Roundtable Medical Tribune
Direkte Reninhemmung in der Praxis
DAVOS - Die Hemmung der Renin-Angiotensin-Aldosteron- Kaskade direkt an der
Quelle mit einem Reninhemmer ist eine Innovation in der Behandlung der Hypertonie.
Die bisher verfügbaren ACE-Hemmer und Angiotensin II Typ1 (AT1-)-Rezeptorblocker
greifen in dieser Kaskade erst weiter unten ein. Wie mit dem direkten Reninhemmer
Aliskiren umgegangen werden muss und wo dieses neue Medikament seinen Platz
hat, diskutierten am Medical Tribune Roundtable anlässlich des Cardiology
Update, die beiden Kardiologen vom USZ Professor Dr. Thomas F. Lüscher,
Professor Dr. Georg Noll und der Internist Professor Dr. Jürg Nussberger
vom CHUV Lausanne .
MT: Seit Kurzem ist mit
Aliskiren der erste Vertreter einer neuen Klasse von Antihypertensiva zugelassen
worden. Welche Entwicklungsgeschichte steckt hinter dieser Innovation?
Prof. Nussberger: Bereits in den 70er Jahren wurde der Einfluss des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems
(RAAS) auf den Blutdruck intensiv erforscht, insbesondere die RAAS-Hemmung.
Es lag nahe, die Hemmung der obersten Stufe dieser Kaskade, das Renin, inhibieren
zu wollen. Dabei wurden diverse Reninhemmer getestet, seit Ende der 90er Jahre
dann das jetzt erhältliche Aliskiren. Die ACE-Hemmer und Angiotensin- II-Rezeptorblocker
(ARB) waren eigentlich Ersatzlösungen für die sehr lange nicht erfolgreich
gelöste Reninhemmung.
Wodurch unterscheidet sich der Wirkmechanismus eines Reninhemmers von dem
anderer Antihypertensiva- Klassen?
Prof. Nussberger: Renin ist das Schrittmacherenzym des RAAS. Renin wirkt
auf ein mikromolares Substrat, d.h. auf eine sehr viel grössere Substratkonzentration
als es beispielsweise ein Angiotensin-Converting- Enzyme (ACE) tut. Dieses wirkt
auf ein picomolares Substrat.
Prof. Lüscher: Der Unterschied liegt auch noch darin, dass die Angiotensinbildung
redundant ist und neben ACE andere Enzyme aktiv sind. Die ACE-Hemmung interferiert
auch mit dem Bradykininsystem, ist also weniger spezifisch. Bei der Familie
der Angiotensin-II-Rezeptoren weiss man nicht so genau, was mit dem freien Angiotensin
II passiert, wenn man nur den AT1-Rezeptor hemmt und ob dann AT2- oder weitere
Rezeptoren aktiviert werden. Von daher ist konzeptionell gesehen, die Reninhemmung
eigentlich die selektivste Hemmung des RAAS-Systems.
Wenn man von Plasmareninaktivität redet, was meint man damit?
Prof. Nussberger: Die Plasmareninaktivität gibt darüber Auskunft,
wieviel Angiotensinogen durch Renineinfluss in Angiotensin I umgewandelt wird.
Prof. Lüscher: Das Renin ist ein Enzym, bei welchem nicht die Konzentration,
sondern die Aktivität interessiert.
Ist die blutdrucksenkende Wirksamkeit einer direkten Reninhemmung vergleichbar
mit ACE-Hemmern oder ARB?
Prof. Noll:
Was man sagen kann, ist, dass alle Antihypertensiva etwa vergleichbar den Blutdruck
senken. Auch die Responderrate ist vergleichbar. Was jedoch auch von enormer
Bedeutung ist, ist die Verträglichkeit. Der heute verfügbare Reninhemmer
ist in den erhältlichen Dosen mindestens ebenso wirksam wie handelsübliche
ACE-Hemmer und ARB und dabei sehr gut verträglich, vergleichbar mit den
ARB.
Prof. Lüscher: Überraschend dabei ist, dass die Kombination
von Valsartan zum Reninhemmer noch eine zusätzliche Blutdrucksenkung gebracht
hat. Die komplettere Hemmung des RAAS durch die Kombination ist ein klinisch
interessanter Befund.
Wirkt Aliskiren länger als 24 Stunden?
Prof. Noll: Aliskiren hat eine Halbwertszeit von 40 Stunden und wirkt
mindestens 24 Stunden adäquat. Bis auf Amlodipin hat eigentlich kein anderes
Antihypertensivum eine Wirkdauer von mehr als 24 Stunden, weder die handelsüblichen
ACE Hemmer noch die ARB.
Prof. Nussberger: Aliskiren wirkt nach 24 Stunden noch zu 90 %, andere
Antihypertensiva vielleicht noch zu 50 %. Eine derart stark reduzierte Hemmung
ist möglicherweise dann nicht mehr genügend, wenn beispielsweise frühmorgens
die sympathikusinduzierte Druckerhöhung von 30 mmHg und mehr einsetzt.
