Mehr als nur Blutdrucksenker
Was Sartane sonst noch können
DAVOS - Dass man mit Angiotensin- II-Antagonisten den Blutdruck senken kann
und dass sie sich bei der endothelialen Dysfunktion vorteilhaft auswirken, ist
bekannt. Dass in dieser Substanzklasse aber noch anderes überraschendes
Potenzial steckt, erklärte Professor Dr. Thomas Unger, Direktor des Instituts
für Pharmakologie, Charité Berlin.
"Die Sartane wurden entwickelt, um den AT1-Rezeptor zu blockieren und den
Blutdruck zu senken, und alle erledigen ihren Job sehr gut," sagte Prof.
Unger. Doch die Angiotensin- II-Antagonisten sind nicht alle gleich und unterscheiden
sich zum Teil deutlich in ihrer Pharmakokinetik. Telmisartan zum Beispiel hat
mit ca. 24 Stunden eine deutlich längere Halbwertszeit als die anderen
Angiotensin-II-Antagonisten. "Telmisartan hat auch eine hohe Affinität
zum AT1-Rezeptor und kann aufgrund seiner lipophilen Eigenschaft sehr gut Membranen
penetrieren und das wohl auch im Gehirn", wie Prof. Unger bemerkte.
Die
unterschiedliche Pharmakokinetik der Sartane führt dazu, dass die Dissoziations-Halbwertszeiten
am Rezeptor unterschiedlich lang sind: In einer Studie untersuchten Kakuta et
al.1 die Dissoziationsrate verschiedener Angiotensin-II-Antagonisten
am AT1-Rezeptor in vitro. Telmisartan zeigte darin eine sehr lange HWZ (213
min), gefolgt von Olmesartan (166 min), Candesartan (133 min) Valsartan (70
min) und Losartan (67).
Damit hat Telmisartan unter den untersuchten Substanzen
die stärkste Bindungsaffinität zum AT1- Rezeptor, verbunden mit einer
langanhaltenden blutdrucksenkenden Wirkung.
Prof. Unger hält diese pharmakologischen Eigenschaften für klinisch
relevant und belegte dies anhand eines Vergleichs2: In einer mehrwöchigen
Doppelblindstudie hatten die Probanden entweder 80 mg/d Telmisartan oder 160
mg/d Valsartan erhalten.
In den letzten sechs Stunden des 24-Stunden-Dosisintervalls
war sowohl der systolische als auch der diastolische Blutdruck unter ersterem
signifikant niedriger. "Der blutdrucksenkende Effekt spielt besonders in
den frühen Morgenstunden eine Rolle", so Prof. Unger.
Haben Sartane auch eine neuroprotektive Wirkung?3 Einiges spricht
dafür: Das Gehirn von Säugern besitzt alle Komponenten des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems).
Während der AT1-Rezeptor verantwortlich für die klassischen Angiotensin-II-Wirkungen
ist, wie Blutdruckkontrolle, Durst, endotheliale Dysfunktion etc., kommt der
AT2-Rezeptor in geringer Dichte vor und wird bei verschiedenen Krankheitsbildern
hochreguliert. Der AT2-Rezeptor spielt offensichtlich nicht nur bei Mechanismen,
die mit dem Schlaganfall zusammenhängen, eine Rolle, sondern auch bei postischämischen
Gehirnschäden.
Dieser Rezeptor ist in die Regulation verschiedener Funktionen der Nervenzellen
involviert, wie z.B. beim Ionenfluss, bei der Zelldifferenzierung, der neuronalen
Geweberegeneration und beim programmierten Zelltod. Prof. Unger hält es
für möglich, dass die Blockade des AT2-Rezeptors die Schlaganfallinzidenz
und den Schweregrad von Schlaganfällen günstig beeinflussen könnte.
Auch bei der Entwicklung eines Aortenaneurysmas spielt das RAAS offensichtlich
eine Rolle4.
Vermutlich spielt das RAAS nicht nur eine Schlüsselrolle
bei der Atherosklerose, sondern auch bei der Aktivierung der Transition von
der Atherosklerose zum Aneurysma, erklärte der Experte.
Wir wissen heute, dass in atherosklerotischem Gewebe alle Komponenten des RAAS
bis auf den AT2-Rezeptor hochreguliert sind und beim Aortenaneurysma die Konzentrationen
noch höher als bei der Atherosklerose sind. Hier bietet sich noch eine
mögliche Indikation für den Einsatz von Sartanen.
Die AT1-Blockade
und die ACEHemmung haben auch einen Einfluss auf die Insulinempfindlichkeit.
Prof. Unger zitierte Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass durch ACE-Hemmer
oder Angiotensin- II-Antagonisten die Inzidenz von Typ-2-Diabetes bei Patienten
mit arterieller Hypertonie oder Herzinsuffizienz signifikant reduziert wurde.5
Dabei war der Effekt von ACE-Hemmer oder Sartan gleich. Etwaige Kombinationen
mit Plazebo, Beta-Blocker, Diuretikum oder Amlodipin hatten keinen Einfluss
auf die Insulinempfindlichkeit.
Die Mechanismen, die dieser protektiven Wirkung
zu Grunde liegen, sind komplex und noch nicht geklärt. Sie beeinflussen
wahrscheinlich sowohl die Insulinempfindlichkeit als auch die Sekretion. Aber
damit noch nicht genug, Prof. Unger präsentierte noch eine weitere Überraschung.
In einer kleinen Studie konnten japanische Wissenschafter zeigen, dass Telmisartan
einen Einfluss auf die viszerale Fettverteilung hat.6 Das Sartan
ist ein partieller Agonist von PPARgamma, einem Schlüsselregulator der
Adipozyten-Differenzierung und -funktion.
Die Japaner verglichen Hypertoniker,
die Amlodipin oder Telmisartan bekamen. Nach 24 Wochen war der Blutdruck in
beiden Gruppen gesenkt. Die Glukose- und Insulinspiegel konnten aber nur im
Sartan-Arm gesenkt werden. Mittels Computertomografie wurde das Bauchfett gemessen.
Auch hier konnte eine Reduzierung nur in der Sartan-Gruppe gezeigt werden. Das
subkutane Fett war in beiden Gruppen unverändert. Pow
1Kakuta H et al., Int J Clin Pharmacol Res, 2005;25(1):41-46
2Lacourcière Y et al., Bood Press Monit. 2004;9(4):203-210
3Wilm H et al., A J Cardovasc Drugs, 2005;5(4):245-253
4Kaschina E et al., Atheroscerosis 2009 Jan 13
5Scheen AJ et al., Diabetes Metab. 2004;30(6):487-496
6Shimabukuro M et al., J Hypertension 2007;25(4):841-848
+von Boehringer Ingelheim und Bayer Healthcare unterstütztes Satellitensymposium
"Telmisartan: Standing out in a Crowded Contest", anlässlich
des Cardiology Update 2009
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