Medical Tribune Roundtable
Experten diskutieren auf der Schatzalp
DAVOS - Anlässlich des Cadiology Update 2009 organisierte Medical Tribune
ein Rundtischgespräch mit internationalen Experten im ehemaligen Sanatorium
aus Thomas Manns Zauberberg, dem heutigen Hotel "Schatzalp". Neben
den Experten kamen bei herrlichem Winterwetter auch ca. 50 Kardiologen als Zuhörer
zu dem Event, der dank freundlicher Unterstützung von Bayer Healthcare
und Boehringer Ingelheim realisiert werden konnte.
Medical Tribune: Herr Professor Yusuf, Sie sind zusammen mit Prof. Sleight der
Studienleiter von ONTARGET. Können Sie uns kurz das Wesentliche dieser
Studie aufzeigen?
Prof. Yusuf:
ONTARGET wurde 2008 am Jahreskongress des American College of Cardiology in
Chicago präsentiert. Die wichtigsten Details kurz zusammengefasst: Grosse
Studien wie HOPE haben gezeigt, dass bei Hochrisikopatienten das Risiko für
Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz durch ACE-Hemmer reduziert werden
kann. Bei ONTARGET wollte man wissen, ob Angiotensin- II-Antagonisten denselben
Effekt haben oder zumindest nicht unterlegen sind. Eine weitere interessante
Fragestellung war, ob man eine grössere Reduktion der Endpunkte erreicht,
wenn man Ramipril,den ACE-Hemmer, und Telmisartan, den Angiotensin-II-Antagonisten,
kombiniert.
Der Angiotensin-II-Antagonist Telmisartan ist dem ACE-Hemmer Ramipril äquivalent,
oder mit statistischer Terminologie ausgedrückt: Telmisartan ist Ramipril
im Sinne der Prävention des kardiovaskulären Todes, Herzinfarkt und
Schlaganfall nicht unterlegen.
Weiterhin: Der Angiotensin-II-Antagonist wurde besser vertragen. Das ist ein
gutes Ergebnis, finde ich. Es ist damit erwiesen, dass Telmisartan eine Alternative
zu ACE-Hemmern wie Ramipril ist.
Prof. Sleight: Man sollte noch darauf hinweisen, dass ONTARGET keine Hypertoniestudie
ist, die Patienten waren bereits zu Studienbeginn gut eingestellt.
Prof. Yusuf:
Für mich war es eine Überraschung, dass die Kombination des Sartans
mit Ramipril keinen zusätzlichen Vorteil gebracht hat, aber dafür
waren die unerwünschten Nebenwirkungen gravierender und mehr Patienten
haben die Therapie abgebrochen. Weiterhin hat sich herausgestellt, dass sich
bei manchen Patienten eine bestehende Nierendysfunktion weiter verschlechterte
und dass die Gesamtmortalität unter der Kombination signifikant höher
war.
Das zeigt, dass die Verordnung einer Kombination von Angiotensin- II-Antagonist
und ACE-Hemmer bei Patienten, die der Studienpopulation von ONTARGET entsprechen,
also Hochrisikopatienten sind, keine gute Idee ist. Trotz der Tatsache, dass
der Blutdruck um 3 mmHg zusätzlich gesenkt wurde. Aber das zeigt, es gilt
nicht immer: "Mehr ist besser." Ich finde, das ist ein wichtiges Ergebnis,
denn diese Kombination wurde in der Vergangenheit speziell in der Nephrologie
verschrieben. Die Kombination verschlechtert die glomeruläre Filtrationsrate
und führt zu mehr Dialysen. Allenfalls könnte es sein, dass bei Patienten
mit fortgeschrittener Nierenerkrankung, die bereits eine Proteinurie zeigen,
die Kombination von Sartan und ACEHemmer von Vorteil wäre. Das muss aber
erst noch nachgewiesen werden. Wir haben dank ONTARGET viele neue Dinge gelernt
und das Wichtigste, was wir gelernt haben, heisst: Telmisartan ist eine sinnvolle
Alternative zu Ramipril. Und: Verordnen Sie keine Kombinationstherapie!