Prof. Lüscher: Eine Halbwertszeit von über 24 Stunden erfordert
eine nur einmal tägliche Gabe. Andererseits muss man sich vergegenwärtigen,
dass es fünf Halbwertszeiten lang dauert, bis ein steady state erreicht
ist.
Ein Pluspunkt für therapieuntreue Patienten?
Prof. Lüscher: In der Tat ist das bei diesem Mittel nicht so schlimm,
wenn einmal eine Tablette vergessen geht.
Lässt sich ein Patient
im Fall von Nebenwirkungen unter anderen Antihypertensiva problemlos auf Aliskiren
umstellen?
Prof. Nussberger: Das würde ich unbedingt bejahen. Wir haben zwar
noch keine grossen Endpunktstudien. Es macht aber keinen Sinn, auf diese Daten
fünfzehn Jahre lang zu warten, wenn man ein gutes Medikament hat. Deshalb
haben wir in der Hypertoniegesellschaft auch beschlossen, dass Aliskiren den
Status einer alternativen Initialtherapie erhält.
Muss der Hausarzt
beim Therapiebeginn mit Aliskiren auf irgendetwas achten? Z.B. auf Interaktionen
oder Komorbiditäten?
Prof. Nussberger: Wichtig ist, dass RAAS-Hemmer nie zu einem vorbestehenden
Diuretikum dazugegeben werden sollten, wegen des verminderten Volumens und des
dadurch möglicherweise zu grossen Blutdruckabfalls. Umgekehrt ist das kein
Problem: Wenn ein RAAS-Hemmer nicht ausreicht, kann ein Diuretikum zugegeben
werden.
Prof. Noll: Ich glaube, mit Aliskiren ist gleich zu verfahren wie mit
einem ACE-Hemmer oder einem ARB. Bei älteren Patienten muss man die gleichen
Vorsichtsmassnahmen ergreifen wie bei ACE-Hemmern. Bei Patienten mit eingeschränkter
Nierenfunktion kann sich die Nierenfunktion auch unter Aliskiren weiter verschlechtern
wie auch unter ACE-Hemmern und ARB. Bezüglich Interaktionen gibt es meines
Wissens keine grösseren Vorsichtsmassnahmen, die man ergreifen muss. Ich
würde allerdings Aliskiren nicht bei Ciclosporin-behandelten Transplantierten
einsetzen. Einerseits wegen möglicher zusätzlicher nephrotoxischer
Effekte und andererseits wegen einer möglichen pharmakokinetischen Interaktion.
Prof. Nussberger:
Eine Hyperkaliämie sollte schon immer erst ausgeschlossen werden. Bei Beginn
mit einer neuen RAAS-Hemmer-Stoffklasse soll auch das Kreatinin stetig kontrolliert
werden, bis die Therapie eingestellt ist.
Prof. Lüscher: Wichtig ist hier, dass man mindestens zehn Tage,
vielleicht sogar zwei bis drei Wochen, wartet, bis das System eingependelt ist
und das Gleichgewicht nach fünf Halbwertszeiten erreicht ist.
Lässt sich Aliskiren mit anderen Antihypertensiva kombinieren?
Prof. Nussberger: Mit einem Vasokonstriktor wie Aliskiren möchte
man als Zusatzoption eine Verminderung des Volumens. Das ist möglich mit
einem Diuretikum-Zusatz. Geplant ist längerfristig auch eine Kombination
mit dem langwirksamen Kalziumantagonisten Amlodipin.
Prof. Lüscher: Ich würde drei Kandidaten aufgrund der Datenlage
den Vorzug geben. Diuretika, ARB und Kalziumantagonisten. Kalziumantagonisten
zusammen mit RAAS Hemmern haben als Kombination erst jüngst wieder in der
ACCOM-PLISH- Studie überzeugen können, zuvor schon eigentlich in der
ASCOT- Studie.
Was läuft
auf dem Gebiet der Herzinsuffizienz?
Prof. Noll:
In Zürich sind wir beispielsweise an der multizentrischen ATMOSPHERE-Studie
beteiligt. Das ist eine Herzinsuffizienz-Langzeitstudie, die ACE-Hemmer-behandelte
Patienten erst einheitlich auf Enalapril standardisiert und dann in drei Armen
randomisiert Aliskiren vs. Aliskiren/Enalapril vs. Enalapril vergleicht. Das
beantwortet dann auch die Frage, ob die durch die Kombination komplettere RAASHemmung
sich auch in den harten Endpunkten niederschlägt.
Was hat Aliskiren denn bis jetzt bei Herzinsuffizienz gezeigt?
