Couchepins Praxisgebühr
Die Entrüstung bei Ärzten und Patienten wächst immer mehr
BERN - Bundesrat Pascal Couchepin (FDP) hat einen schweren Stand: Seine Vorschläge
zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen sind bei Parteien und Interessensvertretern
weitgehend auf Granit gestossen. Einen Sturm der Entrüstung löste
im ganzen Land vor allem die geplante Neueinführung einer 30- fränkigen
Praxisgebühr aus. Zu den vehementesten Kritikern zählt diesbezüglich
die Ärzteschaft.
Die FMH lehnt die Zusatzbelastung
für Patienten genauso ab wie die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeinmedizin
(SGAM). Ob der Bundesrat mit seinem Gesetz durchkommt, ist alles andere als
sicher. Im Herbst wird sich das Parlament mit der Vorlage beschäftigen.
Referendumsdrohungen liegen bereits in der Luft. Pascal Couchepin weht wieder
einmal ein kalter Wind um die Ohren.
Das zeigte sich kürzlich an einem
Hearing, zu dem der Bundesrat geladen hatte. Parteien und Verbände durften
ihre Meinung zu diversen Kostensenkungsmassnahmen im Gesundheitswesen äussern.
Die meisten Vorschläge wurden arg zerpflückt. Für die grösste
Aufregung hatte schon im Vorfeld die neu geplante Gebühr für ambulante
Behandlungen in Arztpraxen sowie Ambulatorien gesorgt. Nach der Vorstellung
des Gesundheitsministers sollen alle Patienten mit Ausnahme von Kindern (bis
18 Jahre) sowie schwangere Frauen und Bezüger von Ergänzungsleistungen
vom ersten bis sechsten Arztbesuch innerhalb eines Jahres eine Gebühr von
jeweils 30 Franken errichten.
Per Saldo findet eine Umverteilung der Kosten
von den Krankenkassen zulasten der Patienten statt. Solange die individuelle
Franchise-Höhe nicht erreicht ist, ändert sich für Arztbesucher
nichts, ebensowenig nach der 7. Konsultation im gleichen Jahr. Dazwischen -
also bis zum 6. Arztbesuch pro Jahr - wird der Patient gemäss Vorlage jedoch
stärker als heute zur Kasse gebeten. Peter Indra vom Bundesamt für
Gesundheit macht aber darauf aufmerksam, dass die ärztliche Behandlung
durch die Gebühr nicht teurer wird.
Der Arzt müsse die 30 Franken
später von der Rechnung wieder abziehen. Ausgedeutscht: Von den 30 Franken
Praxisgebühr erhält der behandelnde Arzt keinen Cent. Couchepins Vorschlag
bekam durchs Band schlechte Noten. Da die Gebühr an den Selbstbehalt angerechnet
werde, bringe sie anstelle zusätzlicher Einnahmen bloss einen höheren
administrativen Aufwand, moniert etwa Felix Gutzwiller, FDP.
Ständerat und von Beruf selbst Arzt. Würde Couchepin die Gebühr
jedoch so ausgestalten, dass sie den Patienten zusätzlich belastet, käme
der Bundesrat mit den Schweizerischen Patientenstellen in Clinch. Vorsorglich
wird von dieser Seite bereits mit einem Referendum gedroht. Ärztliche Standesorganisationen
wie die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeinmedizin sowie die FMH
melden ebenfalls grosse Bedenken an.
Als "nicht angemessen" bezeichnet
FMH-Präsident Jacques de Haller die geplante Gebühr und spricht auch
von einem "administrativen Dinosaurier". Laut Angaben der FMH sind
Personen mit einem tieferem Einkommen zudem überdurchschnittlich stark
betroffen. "Es ist erwiesen, dass gerade sie häufiger krank sind als
Personen mit mittlerem und höherem Einkommen", heisst es in einem
FMH-Statement im Anschluss an die Tagung mit Couchepin. Im Weiteren bestehe
die Gefahr, dass ein Arzt aufgrund der Gebühr zu spät aufgesucht werde,
befürchtet die FMH.
"Damit verstreicht wertvolle Zeit für die Behandlung, und das generiert
entsprechend Mehrkosten." Und schliesslich wirft diese Organisation auch
die praktische Frage auf, wie denn vorzugehen sei, wenn ein Patient die Gebühr
nicht bezahlen könne oder wolle. "Soll der Arzt dann die 30 Franken
pro Patient selbst bezahlen, damit er die bundesrätliche Vorschrift einhält
und sich nicht etwa einer Unterlassung strafbar macht?" Auch bei Ärztenetzwerken
kommt die Praxisgebühr schlecht an.
Sie führe nur zu teuren Folgekosten,
beklagt sich der Präsident des Verbandes der Ostschweizer Ärztenetzwerke,
Roman Buff. Um Kosten im Gesundheitswesen zu sparen, sei der Ausbau von Netzwerken
und Hausarztmodellen sinnvoller. Und last but not least folgt ein Verriss der
Praxisgebühr in einem Forumsbeitrag (St.Galler Tagblatt) von Prof. Dr.
André Gächter, Facharzt FMH für Orthopädische Chirurgie.
Schon
in Deutschland habe sich die Praxisgebühr nicht bewährt, sondern lediglich
dazu geführt, dass "Patienten direkt zum Spezialisten rennen und der
Hausarzt noch mehr in die Ecke gedrängt wird". Doch allem Widerstand,
selbst bei der FDP, zum Trotz: Pascal Couchepin hat nicht vor, auf seinen Entscheid
zurückzukommen.
Der Bundesrat bezwecke, mit der Taxe die Selbstverantwortung
der Patienten zu stärken. Diese sollen nicht wegen jeder Bagatelle zum
Hausarzt rennen oder die Notfallstation aufsuchen, fordert Couchepin und will
deshalb einen Negativanreiz setzen. Selbst wenn die Praxisgebühr ins revidierte
Gesetz einfliessen sollte, hat der Gesundheitsminister aber noch nicht gewonnen.
Sowohl das Parlament wie auch das Volk (Referendum) können dem Vorhaben
noch einen Strich durch die Rechnung machen. Sollte Couchepin dagegen reüssieren,
dürfte das Gesetz Anfang 2010 in Kraft treten. Markus Sutter