Prof. Yusuf: Bei TRANSCEND war der primäre Endpunkt im Vergleich zu Plazebo
nicht signifikant. Der sekundäre Endpunkt, der identisch mit dem HOPE-Endpunkt
ist, war mit einer Risikoreduktion von 13 % signifikant. In der HOPE-Studie
gab es eine Risikoreduktion von 23 %. Aber, in TRANSCEND gab es sehr viel besser
therapierte Patienten als in HOPE, das könnte zu dem Unterschied geführt
haben. Das gilt auch für den Arm mit optimierter Standardtherapie. Eine
andere Sache: ACE-Hemmer-Unverträglichkeit bedeutet nicht nur Husten, sondern
es sind mehr Frauen als Männer und mehr Ältere als Junge von der Unverträglichkeit
betroffen. Damit sind die Patientenpopulationen in ONTARGET und TRANSCEND nichtnicht
mehr dieselben.
Herr Professor Sleight, können Sie uns etwas über den Zusammenhang
von Blutdruck und Schlaganfall in ONTARGET erklären?
Prof. Sleight: "Je niedriger der Blutdruck, desto besser", das empfehlen
die Guidelines. Wir hatten 25 000 Patienten, die über 56 Monate beobachtet
wurden. Wenn wir die Patienten Blutdruck-Quartilen zuordnen, dann sehen wir,
dass nicht alle vom tiefsten Blutdruck profitieren. Das liegt offensichtlich
daran, dass in einer älteren Population, die Guidelines so nicht gelten.
Die Empfehlungen sind Hochrechnungen aus epidemiologischen Studien. Es ist vielleicht
keine gute Idee, in einer Hochrisikopopulation wie dieser, den Blutdruck unter
130 mmHg zu senken.
Prof. Mach: Ich war sehr froh über das Ergebnis von ONTARGET und möchte
etwas zur Compliance sagen. In den Studien nehmen die Patienten ihre Medikamente,
die Tabletten sind abgezählt. Nebenwirkungen führen nicht gleich zum
Studienabbruch. In der Praxis ist das komplett anders. Für mich als Arzt
ist es wichtig, ein gutes und sicheres Medikament zur Verfügung zu haben.
Prof. Sleight: Angiotensin-II-Antagonisten werden besser vertragen als ACE-Hemmer.
Wirken die Angiotensin- II-Antagonisten denn alle gleich?
Prof. Mach: Ich muss ACE-Hemmer immer für zweimal täglich verschreiben.
Bei den Angiotensin-II-Antagonisten mit langer Halbwertszeit reicht die einmal
tägliche Gabe, um den Blutdruck über 24 Stunden zu kontrollieren
Prof. Yusuf: Ich weiss nicht, ob die Angiotensin-II-Antagonisten alle gleich
wirken. Es ist schwer zu zeigen, dass ein Medikament besser ist als das andere.
Für Losartan kann man sagen, dass es wegen seiner kurzen Halbwertszeit
kein "einmalam- Tag-Medikament" ist.
Verändern die ONTARGET-Ergebnisse irgendetwas bei Ihrer täglichen
Arbeit?
Dr. Mach: Die Ergebnisse von ONTARGET sind gut, indem sie zeigen, dass Telmisartan
dem ACE-Hemmer gleichwertig ist und die Kombination nichts bringt.
Prof. Yusuf: Meine Praxis hat sich durch ONTARGET verändert. Vorher habe
ich bei dieser Patientenpopulation mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko
keine Angiotensin- II-Antagonisten angewandt, selbst wenn die Patienten unter
ACE-Hemmern Nebenwirkungen entwickelt haben. Ich habe versucht, die Patienten
auf dem ACE-Hemmer zu halten. Nach ONTARGET verwende ich aus Kostengründen
immer noch Ramipril als Medikament der ersten Wahl, aber wenn die Patienten
es nicht tolerieren, das sind 20 bis 30 %, dann wechsle ich sofort auf ein Sartan.
Gibt es Patienten, bei denen ein Angiotensin-II-Antagonist Mittel der ersten Wahl ist
Prof. Mach: In der First-Line-Therapie sollten wir in der Regel ACE-Hemmer wählen,
das sind gute Medikamente, die vor allem preiswerter sind als die Angiotensin-II-Antagonisten.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass 10 % meiner Patienten ACE-Hemmer nicht
vertragen. Früher hiess es, "besser husten als sterben", das
gilt heute natürlich nicht mehr.