Prof. Noll: In der ALOFT-Studie wurde hypertonen, symptomatischen Herzinsuffizienzpatienten
während zwölf Wochen zusätzlich zu einer bestehenden Herzinsuffizienztherapie
Aliskiren 150 mg oder Plazebo gegeben. Unter dem Reninhemmer sank das BNP als
Marker des Füllungsdrucks zusätzlich, das Aldosteron im Urin sank
ebenfalls mehr als unter Plazebo. Bezüglich der neurohumoralen Marker ist
das ein günstiger Effekt zusätzlich zur bestehenden ACE-Hemmer-Behandlung.
Das war auch die Basis für die nun laufende ATMOSPHERE-Studie. Ich glaube,
dass jeder Herzinsuffizienzpatient zusätzlich mit einem RAAS-Hemmer behandelt
werden sollte. Werden weder ACE-Hemmer noch ARB vertragen, sollte Aliskiren
zum Zug kommen.
Wie schätzen Sie das nephroprotektive Potenzial dieses Reninhemmers
ein?
Prof. Nussberger: Es sieht viel versprechend aus. In der AVOIDStudie,
bei hypertonen Typ-2-Diabetikern mit bereits bestehender Nephropathie, konnte
trotz der guten RAAS-Blockade durch Losartan mit zusätzlichem Aliskiren
die Albumin/ Kreatinin-Rate noch weiter reduziert werden.
Prof. Lüscher: Es wird auch spannend zu klären sein, ob das Renin
selbst, das während AT1- oder ACE Blockade vermehrt sezerniert wird, für
die Niere schädlich ist, und ob eine direkte Hemmung der Reninsekretion
noch etwas zusätzliches bringt.
Hat der Reninhemmer auch ein Potenzial beim Hirnschlag?
Prof. Lüscher: Aus der LIFE-Studie mit Losartan vs. Atenolol weiss
man, dass AT1-Hemmer bei der primären Hirnschlagprophylaxe besser sind
als Betablocker. Das Resultat war verblüffend, war doch naheliegend, dass
eine Vorhofflimmer-Reduktion durch den Betablocker auch das Hirnschlagrisiko
entsprechend senken würde. Dass der AT1-Hemmer aber besser war, könnte
man damit erklären, dass das Remodeling des linken Vorhofs vermindert wird,
was ebenfalls zu weniger Vorhofflimmer- Episoden führt. Ob jetzt eine RAAS-Hemmung
an der Quelle zu gleichen Effekten führt, ist theoretisch denkbar, kann
aber definitiv noch nicht beantwortet werden. Dazu fehlen die Daten. vh fizienzpatient
zusätzlich mit einem RAAS-Hemmer behandelt werden sollte. Werden weder
ACE-Hemmer noch ARB vertragen, sollte Aliskiren zum Zug kommen.
Wie schätzen Sie das nephroprotektive Potenzial dieses Reninhemmers
ein?
Prof. Nussberger: Es sieht viel versprechend aus. In der AVOIDStudie,
bei hypertonen Typ-2-Diabetikern mit bereits bestehender Nephropathie, konnte
trotz der guten RAAS-Blockade durch Losartan mit zusätzlichem Aliskiren
die Albumin/ Kreatinin-Rate noch weiter reduziert werden.
Prof. Lüscher: Es wird auch spannend zu klären sein, ob das
Renin selbst, das während AT1- oder ACE Blockade vermehrt sezerniert wird,
für die Niere schädlich ist, und ob eine direkte Hemmung der Reninsekretion
noch etwas zusätzliches bringt.
Hat der Reninhemmer auch ein Potenzial beim Hirnschlag?
Prof. Lüscher: Aus der LIFE-Studie mit Losartan vs. Atenolol weiss
man, dass AT1-Hemmer bei der primären Hirnschlagprophylaxe besser sind
als Betablocker. Das Resultat war verblüffend, war doch naheliegend, dass
eine Vorhofflimmer-Reduktion durch den Betablocker auch das Hirnschlagrisiko
entsprechend senken würde. Dass der AT1-Hemmer aber besser war, könnte
man damit erklären, dass das Remodeling des linken Vorhofs vermindert wird,
was ebenfalls zu weniger Vorhofflimmer- Episoden führt. Ob jetzt eine RAAS-Hemmung
an der Quelle zu gleichen Effekten führt, ist theoretisch denkbar, kann
aber definitiv noch nicht beantwortet werden. Dazu fehlen die Daten. vh
Was die Studienakronyme
bedeuten:
ACCOMPLISH: Avoiding Cardiovascular Events Through Combination Therapy in
Patients Living with Systolic Hypertension
ASCOT: Anglo-Scandinavian Outcomes Trial
ATMOSPHERE: Aliskiren Trial to Minimize Outcomes in Patients with Heart
Failure
AVOID: Aliskiren in the Evaluation of Proteinuria in Diabetes
LIFE: Losartan Intervention for Endpoint Reduction in Hypertension Study
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