"Volksinitative erzeugt Druck auf Parlament und Regierung"
Medical Tribune: Sinn und
Zweck der Hausarzt-Initiative ist letztlich eine Aufwertung des eigenen Berufsstandes.
Mit einem Verfassungsartikel haben die Ärzte aber noch nichts in der Hand.
Was soll dieser Verfassungsartikel konkret auslösen?
Dr. Enz: Die Idee für die Volksinitiative basiert auf der Überzeugung,
dass die Hausärztinnen und Hausärzte das gleiche Interesse an einer
optimalen Hausarztmedizin haben wie ihre Patientinnen und Patienten. Die Volksinitiative
ist unter anderem ein Mittel, die Diskussion über die Zukunft unseres nach
wie vor sehr guten Gesundheitswesens, und dabei insbesondere der Hausarztmedizin,
in die Öffentlichkeit zu tragen. Damit soll der Druck auf das Parlament
und die Regierung erhöht werden, die anstehenden Probleme anzupacken und
die längst nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich die Hausarztmedizin
in ihrem veränderten Umfeld behaupten, und vor allem auch weiter entwickeln
kann.
MT: Mit dem Verfassungsartikel möchten die Ärzte auch bessere finanzielle
Rahmenbedingungen erreichen. Ist/wäre das aber nicht in erster Linie ein
Thema für die Sozialpartner? Warum versucht man dieses Ziel nicht über
TARMED-Verhandlungen zu realisieren?
Dr. Enz: Wir wollen kein Mittel ungenutzt lassen, um die uns gebührende
Anerkennung auch in finanzieller Hinsicht zu erlangen. Nicht zuletzt von politischer
Seite haben wir immer wieder verbale Unterstützung erhalten. Endlich müssen
Taten folgen. Wir sind aber auch bei den Tarmed-Verhandlungen aktiv, um die
finanziellen Rahmenbedingungen für die Hausarztmedizin entsprechend ihrer
zentralen Position im Gesundheitswesen und ihrem umfassenden Leistungsauftrag
zu verbessern. Mit der neuen Position "Besuchsinkonvenienzpauschale"
und der Wiederaufwertung der NF-Inkonvenienzen haben wir per 01.03. 2009 einen
Teilerfolg erreicht. Weitere Möglichkeiten sehen wir im Projekt "TARMED
2010", der umfassenden Revision von TARMED, welche aber aktuell bei TARMED
Suisse blockiert ist.
MT: Die Hausarztmedizin soll laut der Initiative für alle "zugänglich,
fachlich umfassend und qualitativ hochstehend sein". Ist das heute nicht
bereits der Fall?
Dr. Enz: Da kann ich Ihnen nur recht geben! Das Problem aber ist der in bestimmten
Regionen der Schweiz bereits vorherrschende und sich rasch ausbreitende Hausärztemangel.
Es braucht eine zielgerichtete Aus- und Weiterbildung, attraktivere Rahmenbedingungen
sowie neue Arbeitszeitmodelle und neue Formen der Zusammenarbeit, wenn wir auch
in Zukunft über eine qualitativ hervorragende Hausarztmedizin verfügen
wollen.
MT: Sind Sie auch der Meinung gewisser Fachleute, die sagen, das Hausarzt-Modell
sei letztlich ein Auslaufmodell? Dieser Beruf habe nur im Rahmen einer stärkeren
Vernetzung (Gemeinschaftspraxen) eine Zukunft?
Dr. Enz: Es gilt zu unterscheiden zwischen der Hausarztmedizin und den Modellen
der Berufsausübung. Ich zweifle persönlich keinen Moment, dass die
Hausarztmedizin auch in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen wird. Sie begleitet
die Menschen von der Geburt bis zum Tod, verfügt über das Spezialwissen
bei der Behandlung alter und mehrfachkranker Menschen und weist in ihren Leistungen
eine sehr hohe Kosteneffizienz auf. Die Veränderung sozialer Strukturen
und Lebensformen, aber auch die Wertehaltung und das berufliche Selbstverständnis
der neuen Ärztegeneration erfordern neue Formen der Zusammenarbeit. Mit
der Initiative wollen wir auch dafür die entsprechenden Voraussetzungen
schaffen. Interview: Markus Sutter
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