Prof. Lüscher: Die LVH ist eine interessante Indikation, genau wie die
Frage, ob Angiotensin-II-Antagonisten Schlaganfall reduzieren. Die Daten weisen
in die Richtung, dass Sartane den ACE-Hemmern hier überlegen sind. Prof.
Sleight: Aber wenn der Preis von ACE-Hemmern und Angiotensin- II-Antagonisten
derselbe wäre, würden wir doch letztere verschreiben, oder?
Prof. Lüscher: Sicher. Können wir noch weitere Subgruppen- Analysen
erwarten?
Prof. Yusuf: Ja, etwas über die ambulatorischen Blutdruckdaten und erektile
Dysfunktion. Die Daten über kognitive Dysfunktion zeigen einen Trend zugunsten
von Telmisartan. Das Problem mit den Studien ist, dass wir Fünfjahres-Studien
machen, was lang erscheint, aber in Wirklichkeit nicht lang genug sind. Wir
verordnen Medikamente wie Telmisartan 20 Jahre oder mehr.
Vermutlich unterschätzen
wir die Vorteile. Beispielsweise in TRANSCEND: Die Kurven des primären
Endpunkts starten zusammen, um sich dann am Ende der Studie zu separieren. Vermutlich
zeigen sich die wahren Vorteile, Schutz vor Atherosklerose, Remodeling am Gefäss
und am Herzen erst sehr viel später. Ich vermute, dass die Vorteile langfristig
betrachtet 30 bis 50 % besser sind, als wir es derzeit annehmen. Winfried Powollik
Zusammenfassung TRANSCEND
Frage: Ist Telmisartan einer optimierten Standardtherapie überlegen bei
Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko, die ACE-Hemmer nicht vertragen?
Outcome: primärer Endpunkt: kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall,
Hospitalisation wegen Herzinsuffizienz Design: n=6'666 randomisierte, plazebokontrollierte
Doppelblindstudie in 630 Zentren in 40 Ländern, 56 Monate Follow-up
Ergebnisse: Telmisartan reduzierte den primären Endpunkt um 8 % (p=0,22)
und den sekundären Endpunkt (kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt, Schlaganfall)
um 13 % (p=0,048).
Zusammenfassung ONTARGET
ONTARGET ist eine randomsisierte, doppelblinde Studie in die 25'620 Patienten
aus 630 Zentren in 40 Ländern rekrutiert worden sind. Patienten wurden
in die Studie aufgenommen, wenn sie 55 Jahre oder älter waren, an einer
koronaren, arteriellen peripheren Verschlusskrankheit, zerebrovaskulären
Ereignissen oder Diabetes mit Endorganschaden erkrankt waren. Patienten mit
einer unkontrollierten Hypertonie oder manifester Herzinsuffizienz wurden ausgeschlossen.
Die Patienten erhielten 80 mg Telmisartan plus Ramipril-Plazebo, 10 mg Ramipril
plus Telmisartan-Plazebo oder 80 mg Telmisartan plus 10 mg Ramipril. Der Follow-up
betrug 56 Monate. Der primäre Endpunkt ist definiert als kardiovaskulärer
Tod, akuter Myokardinfarkt, nicht-tödlicher Schlaganfall, und Hospitalisation
wegen Herzinsuffizienz. Der sekundäre Endpunkt besteht aus neu diagnostizierter
Herzinsuffizienz, neu aufgetretenem Diabetes oder neu aufgetretenem Vorhofflimmern,
Revaskularisation, beginnender Demenz und Neuropathie. Ergebnisse: Telmisartan
ist dem Ramipril äquivalent hinsichtlich des primären zusammengesetzten
Endpunkts (p=0,0045). Die Ergebnisse sind konsistent beim sekundären Endpunkt
und in den Subgruppen. Telmisartan ist besser verträglich als Ramipril
(Husten und Angioödeme), bei etwas mehr leichten hypotensiven Symptomen.
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