden als vielmehr über das Setzen von richtigen Anreizen. Die Richtung unseres Gesundheitswesens muss aber die Politik festlegen. Tragfähige Lösungen sollten gemeinsam mit den Betroffenen erarbeitet werden. Ich suche das Gespräch und diskutiere die Themen hart aber fair aus. Danach entscheide ich und kommuniziere offen, aufgrund welcher Kriterien entschieden wurde. Die „Verlierer“ können Entscheide besser akzeptieren, wenn diese transparent gemacht werden. Wenn es aber um Sparbemühungen geht, müssen sich alle Akteure bewusst sein, dass irgendwo Einkommen weggenommen wird.
Der „Praxistauglichkeit“ von getroffenen Massnahmen sollte genügend Beachtung geschenkt werden: Was lösen die neuen Spielregeln aus und welche Begleitmassnahmen sind notwendig? Gleichzeitig braucht es aber auch Rahmenbedingungen (z.B. Qualitätskriterien). Das ist zwar mit administrativem Aufwand verbunden, doch wir müssen dafür sorgen, dass dieser für Leistungserbringer verhältnismässig ist. Es wird z.B. zu prüfen sein, ob man nicht vermehrt mit automatisch erhobenen Daten arbeiten kann. Hier wird die vom Bundesrat genehmigte E-Health-Strategie eine wichtige Rolle spielen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Grundversorger und welche Massnahmen braucht es zu deren Stärkung?
Dr. Indra: Die Grundversorgung ist und bleibt ein zentraler Pfeiler der Medizin in der Schweiz. An der Arbeitstagung zur nationalen Gesundheitspolitik sind viele Vorschläge zur Stärkung der Grundversorgung gemacht worden. Der Dialog ist im Gang, regelmässige Treffen sind geplant, Bund und Kantone sind involviert.
Man wird sich aber überlegen müssen, wie in Zukunft eine sinnvolle Behandlungskette aufgebaut sein sollte, damit die Grundversorgungsleistung am richtigen Ort und kostengünstig erbracht wird. Heute geschieht das zum Teil eher zufällig. Was in der Grundversorgung gemacht werden kann, sollte nicht im Zentrumsspital behandelt werden. Das bedingt aber eine optimale horizontale und vertikale Vernetzung. Für viele junge Mediziner dürfte in Zukunft bei der Grundversorgung die Gruppenpraxis im Vordergrund stehen, was zu einer besseren Lebensqualität der Ärzte und auch zu einer erhöhten Patientensicherheit führt. Schliesslich wird man auch überlegen müssen, wer als Grundversorger welche Aufgaben übernehmen kann und ob diese immer von Ärzten erbracht sein müssen. Für eine gute Grundversorgung in der Peripherie müssen aber wohl Anreizsysteme geschaffen werden. Hier sind die Kantone gefordert.

Wie steht es mit der Überarbeitung des Leistungskatalogs? Sind Streichungen vorgesehen?
Dr. Indra: Die Überarbeitung des Leistungskatalogs ist eine permanente Aufgabe und kein punktuelles Programm. Bestehende wie auch neue Leistungen werden danach beurteilt, ob die WZW-Kriterien erfüllt sind. Man geht auch themenspezifisch vor. Eine grosse Hilfe können hier europäische und internationale Beurteilungen von anderen Kompetenzzentren bieten, auf die man sich abstützen kann. Die neue Regelung im Bereich Psychotherapie ist Anfang 2007 in Kraft getreten. Bei der Rehabilitation sollen die Kostengutsprache-Prozesse nach einheitlichen Kriterien erfolgen. Bei den Medikamenten ist eine Revision der Spezialitätenliste geplant. Auch die Preispolitik bei Arzneimitteln ist nach wie vor ein Thema.

Wie stehen Sie zu den Initiativen „Einheitskasse“ und „Ja zur Komplementärmedizin“?
Dr. Indra: Zur Einheitskasseninitiative hat der Bundesrat eine ablehnende Haltung eingenommen. Es braucht eine wettbewerbliche Situation auch unter den Krankenkassen. Ohne sie hätten wir heute nicht diese breit gefächerten Managed-Care-Modelle. Die Kosten für den Mittelstand werden bei der vorgeschlagenen Einheitskasse wegen der einkommensabhängigen Prämien nicht mehr sozialverträglich sein. Für die Ärzteschaft ist es sicherlich ebenfalls besser, nicht einem Monopolisten ausgesetzt zu sein. Die Initiative zur Komplementärmedizin beinhaltet Forderungen, die viel zu weit gehen.

Wie stellen Sie sich das Schweizer Gesundheitswesen in zehn Jahren vor?
Dr. Indra: Eine vertikale und horizontale Vernetzung, definierte Patientenpfade und ein Zusammenspiel der Involvierten werden zu einer Optimierung der Abläufe im ambulanten und stationären Bereich führen. Die zukünftigen Leistungen werden bedarfsgerecht erbracht, d.h. die richtige Leistung am richtigen Ort und in einer guten Qualität. Schliesslich kommt es zur Bildung von Kompetenzzentren. Die Patienten erhalten zudem mehr Transparenz über die zu erwartenden Resultate (Berichte über die Behandlungsqualität).

Welche Botschaft möchten Sie unseren Lesern mitgeben?
Dr. Indra: Ich war als Arzt sowohl auf dem Land wie auch im Spital tätig und kenne die Sorgen und Nöte der Grundversorger. Zudem kann ich mich gut in die Rolle meines Gegenübers versetzen und verstehen, wo das Problem liegt. Ich freue mich auf die Schaffung von konstruktiven Lösungen für unser Gesundheitssystem.

Interview: Alexandra Werder





 
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